Bauernproteste

Auch die Iserlohner Landwirte haben die Nase voll

Für ein Protestfeuer hat Ulrich Brinckmann (li.) keine Genehmigung bekommen. Ihre Unterstützung der bundesweiten Bewegung drücken die heimische Bauern auf Hof Brinckmann, zum Teil mit Familie, mit Feuerwerksfackeln.

Für ein Protestfeuer hat Ulrich Brinckmann (li.) keine Genehmigung bekommen. Ihre Unterstützung der bundesweiten Bewegung drücken die heimische Bauern auf Hof Brinckmann, zum Teil mit Familie, mit Feuerwerksfackeln.

Foto: Michael May / IKZ

Kalthof.  Stigmatisiert, gegängelt, zwischen den Fronten zerrieben: Iserlohner Bauern sehen sich als Verlierer einer Debatte, die nicht immer sachlich ist.

Die Bauernproteste in Berlin lassen die heimischen Landwirte nicht kalt. Im Gegenteil: Eine Hand voll von ihnen ist in die Hauptstadt gefahren und war dabei, als tausende von Treckern den Verkehr an der Siegessäule blockierten und ein Heer aus Fachkollegen Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) demonstrativ den Rücken zuwandte. „Alles ist friedlich geblieben, das macht mich stolz“, sagt Ulrich Brinck­mann, Kalthofer Landwirt und 2. Vorsitzender des Landeswirtschaftlichen Kreisverbandes Märkischer Kreis und lobt die Kollegen, die sich basisdemokratisch in der bundesweiten Initiative „Landwirtschaft schafft Verbindung“ engagieren. An der Kundgebung teilzunehmen, könne bedeuten, zwei Tage lang nicht auf dem Hof zu arbeiten.

Die Berufsverbände mussten in Berlin auch Kritik aus den eigenen Reihen einstecken, manche Landwirte fühlen sich von ihnen nicht mehr vertreten. Brinckmann beschwört die Einheit: „Gerade jetzt dürfen wir uns nicht entzweien lassen. Aus meiner Sicht haben die Verbandsvertreter in Berlin besonnen gehandelt, niemand hat sich in den Vordergrund gedrängt.“ Kritikwürdig finden Brinckmann und ein halbes Dutzend Kollegen, die sich am Dienstagabend für ein Gespräch mit mit unserer Zeitung getroffen haben, das Verhalten von Politik und Wirtschaft und die Einstellung gegenüber Bauern in der Bevölkerung.

Vorurteile im Unterricht geschürt – ein Einzelfall?

Schuld an letzterer sei teilweise auch der Schulunterricht, wenn dort tendenziöse, undifferenzierte Aussagen wie „Die Bauern vergiften uns“ vermittelt würden, wie Sebastian Moneke aus Sümmern von den eigenen Kindern hören musste, wie er und seine Frau berichten. Auch Ludwig Bedehäsing von der Rheinermark, der mit seinem Sohn Lutz am Tisch sitzt, kennt solche Vorwürfe: „Ihr quält die Tiere, ihr lasst die Bienen verhungern, wird gesagt. Dabei geben wir uns alle Mühe. Unsere Schweine haben so viel Platz, die könnten Rennen veranstalten.“

Christian Drepper aus Sümmern wirft der Politik populistischen Aktionismus vor: „Was da propagiert wird, widerspricht der Lehrmeinung. Blumenwiesen statt Nahrungsproduktion – wo soll das Essen denn herkommen?“ Lutz Bedehäsing fürchtet, die Antwort zu kennen: „Aus dem Ausland, produziert zu unterirdischen Bedingungen. Wenn sich nichts ändert, wird es den deutschen Landwirten genauso ergehen wie der deutschen Textilindustrie.“ Die Politik bevorzuge andere Wirtschaftsbereiche wie die Automobilindustrie und Banken, Landwirte bekämen viel zu wenig Aufmerksamkeit, klagt Brinckmann. „Drei Stunden will sich die Kanzlerin für ein Treffen mit Fachvertretern nehmen? Zwei Tage wären das Mindeste, so viel Zeit ist für andere Branchen ja auch.“ Die Landwirte würden zerrieben zwischen immer neuen Auflagen von EU- bis Landesebene und dem Lebensmittelhandel, der die Preise diktiere und die Bauern gegeneinander ausspiele, während die Kartellbehörde die Augen verschließe, sind sich die heimischen Landwirte einig.

Preisdiktat der Supermärkte sorgt für Frust bei Landwirten

Von der Politik fordern sie, den Fachleuten zuzuhören und klare Ansagen zu machen. „Wir wollen nicht mehr Geld, wir wollen wissen, wohin die Reise gehen soll und dafür einen vernünftigen Fahrplan“, sagt Fritz Otto Westhelle aus Drüppling­sen. Ulrich Brinckmann stimmt zu: „Ich fühle mich immer noch gut als Landwirt, aber die Leute müssen unsere Situation begreifen. Wenn wir aufhören, Unternehmer zu sein, werden wir zu Unterlassern.“

Am Markt zu überleben, sei trotz Agrarhilfe und Subventionen schwerer geworden. „Das ist Krieg“, kommentiert Drepper den Konkurrenzkampf beim Verkauf an die Supermärkte: „Wenn der Landwirt eine halbe Stunde zu spät an der Rampe ist, muss er einen neuen Preis akzeptieren oder seine Ware wieder mitnehmen.“ Mindestpreise für Lebensmittel könnten helfen, lautet ein Vorschlag aus der Runde.

Für das negative Bild der Bauern in der Öffentlichkeit macht Ulrich Brinckmann auch NGOs wie Greenpeace verantwortlich: „Die fahren eine Kampagne nach der anderen gegen uns. So vergessen die Leute, dass wir sie satt machen.“ Hetze in den „Sozialen Medien“, die unkritisch übernommen werde, tue ihr Übriges, ergänzt Lutz Bedehäsing – auf Facebook und Co will die Bauerninitiative präsenter werden und für Gegenwind sorgen.

Der Konflikt von Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz und der rauer werdende Markt seien nicht die einzigen Problemfelder, erklärt Brinck­mann: „Die Dokumentationspflichten sind kaum zu bewältigen. Das wird dazu beitragen, dass Höfe aufgegeben werden, spätestens beim Generationswechsel.“ Sebastian Moneke warnt : „Wenn es so weitergeht, wird es in 20 Jahren kaum noch Familienbetriebe geben.“

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