Samstagsinterview

Polizistenberuf? „Eine meiner schlausten Entscheidungen“

Arnold Plickert war mehr als 40 Jahre im Polizeidienst und fast sechs Jahre NRW-Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Arnold Plickert war mehr als 40 Jahre im Polizeidienst und fast sechs Jahre NRW-Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Foto: Martin Meissner

Herne.   Nach mehr als 40 Jahren im Polizeidienst geht Arnold Plickert in den Ruhestand. Im Gespräch mit der WAZ blickt er zurück auf seine Arbeit.

Nach über 40 Jahren im Polizeidienst und fast sechs Jahren als NRW-Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei geht Arnold Plickert in den Ruhestand. Im Gespräch mit WAZ-Redakteur Tobias Bolsmann blickt der 61-Jährige Wanne-Eickeler zurück und spricht über Dinge, die er mit der Gewerkschaft erreicht hat - und welche nicht.

Herr Plickert, wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken: Würden Sie sich nochmal für den Polizistenberuf entscheiden?

Plickert: Das war eine meiner schlausten Entscheidungen. Ich habe ursprünglich Industriekaufmann gelernt und auch in dem Beruf gearbeitet, habe mich dann aber entschieden, es nochmal woanders zu probieren. Ich habe mich bei der Polizei beworben und es keinen Tag bereut. Das war für mich eine tolle Zeit, und ich würde jedem jungen Menschen empfehlen, sich dafür zu interessieren. Allerdings mit Realitätsbezug. Polizei ist nicht wie Tatort am Sonntagabend. Dort wird nicht die reale Welt gezeigt: Zur Polizeiarbeit gehören auch gewaltbereite Fußball-Hooligans, Demos mit hohem Gewaltpotential sowie Früh-, Spät und Nachtdienst im Streifenwagen. Das Haus Polizei hat viele Wohnungen, in die man im Laufe einer Dienstzeit ein- und umziehen kann. Man hat die Möglichkeit in vielen unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten, wo hat man das schon wo anders?

Wenn Sie Bilanz ziehen: Wo sehen Sie Erfolge, wo Misserfolge?

Einer der größten Erfolge, die ich erzielt habe, ist das Umsteuern beim Personal. Nachdem ich Ende 2012 Landesvorsitzender geworden bin, war meine erste Aktion im Februar 2013, als wir landesweit für mehr Personal auf die Straße gegangen sind. Damals hatten wir 1400 Einstellungen pro Jahr, und jetzt stellen wir 2300 ein. Dazu kommen nochmals 2500 Tarifbeschäftigte bis 2022. Hierdurch kommt es mittelfristig zu einer echten Personalverstärkung in der Polizei NRW.

Reichen diese Neueinstellungen?

Es reicht unter einer Voraussetzung: Wenn wir die, die durchfallen, nochmal drauflegen. Wir verlieren im ersten Studienjahr 100 bis 150 Durchfaller, deshalb müsste die Gleichung heißen: 2300 plus die Zahl der Durchgefallenen. Das wird aber kurzfristig auch nicht zu einer riesigen Verstärkung führen, weil jetzt die Jahrgänge in Pension gehen, die zu den Zeiten der RAF eingestellt worden sind.

Was bedeutet das für Herne?

Bis 2022 werden in Herne nicht mehr Polizistinnen und Polizisten ankommen, trotz der von der Politik versprochenen Mehreinstellungen. Deshalb ist es gut, dass die Landesregierung bis 2022 jährlich 500 Tarifbeschäftigte zusätzlich einstellen will. Hierdurch besteht die Möglichkeit, Polizisten von Verwaltungsaufgaben zu entlasten und für operative Aufgaben (Wach- und im Ermittlungsdienst) einzusetzen. Aber langfristig werden wir 4500 Beschäftigte mehr als heute in der Polizei haben. Das ist schon eine echte Personalentlastung.

Wie wäre die Situation ohne diese Aufstockung?

Ohne diese Maßnahmen hätte das Polizeipräsidium Bochum bis zum Jahr 2020 rund 200 Polizistinnen und Polizisten verloren. Dies hätte auch die Polizeiwachen in Herne und Wanne-Eickel betroffen. Dazu muss man wissen, dass in den Wachen Herne und Wanne-Eickel 168 Kollegen und Kolleginnen ihren Dienst versehen. 200 Stellen weniger wäre für das PP Bochum der Super-GAU gewesen.

Was verbuchen Sie noch auf der Habenseite?

