Spielemesse

Brettspiel-Boom: Warum analoge Spiele immer beliebter werden

Nicht nur Kinder spielen gerne Brett- und Kartenspiele. Auch immer mehr Erwachsene entdecken ihre Leidenschaft für Spieleabende.

Nicht nur Kinder spielen gerne Brett- und Kartenspiele. Auch immer mehr Erwachsene entdecken ihre Leidenschaft für Spieleabende.

Foto: Axel Heimken / dpa (Archiv)

Essen.  Die Spielemesse „Spiel ‘19“ wird von Jahr zu Jahr größer. Auch die Hersteller vermelden steigende Umsätze. Woher kommt dieser Brettspiel-Boom?

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Rund 1200 Aussteller, mehr als 1500 Spiele-Neuheiten und eine Ausstellungsfläche von 86.000 m² – die Brett- und Kartenspiel-Messe „Spiel ