Schule

Schulnoten mal anders: Ein Herner Lehrer bewertet die Eltern

Ein Herner Lehrer hat Kopfnoten verteilt - diesmal für Eltern.

Ein Herner Lehrer hat Kopfnoten verteilt - diesmal für Eltern.

Foto: Jakob Studnar

Herne.  In diesen Tagen werden die Noten für die Schüler festgelegt. Doch wie würde es aussehen, wenn Eltern Noten bekämen? Ein Herner Lehrer erzählt.

Keine zwei Wochen mehr bis zu den Sommerferien. In den Schulen hat die Phase der Zeugniskonferenzen begonnen. Doch was würde eigentlich dabei heraus kommen, wenn Lehrer nicht ihre Schüler, sondern deren Eltern benoten? Die WAZ hat mit einem Lehrer einer weiterführenden Schule gesprochen.

Noten für Eltern, das ist natürlich eine sensible Angelegenheit, deshalb soll der Name des Lehrers keine Rolle spielen, nur so viel: Er gehört zu den jüngeren Kollegen, hat aber - auch weil er Klassenlehrer ist - inzwischen so viel Erfahrung, dass er sich ein Urteil erlauben kann. Noten von „sehr gut“ bis „ungenügend“ zu verteilen, das würde ihm schwer fallen, sagt er, aber das sei auch bei den Schülern der Fall. Vielleicht kann man seine Kategorien als Kopfnoten bezeichnen.


Herner Lehrer vergibt „Noten“ für Eltern – Das sind die typischen Charaktere


Die Engagierten

Bei den Kindern dieser Eltern merke er, dass sie eine Erziehung erfahren. Zwar gebe es bei dieser Erziehung unterschiedliche Stile, aber es offenbare sich, dass die Kinder Regeln und Werte vermittelt bekämen. Diese Eltern fragten nach der Leistung und dem Wohlbefinden ihrer Kinder, nähmen aber auch vom Lehrer Ratschläge an und setzten diese zu Hause um.

So werde zwischen Eltern, Lehrern und Kind ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut, das im weiteren Verlauf die Zusammenarbeit erleichtere. Und: Diese Eltern seien es auch, die bei Schulveranstaltungen mithelfen. Die Beobachtung des Autors: Geht es um Schulfest oder Ähnliches, engagieren sich die „üblichen Verdächtigen“.

Apropos Engagement: Eine Beobachtung des Lehrers ist, dass die Beteiligung der Eltern an Elternabenden im Laufe der Zeit sinke. Sei es beim ersten noch recht voll, werde es im Laufe der Zeit übersichtlich.

Die Besserwisser

Diesen Eltern-Typus gebe es auch deshalb, weil jeder glaube mitreden zu können. Schließlich war jeder mal selbst in der Schule. Das ärgert den Lehrer: Einem Arzt werde ja auch nicht gesagt, wie er zu behandeln hat. „Lehrer sind nicht umsonst fachlich und pädagogisch ausgebildet.“

Wenn nicht alles nach den Wünschen der Besserwisser laufe, würden Konsequenzen angedroht, bis hin zu rechtlichen Schritten. Manche Maßnahme der Schule werde nicht unwidersprochen hingenommen. „Das kostet Zeit und Energie, die man verliert, um sie in die Kinder zu investieren.“

Der mögliche Hintergrund: Die Eltern seien so auf ein gutes Abitur fokussiert, dass Probleme für die Kinder aus dem Weg geräumt werden müssen. Dabei hält der Lehrer einen guten Realschulabschluss für wertvoller als ein schlechtes Abitur.

Die Ja-Sager

In diese Kategorie stuft der Lehrer jene Eltern ein, die in Gesprächen mit ihm die erwünschten Antworten geben. Doch frage er nach einer gewissen Zeit nach, stelle er fest, dass nichts passiert sei, etwa wenn die Kinder beim Lernen und Üben zu Hause etwas angeschoben werden müssten. Vielleicht liege das daran, dass diese Eltern auch mit sich selbst überfordert seien. Das Ja-Sagen sei eine Schein-Kooperation, „aber diese Eltern kenne ich zumindest“.

Die Unsichtbaren

„Ich kenne nicht alle Eltern meiner Schüler“, lautet eine Erkenntnis des Lehrers. Und das nach mehreren Jahren als Klassenlehrer. Das bedeute nicht zwangsläufig, dass diese Kinder große fachliche oder soziale Probleme hätten, aber es sei des Öfteren der Fall.

Diese Unsichtbarkeit passt zu der Entwicklung, dass von Lehrern direkt oder indirekt erwartet wird, dass die Schule die Kinder erzieht. Ohne Kontakt zu den Eltern sei es schwierig, auf die Kinder einzuwirken und den Stoff zu vermitteln, gerade wenn Kontaktversuche erfolglos blieben.

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