Den Besoldungskonflikt 2013 mit der Landesregierung, als Nullrunden für die Beamten verordnet worden waren. Damals musste ich als gelernter Polizist zum ersten Mal in Besoldungsverhandlungen einsteigen. Das war für mich völliges Neuland. Die Landesregierung wollte bei den Beamten 700 Millionen Euro strukturelle (also für immer) Einsparungen verordnen. Nach unzähligen Demonstrationen und knallharten Verhandlungen ist es gelungen, davon 480 Millionen Euro zu retten. Diese 480 Millionen sind bis heute für alle aktiven Beamten und Pensionäre erhalten geblieben.

Eins der großen Themen, die auch in Ihre Amtszeit gefallen sind, ist die Diskussion um sogenannte Angsträume, Brennpunkte oder No-Go Areas:

Ich war der Erste, der dieses Thema vor etwa drei Jahren offensiv in die Medien und damit in die Öffentlichkeit gebracht hat. Heute freue ich mich, dass die Politik endlich das realisiert, was draußen auf der Straße abläuft und nicht mehr versucht, alles kleinzureden. Um es nochmals deutlich zu sagen, es gibt in NRW keinen Stadtteile und keine Straße in die Polizei nicht hereinfährt. Richtig ist aber auch, dass wir in manchen Stadtteilen warten, bis ein zweiter und dritter Streifenwagen da ist. Und richtig ist auch, dass sich Bürger abends zur Dunkelheit nicht mehr trauen überall hinzugehen. Dieses Problem wird jetzt konsequent polizeilich angegangen. Wir setzen in den Problemvierteln konsequent Bereitschaftspolizei ein, die niederschwellig (auch bei kleinsten Verstößen) einschreiten Die Razzia im Essener Nordviertel hat dies in der letzten Woche nochmals verdeutlicht. Aber auch das wird nicht alleine nützen.

Warum? Was fordern Sie?

Die Probleme sind vielschichtiger. Wir müssen in Bildung, Prävention und Wohnumfeldverbesserungen (Abriss von Schrottimmobilien) investieren. Wenn das Problem bei der Polizei, ist es schon viel zu spät. Zu glauben, dass wir kurzfristig eine Änderung zum Positiven hinkriegen, ist deshalb eine Illusion. Wir haben es Jahrzehnte lang verschlafen und es wird nochmals so lange dauern die Situation zurückzudrehen.

Wie beurteilen Sie die Situation in Herne?

Diese Strukturen und Viertel sind in Herne überhaupt nicht vorhanden, es gibt an der Emscherstraße vereinzelte Lärm- und Müllprobleme, aber nicht in der konzentrierten Form, dass man sich im Dunkeln nicht mehr daher traut bzw. meine Kollegen/Innen ständig attackiert und angepöbelt werden.

Ist die Polizei Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Probleme, die vorher nicht angegangen worden sind?

Das ist manchmal so. Da, wo Gesellschaft zu lange wartet, und die Symptome immer weiter laufen lässt, halten oftmals wir den Kopf dafür hin. Die Gewalt gegen Polzisten und Rettungskräfte hat mit 18.000 Übergriffen im Jahr ein unerträgliches Maß erreicht.

Woran erinnern Sie sich nicht so gerne?

Ich war am Tag der Love-Parade in Duisburg und und ca. 1 Stunde vor der Tragödie noch auf dem Platz. Ich hätte mir Szenen wie wir sie in Kölner Silvesternacht gesehen haben nicht vorstellen können. Ich denke an massive Gewaltexzesse in Gorleben und Berlin aber auch an menschliches Leid, was einem in diesem Beruf begegnet. Dazu gehören auch die Stunden, wenn ich am Grab von im Dienst getöteten Kolleginnen und Kollegen gestanden habe. steht.

Was sagen Sie Menschen, die behaupten, dass man sich in Herne nicht mehr vor die Tür trauen kann?

Denen würde ich antworten, geht in die Stadt, geht an den Kanal und geht in den Gysenberg, ihr braucht hier keine Angst zu haben, wir passen auf euch auf.

Ein Thema, was die Herner Bürger in den vergangenen Jahren bewegt hat, sind die Tageswohnungseinbrüche. Die Zahl ist deutlich zurückgegangen. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe?

