Iserlohner beim Kirchentag

Alles das, was die Menschen bewegt

Vor der #containerkiezkirche (v. li.): Laurin, Jörg Chilla, Maja.

Vor der #containerkiezkirche (v. li.): Laurin, Jörg Chilla, Maja.

Foto: Tim Gelewski / IKZ

Iserlohn/Dortmund.  Von Mittwoch bis Sonntag läuft in Dortmund der evangelische Kirchentag – mit Iserlohner Beteiligung.

Dortmund trägt dieser Tage grün statt schwarz-gelb: Fahnen, Aufsteller, Plakate, T-Shirts und mehr – das Grün des diesjährigen Evangelischen Kirchentags dominiert in der Stadt. Gut 2400 Veranstaltungen sind von Mittwoch bis Sonntag angesetzt, Glaube, Politik, Umwelt, Soziales, Kabarett, Theater, Ausstellungen, Workshops und Konzerte – 600 Seiten Programm, das Motto: „Was für ein Vertrauen.“

Besuch in der Dortmunder Nordstadt, kurz nach 8 Uhr am Donnerstag. Hinter der mit Brettern vernagelten, abbruchreifen Anne-Frank-Gesamtschule erhebt sich die Libellen-Grundschule. Hier übernachtet die Delegation des Evangelischen Kirchenkreises aus Iserlohn, gut 20 Jugendliche plus Betreuer.

Frühstück, der Blick geht aufs Handy, die Kirchentags-App, Pläne werden spontan geschmiedet. Schnell leert sich der Tisch. Station eins ist für Clara (19), Lia (20) und Andreas (19) das Zentrum der Jugend, eine Art Festival-Gelände auf dem Fredenbaum-Platz. Auch Jugendreferent Jörg Chilla ist mit Sohn Laurin (11) und Maja (14) in die gleiche Richtung unterwegs.

Hat er das jetzt wirklich gesagt? Gelächter setzt ein

Der Tag wird eröffnet mit Bibelarbeit. In einem proppevollen Zelt. Hunderte Zuhörer, kaum ein Dutzend über 30 Jahre alt.

Bibelarbeit? Vorne steht jetzt ein Mann, der ohne Unterarme geboren wurde. Und macht Witze über Inklusion. Er heißt Rainer Schmidt, ist Theologe, Paralympics-Sieger im Tischtennis und Comedian. Eines seiner Programme hieß mal „Däumchen drehen“. „Abendsegen, Tag der Begegnung, ist das geil“, fasst Schmidt den Vortag zusammen. Und erzählt, wie er mal einem Mann erklärt habe, seine fehlenden Unterarme seien die Folge eines missglückten Suizid-Versuchs: „Falsch rum auf die Gleise gelegt. Hui!“

Hat der das jetzt gesagt? Gelächter. Langsam anschwellend.

Schmidt kann aber auch anders. Ernster. 45 Sekunden lang soll jeder einem möglichst fremden Sitznachbarn erklären, warum er glaubt. Und wie.

„Ich glaube an Gott, aber nicht an ausgedachte Geschichten wie die von Adam und Eva“, erzählt etwa Maja. Laurin stellt sich Gott nicht als Wesen, eher als Energie vor, erzählt er später im Schatten der „Kiez-Kirche“, die am Fredenbaum komplett aus Containern errichtet worden ist.

Vor der Kirchen-Konstruktion steht eine Bar, hinten baumelt eine Diskokugel. „Wo der DJ den Segen spendet“, titelt eine Dortmunder Zeitung ihren Bericht über das Bauwerk. Laurin und Maja wollen aber lieber aufs Wasser als tanzen, und zwar in aufblasbaren Kugeln.

Sport, Entertainment, Kurzweil gibt es hier reichlich. Doch was hat das Ganze eigentlich noch mit Glauben zu tun? Oder dem Kirchentag-Motto, bei dem es ja um Vertrauen geht?

