Konzert

An den Grenzen der Dynamik

Solo-Oboist Manuel Bilz interpretiert im Parktheater mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln unter der Leitung von Constantinos Carydis das

Solo-Oboist Manuel Bilz interpretiert im Parktheater mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln unter der Leitung von Constantinos Carydis das

Foto: Emily Karacic

Iserlohn.   Das WDR-Sinfonieorchester hat ein Pracht-Menü mit enttäuschendem Hauptgang serviert.

Zwei Stück Mozart, dazwischen ein Filet vom Richard Strauss, garniert mit Spitzenmusikern – fertig ist das Rezept für das Konzert des WDR-Sinfonieorchesters Köln am vergangenen Samstag im Parktheater. Ein unzusammenhängendes Programm? Mitnichten. Denn auch, wenn zwischen der Sinfonie Nr. 25 g-Moll von Mozart und Strauss’ Konzert für Oboe und kleines Orchester satte 172 Jahre liegen, so teilen diese Werke doch eine erstaunliche Klarheit und Transparenz. Die „Jupiter“-Sinfonie in der zweiten Konzerthälfte bildet den Mozart’schen Rahmen des Abends.

Ohne Umschweife beginnt Dirigent Constantinos Carydis die Sinfonie, er legt ein energisches Tempo vor. Der Synkopenrhythmus des ersten Motivs der sogenannten „kleinen g-Moll-Sinfonie“ eilt dahin, das Orchester folgt gehorsam. Bereits nach den ersten wenigen Takten wird klar, dass Carydis seinen Klangkörper voll im Griff hat – ob nachdrückliche, große Gesten, oder nahezu gar keine Bewegung, die Musiker nehmen alle Zeichen anstandslos ab.

Sensationell sanfter Ton von Solo-Oboist Manuel Bilz

Der erste Mozart bietet ein perfekt austariertes Klangbild. Kontrastierende Stimmen sind transparent auszumachen, einzelne Register erklingen wie aus einem Guss. Nach der ersten Phrase der Reprise baut Carydis eine kleine, kaum wahrnehmbare Pause ein, was das Spannungsmoment drastisch erhöht. Auch wenn der Zuhörer weiß, wie es weitergeht, wird er doch für diesen winzigen Augenblick in der Schwebe gelassen – ein wirkungsvolles Mittel. So wild, wie der erste Satz begonnen hat, so plötzlich verschwindet er im Nichts.

Im zweiten Satz arbeitet der Dirigent feinste dynamische Unterschiede heraus, das folgende Menuett ist überraschend breit, was aber zum ungestümen ersten Satz passt. Im Finale drückt Carydis wieder aufs Gaspedal, hat aber alles unter Kontrolle. Von nahezu unhörbar bis aufbrausend wild reizt er die Grenzen der Dynamik aus und sorgt so für einen fulminanten Abschluss des ersten Werks.

Die nächsten 25 Minuten gehören ganz Manuel Bilz, erster Oboist des Orchester und Solist des Abends. Auf ein simples, rollendes Cello-Motiv legt sich der Oboist mit sensationell sanftem Ton und lädt das Publikum zum schwelgen ein. Für ein Werk des 20. Jahrhunderts (1945), hält Richard Strauss sein Oboen-Konzert sehr klassisch. Die Oboe sekundierenden Soli anderer Einzelinstrumente und klangflächenartige Akkorde der übrigen Streicher kreieren eine angenehm warme Atmosphäre – passend zur Temperatur des Saals. Dass sich Bilz zwischendurch den Schweiß von der Stirn wischen muss, liegt jedoch sicherlich eher an dem unwahrscheinlich kräftezehrenden Stück. Strauss hat es „attacca“ komponiert – zwischen den einzelnen vier Sätzen findet keine Unterbrechung statt, in der sich der Solist entspannen könnte. Wie an der Schnur gezogen interpretiert Bilz dieses Werk, an keiner Stelle ist ein Spannungsabfall zu spüren. Auch die virtuosen Kadenzen spielt er ohne jede Aufregung.

Jupiter-Sinfonie irritierend und undifferenziert

Das Publikum ist schwer begeistert und wird mit einer Zugabe belohnt. Der erste Satz „Pan“ aus Benjamin Brittens „Sechs Metamorphosen“ ist gleichzeitig ein Geburtstagsgruß an den Vorsitzenden des Fördervereins des Parktheaters, Werner Isenberg, der tags zuvor einen runden Geburtstag gefeiert hat.

Das Oboen-Konzert soll das musikalische „Filetstück“ des Abends bleiben. Sehr kurz, nahezu schroff, sind die prägnanten ersten Schläge des „Jupiter“. Was zunächst noch vertretbar erscheint, wirkt im Verlauf des Werks zunehmend irritierend. Wie in der g-Moll-Symphonie will Carydis die Mozart’sche Dynamik voll auskosten, jedoch sprengt er in Mozarts letzter Symphonie diesen Rahmen. Zu gewaltig die Tutti-Ausbrüche, zu stechend die Trompeten, zu hart die Paukenschläge. War die Interpretation zu Beginn des Konzerts noch klar und transparent, so ist der „Jupiter“ leider überwiegend undifferenziert. Besonders schade ist dies im Finale, in dem Mozart in der Schlussfuge fünf verschiedene Motive übereinander legt. Durch Carydis’ forsche Herangehensweise geht dieser kompositorische Geniestreich jedoch nahezu völlig unter. Viele Köche verderben den Brei – zu viel Energie trübt die Sinfonie. Dazu kommen eigenartige Ideen wie unpassende Einschnitte und willkürliche Artikulation. Die Interpretation ist einfach insgesamt nicht stimmig, nicht konsistent – ein eher enttäuschender Hauptgang. Das volle Parktheater zeigt sich dennoch enthusiastisch, konnte doch der Rest des Konzerts zur Gänze überzeugen.

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