Jede Behörde hat Wohnungseinbrüche auf Priorität 1 gesetzt. Wir haben behördenübergreifende Ermittlungskommission gebildet und führen ein Landeslagebild Wohnungseinbruch beim LKA. Unterstützt wird dies durch ständige Schwerpunkteinsätze, bei denen wir ganze Stadtviertel abriegeln und kontrollieren. Dazu gibt es eine Strafrechtsverschärfung. Wer jetzt gefasst wird, fährt erstmal für ein Jahr ein. Das schreckt ab und hat dazu geführt, dass organisierte Gruppen um Deutschland einen Bogen in Richtung Nordeuropa machen. Trotzdem dürfen wir mit unseren Bemühungen und Kontrollen nicht nachlassen. Wohnungseinbrüche belasten die Menschen psychisch enorm. Von daher ist es gut, dass es der Polizei gelungen ist, die Einbrüche in den letzten zwei Jahren um ca. 20.000 zu reduzieren. Es ist gut, dass wir in einer die Menschen besonders treffenden Straftat wieder mehr Erfolg haben.

Ein anderes Feld, was ständig in der Diskussion ist, sind die Vorgänge rund um Fußballspiele und die erheblichen Kosten, die durch die Polizeieinsätze entstehen, zuletzt beim Derby BVB gegen Schalke. Wie stehen Sie zu der Forderung, dass die Vereine an den Kosten für die Polizeieinsätze beteiligt werden?

Als GdP sagen wir, dass innere Sicherheit Aufgabe des Staates ist, und deshalb lehnen wir eine Kostenbeteiligung ab. Im Stadion ist der Verein als Veranstalter für die Sicherheit zuständig, außerhalb des Stadions die Polizei. Die Störungen gehen nicht vom Verein sondern bundesweit von 16.000 gewaltbereiten Störern aus. Den Verein hierfür ein „Sippenhaft“ zu nehmen, lehnen wir aus rechtsstaatlichen Gründen ab. Vor dem Hintergrund des Urteils von Bremen, wo von Veranstaltungen mit Gewinnmaximierung gesprochen wird, kann ich vor falschen Schlussfolgerungen nur warnen. Wenn die Rechtsauffassung vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt wird, wird die Cranger Kirmes demnächst aber teuer, weil sie eine Großveranstaltung mit Gewinnorientierung ist. Das würde bedeuten, dass der Veranstalter der Kirmes, die Stadt Herne, dann für den Polizeieinsatz bezahlen müsste.

Keine Angst vor dem Ruhestand

Was kommt jetzt nach Ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben?

Viele prophezeien mir ein Loch, in das ich jetzt falle. Denen sage ich immer, dann gehe ich erst mal in das Loch und nehme mir meinen Liegestuhl mit und mache es mir dort gemütlich. Aber es ist schon richtig, dass der Lebens- und Zeitrhythmus anders wird, wovor ich aber keine Angst habe.

Werden Sie wieder Fußballtrainer?

Niemals. Als ich vor etwa 15 Jahren aufgehört habe, spielte Geld im Amateurfußball eine zu große Rolle. Leute, die dreimal den Ball hochhalten konnten, wollten 500 Mark im Monat verdienen. Das war auch einer der Gründe, warum ich aufgehört habe. Was ich mir jedoch gut vorstellen könnte, wäre der Besuch einer Europa- oder Weltmeisterschaft wie ich es bei der WM in Südafrika gemacht habe.

Aber wie sieht es mit Hobbys oder ehrenamtlichen Tätigkeiten aus?

Ich habe mich als Schöffe beworben. Das habe ich ganz bewusst gemacht. Ich habe oft die Justiz kritisiert, was Strafrahmen betrifft, deswegen will ich mir jetzt die andere Seite ansehen und will mir deren Sichtweise anhören. Das stelle ich mir spannend vor.

Daneben bin ich aktuell noch Mitglied in der Bosbach-Kommission und es gibt Anfragen, ob ich mir vorstellen könnte, auch weiter für Sicherheitsfragen zur Verfügung stehen zu können. Dazu plant meine Frau auch schon einige Hausaktivitäten für mich. Es bleibt also spannend.

>> SEIT 1978 IM POLIZEIDIENST

Der gebürtige Wanne-Eickeler trat 1978 in den Polizeidienst. Nach seinem Studium an der FH Dortmund zum Polizeikommissar und Diplomverwaltungswirt war er von 1987 bis 2004 Wachdienstführer im Einzeldienst im Polizeipräsidium Bochum, dann Zug- und Hundertschaftsführer.


2004 wurde er in den GdP-Landesvorstand gewählt, 2012 wurde er Landesvorsitzender.

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