„Sehr viel“, meint zum Beispiel Luca (18), Initiator der „Friday for Future“-Demonstrationen in Iserlohn, der mit Maike (16) und Lena (16) unterwegs ist und gerade vor dem Baumhaus steht, das der CVJM gut 100 Meter von der Kiez-Kirche entfernt in den Park gebaut hat.

„Kirche, Politik, Sport und Gesellschaft – hier kommt eigentlich alles zusammen, was die Menschen bewegt“, meint Luca. „Und dass hier so viele Menschen unterwegs sind und alles so friedlich ist – das hat auch mit Vertrauen zu tun“, meint Lena. „Und dass man das Gefühl hat, jeden fragen zu können, wenn man Hilfe braucht“, ergänzt Maike.

„Vertrauen – das bedeutet auch die Freiheit zu haben, man selbst zu sein beziehungsweise Menschen zu haben, die das zulassen“, sagt Luca noch. „Vertrauen bedeutet, dass man sich als Person ganz preisgeben kann, nicht schämen oder verstecken muss. Es ist wichtig in der Freundschaft und in der Beziehung zu Gott“, hatte schon am Morgen Clara erklärt.

Zwischenmenschlichkeit, Gemeinschaft, Teil eines großen Ganzen sein also. Nach ihrer Ankunft stand für die Iserlohner am Mittwoch der Abend der Begegnung in der Dortmunder Innenstadt an. Die Iserlohner Fraktion, mit dabei auch der Verein „Lebenswert“, hatte dafür einige Stände aufgebaut.

„Das lässt sich gar nicht so richtig in Worte fassen“

Essen, Trinken, Begegnung, Kopfhörer- oder auch Silent-Disko. Und Drahtkugeln. Die nämlich gibt es an den Ständen zum Einsammeln, quasi als symbolisches Kennenlern-Geschenk. „Einfach rumgehen, reden und schauen“, sagt Lia. Für sie ein erstes Highlight.

„Es ist einfach etwas völlig anderes, eine ganz eigene Erfahrung, wenn man das ,Vaterunser’ mit 1000 Menschen gemeinsam spricht“, berichtet Jugendreferent Jörg Chilla vom großen Abendsegen am Mittwoch, den es in der Stadt an verschiedenen Orten während des Kirchentags gibt. „Das lässt sich gar nicht so richtig in Worte fassen.“

Doch die Jugendlichen, so meint er, wären durchaus auch bereit, sich über Spaß und Events hinaus bewusst mit Themen auseinanderzusetzen. „Die wollen sich auch mal reiben und auseinandersetzen.“

Lia, Clara und Andreas zum Beispiel haben einen Teil ihres Nachmittags am Donnerstag in einem Workshop zum Thema „Glauben, Religion und Sexualität“ verbracht.

Wer macht sowas, wenn draußen die Sonne scheint?

„Zum Beispiel jemand, der Christ ist und trotzdem Sex haben möchte“, sagt Andreas trocken. Auch wieder wahr.

Überhaupt: Themen und die Bereitschaft, sich friedlich auseinanderzusetzen, gibt es reichlich. Migration lautet einer dieser Schwerpunkte. Auch Umwelt und Klima scheinen in den Fokus gerückt zu sein. „Das war aber auch in den Vorjahren schon Thema“, sagt Clara, die mit einer Ausnahme seit 2010 jeden Kirchentag besucht hat. „Aber vielleicht steht es jetzt mehr im Mittelpunkt.“

Es ist spät geworden. Clara, die sich ein Theaterstück über Dietrich Bonhoeffer angesehen hat, trifft Lia, Andreas und Bastian (18) am Stadtgarten vor dem Rathaus.

Überall in der Stadt ist Musik. Und selbst die U-Bahn-Haltestelle Stadtgarten, im Dortmunder Sprachgebrauch eher als „schabbelig“ verschrien, wirkt heute freundlich und einladend, weil gerade ein Chor unter der Glaskuppel singt, draußen eine Bläserkapelle spielt.

Dortmund trägt Grün – es steht der Stadt nicht schlecht.

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