Rattenbefall

Herne: Ratten in der Wohnung - Frau flüchtet mit Sohn

Sandra K. (re.) kampiert bei ihrer Mutter Annegret Witzke  im Wohnzimmer. Mutter und Tochter schlafen auf Luftmatratze und Couch, damit Sohn Louis im Schlafzimmer schlafen kann.

Sandra K. (re.) kampiert bei ihrer Mutter Annegret Witzke im Wohnzimmer. Mutter und Tochter schlafen auf Luftmatratze und Couch, damit Sohn Louis im Schlafzimmer schlafen kann.

Foto: Foto: Alexa Kuszlik / FUNKE Foto Services

Herne.  Eine Hernerin ist mit ihrem behinderten Sohn aus ihrer Wohnung geflüchtet. Dort, klagt sie, seien überall Ratten. Der Vermieter sieht das anders.

Die Adventskerzen liegen umgefallen auf dem Wohnzimmertisch, im Vorratsschrank in der Küche rieseln Zucker und Cornflakes aus den Packungen, der Boden ist voller Kot. Sandra K. ist Ende November mit ihrem behinderten Sohn Louis aus ihrer Wohnung geflüchtet - seither haben die Ratten ihre Wohnung ordentlich verwüstet. An eine Rückkehr ist derzeit nicht zu denken.

Aber von vorne. Schon vor einigen Jahren bemerkte die 43-Jährige Ratten im Hof des Hauses an der La-Roche-Straße in Herne-Baukau. Auch Nachbarn wie Matthias Zenner waren sie aufgefallen. Die Hernerin informierte ihren alten Vermieter, der daraufhin Fallen auslegen ließ. Die Ratten seien aber immer wiedergekommen, hätten sich durch das Holz in die Garage gefressen, den Keller erobert. „Im August letzten Jahres habe ich eine neue Küche bekommen“, sagt die dreifache Mutter. „Da war noch alles in Ordnung.“ Ende November schmückte sie die Wohnung weihnachtlich, und dann kam der Schock: Ratten in der Küche.

Einstiegsloch unter der Spülmaschine war schnell gefunden

Sandra K. informierte ihre Hausverwaltung. „Die sagten aber, dass sie erst in der kommenden Woche kommen könnten.“ Beim Ordnungsamt hatte sie mehr Glück, ein Mitarbeiter kam sofort raus und fand das Einstiegsloch der Ratten unter der Spülmaschine. Der Mitarbeiter des Ordnungsamtes sagte, dass es mehrere Tiere sein müssten, da es unterschiedliche Kothäufchen gebe. Konsequenz: „Ich habe das nötigste zusammengepackt und bin mit meinem Sohn zu meiner Mutter geflüchtet.“

Ordnungs- und Gesundheitsamt kamen zu einer Begehung, ein Kammerjäger wurde beauftragt. Bis dieser kam, dauerte es ein paar Tage: Die Hausverwaltung habe dem Kammerjäger eine falsche Telefonnummer mitgeteilt. Die Hausverwaltung sieht das anders: „Die Mieterin war nicht erreichbar“, so Robert Kemmsies von der KW Hausverwaltung. Wie auch immer: Der Kammerjäger legte Anfang Dezember Giftköder in der Wohnung aus. Eine Woche später kam er zur Kontrolle und fand eine tote Ratte im Hof und eine im Bad. Letztere muss durch die Toilette gekommen sein.

Als Ursache sei ein undichtes Abflussrohr im Keller ausgemacht worden: „Das wurde vor einem Monat verschlossen und zwar so, dass die Ratten sich nicht durchfressen können“, erklärt der Hausverwalter. Im Keller steht einiges an Unrat, Rattenkot liegt überall. Das Kellerfenster solle noch geschlossen werden - es fehlen die Scheiben - und der Keller entrümpelt. „Wir haben das Objekt erst vor einem Jahr übernommen, das geht nach und nach.“

Fallen scheinen nicht so effektiv zu sein

Die Rattenfallen stehen noch in der Wohnung, scheinen aber nicht so effektiv zu sein. Bei einem Besuch der WAZ in der Wohnung quiekt es unter den Küchenschränken, Getrappel kleiner Krallen ist zu hören. „Ich habe gestern Katzenfutter gestreut, um zu sehen, ob sie noch da sind“, erklärt Sandra K. Das Futter ist verschwunden. Akribisch dokumentiert sie dies mit Fotos. „Die Hausverwaltung sagt, hier sind keine Ratten mehr“, sagt sie und schüttelt den Kopf.

Die Fronten zwischen Mieterin und Hausverwaltung sind verhärtet. „Die Mieterin verweigert uns und den Reinigungsfirmen den Zutritt und ist oft nicht erreichbar“, sagt Hausverwalter Kemmsies. Stimmt nicht, sagt die Mieterin. Eine Reinigungsfirma sei um Weihnachten herum in der Wohnung gewesen, für einen Kostenvoranschlag. Denn selbst wenn die Ratten endlich weg sind, müssen Mobiliar und Kleidung desinfiziert und gereinigt werden. Diese Firma habe sich allerdings nicht wieder gemeldet.

Fronten zwischen Mieterin und Vermieter sind verhärtet

Sandra K. ist verzweifelt. Seit über sechs Wochen lebt sie mit ihrem körperlich und geistig behinderten Sohn nun schon mit ihrer Mutter auf zweieinhalb Zimmern. Der 18-Jährige bekommt eigentlich regelmäßig zu Hause Therapie. „Das geht jetzt natürlich nicht, weil wir das Therapiezimmer in unserer Wohnung nicht nutzen können.“ Auch habe Louis lange nicht verstanden, warum er nicht mehr in sein Kinderzimmer darf. Sandra K. ist selber krank und mit den Nerven am Ende. „Ich bin froh, dass wir bei meiner Mutter Zuflucht gefunden haben.“

Bei einer spontanen Besichtigung der Wohnung sind sich die Hausverwalter sicher, dass keine Ratten mehr da sein können. „Aber wir müssen den Bericht des Kammerjägers abwarten. Wenn er etwas findet, werden wir natürlich weiter aktiv bleiben“, sagt Kemmsies. Da die Kommunikation zwischen Hausverwaltung und Mieterin im Argen liegt, haben beide Seiten Anwälte eingeschaltet. „So einen extremen Fall habe ich noch nie erlebt“, sagt Sandra K.s Anwalt Norbert Freund. Rechtlich sei Sandra K. auf der sicheren Seite. So zahle sie keine Miete mehr, da die Zustände unzumutbar sind. „Sie könnte jederzeit fristlos kündigen, aber natürlich muss dazu eine geeignete neue Wohnung verfügbar sein.“

Sandra K. möchte eigentlich nicht mehr in die Wohnung zurück, sie ekelt sich, hat Angst vor den Ratten. „Ich habe schon zahlreiche Wohnungsgesellschaften angefragt“, erklärt sie. Doch eine passende und bezahlbare Wohnung zu finden, sei nicht so einfach. „Wir möchten in Herne bleiben, brauchen mindestens dreieinhalb Zimmer, ab 85 Quadratmeter.“ Die Wohnung muss außerdem im Erdgeschoss sein, da ihr Sohn Louis auf den Rollstuhl angewiesen ist. „Ich hoffe, dass wir bald etwas Passendes finden.“

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