Psychiatrie

Experten diskutierten in Herne über die offenen Psychiatrie

Bei der offenen Psychiatrie soll auf Zwangsmaßnahmen wie Fixierung weitestgehend verzichtet werden.

Bei der offenen Psychiatrie soll auf Zwangsmaßnahmen wie Fixierung weitestgehend verzichtet werden.

Foto: Hans-Jürgen Wiedl / picture alliance/dpa

Herne.  Psychiatrie-Experten diskutierten im St. Marien Hospital in Eickel über Wege zur offenen Psychiatrie. Ziel: Mehr Selbstbestimmung für Patienten.

Ihr Anteil ist äußerst klein: Weniger als fünf Prozent aller Patienten in deutschen Psychiatrien werden mit richterlichem Beschluss eingeliefert. Doch dieser minimale Anteil löst bei vielen Menschen Ängste aus. Im St. Marien Hospital in Eickel diskutierten nun Experten, wie diesen psychisch erkrankten Menschen ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmung ermöglicht werden kann.

Ziel: Zwang und Gewalt verhindern

Betrachtet man dieses sensible Thema aus dem Blickwinkel der Selbstbestimmung, dann war das St. Marien Hospital als Tagungsort wohl gewählt. Denn die Klinik verfolgt schon lange das Konzept, das die Selbstbestimmung und die Bedürfnisse der Patienten in den Mittelpunkt stellt. „St. Marien ist eine so genannte offene Psychiatrie, das heißt wir verzichten völlig auf geschlossenen Stationen“, so Chefarzt und Dr. Peter Nyhuis. Die Türen stehen quasi jederzeit offen.

Ziel sei es, die Umstände der Behandlung für die Patienten zu verbessern, indem negative Begleiterscheinungen wie Zwang und Gewalt verhindert werden. Selbst schwer kranke Patienten, die gegen ihren Willen in der Klinik seien, seien auf offenen Stationen untergebracht. Nyhuis: „Indem wir ein Vertrauensverhältnis zu den Patienten aufbauen und ihnen eine entspannte und gewaltfreie Atmosphäre bieten, können wir erreichen, dass sie freiwillig zur Behandlung bleiben. Nyhuis nennt ein Beispiel, wie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. So werde Patienten angeboten angeboten, Dinge aus deren Wohnung in die Klinik zu holen.

Öffentlichkeit informieren, Aufklärungsarbeit leisten

Das St. Marien Hospital ist mit diesem Ansatz modellhaft, doch im Rahmen der Tagung des Landesverbandes der Leitenden Ärzte der Psychiatrie und Psychotherapie in NRW (LLPP) zeigte sich auch, dass sich die Konzepte durchaus unterscheiden und längst nicht alle Kliniken einen so weitreichenden Ansatz wählen die wie die Gastgeber. Deshalb sei die Tagung eine gute Gelegenheit, sich mit anderen Ansätzen zu beschäftigen, so Dr. Martin Köhne, 2. Vorsitzender des Landesverbands.

Und genau deshalb finde die Tagung statt: Um nach Wegen zu suchen, um die Selbstbestimmung des Patienten zu stärken. Es müsse ein Weg gefunden werden zwischen der Notwendigkeit, Zwang bei der Behandlung anzuwenden - etwa durch Fixierung oder Medikation - und einer größeren Selbstbestimmung. Das Ziel sei eine gewaltarme Behandlung, so Köhne.

Dies sei auch für die Öffentlichkeit wichtig, denn bei den Menschen existierten Vorurteile gegenüber den Behandlungsmaßnahmen in der Psychiatrie. Die Patienten würden nach wie vor stigmatisiert, so Dr. Christos Chrysanthou. Es sei wichtig, die Öffentlichkeit gut zu informieren und Aufklärungsarbeit zu leisten. Das gelte für Mitarbeiter, Angehörige, aber auch involvierte Berufsgruppen wie Feuerwehr und Polizei. Eins sei jedoch klar: „Kein Mensch muss Angst haben, dass jemand in der Psychiatrie weggesperrt wird und sich keiner mehr um ihn kümmert“, so Köhne.

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