Kino

„Gundermann“ bewegt beim Open-Air-Kino in Herne

Das Biopic „Gundermann" lief auf Großleinwand vor den Flottmann-Hallen.

Das Biopic „Gundermann" lief auf Großleinwand vor den Flottmann-Hallen.

Foto: Kerstin Buchwieser / FUNKE Foto Services

Herne.  Harte Typen und weiche Lieder erlebten die Besucher des Open-Air-Kinoabends der Flottmann-Hallen. Wie der preisgekrönte Film „Gundermann“ ankam.

„Harte Typen mit harten Händen und hartem Herz“: Unter dem Sommerhimmel, vor den Flottmann-Hallen erwachte am Donnerstag Industriekultur zum Leben. Herne übernahm mit dem prämierten deutschen Film „Gundermann“ über den Bergbau-Baggerfahrer, Sänger und zeitweiligen Stasi-Spitzel aus der DDR die Auftaktveranstaltung zu den 22. Filmschauplätzen NRW.

19 Städte machen bei den Filmschauplätzen mit

Ob Schloss Neukirchen oder die Windmühle Eickhorst in Hille: Mittlerweile beteiligen sich 19 Partnerstädte mit ihren charakteristischen „Schauplätzen“ an der Umsonst-und-draußen-Kino-Tour der Film- und Medienstiftung NRW. Herne ist bereits seit elf Jahren dabei, genauso Bärbel König-Bargel vom Fachbereich Kultur. Die Hallen böten sich aufgrund ihrer Infrastruktur an, sagt sie. Die Städte werten ihre Orte mit der Teilnahme an der Kino-Tour auf, findet Anna Fantl, Referentin der Film- und Medienstiftung. Die Flottmann-Hallen nützten das aber nicht zur Genüge, kritisiert sie; das kulinarische Angebot sei klein, der Service langsam.

Naja, die Luft ist warm, es wird fröhlich geplaudert und viele Gäste beißen zufrieden in die Bratwurst. Viele der etwa 400 Besucher an diesem Abend nehmen jedes Jahr an den Schauplätzen teil, entscheiden nach Film statt nach Ort und spannen bei Regentropfen nur unbeeindruckt die Schirme auf. Während einige Städte Blockbuster wie „Die Schöne und das Biest“ oder „La La Land“ zeigen, hebe sich Herne mit anspruchsvollen, ausgefalleneren Filmen hervor, so König-Bargel. Wie schon mit „Oh Boy“ habe man mit „Gundermann“ guten Riecher bewiesen und sich im Vorfeld für einen Film entschieden, der den Deutschen Filmpreis „Lola“ in sechs Kategorien, unter anderem als „Bester Film des Jahres“ abräumte.

Film und Rahmenprogramm passen zusammen

Stadt, Film- und Rahmenprogramm sollten zusammenpassen: so war Thorsten Siltmann als Reinhard-Mey-Interpret für die musikalische Untermalung zuständig und im Kurzfilm „Flocke und Proschinski“ zogen zwei sympathische Gauner durch die Geschäfte einer dreckigen Stadt und vermittelten laut Anna Fantl eine Ruhrgebiets-Mentalität nach dem Motto „sagen, was man denkt, aber mit ausgesprochener Herzlichkeit“.

Der Hauptfilm spielte nicht „Tief im Westen“, sondern vielmehr tief im Osten. Der liebenswürdige Individualist Gerhard Gundermann pflügt in den Morgenstunden mit dem Bagger über die aufgerissenen Felder des Lausitzer Braunkohlereviers, legt sich tagsüber mit SED-Funktionären an und schreibt des Nachts melancholisch-warme Lyrik über die kleinen und großen Dinge des Lebens in einer vernarbten Republik.

Auch im Westen rührt die Arbeiterkultur

Doch nicht nur Gabi Sonnemann, die in Sachsen geboren und mit Mann und Wein aus Dortmund für Gundermann angereist ist, kann sich mit den rauen und ehrlichen Bildern und Klängen einer untergegangenen Arbeiterkultur identifizieren. Wenn Gundermann in der Abschlussszene singt: „Hier bin ich geboren, wo die Kühe mager sind wie das Glück“, passt das stilistisch auch besonders gut zwischen die Steinwände der Flottmann-Hallen und rührt den ein oder anderen Zuschauer zu einer Träne.

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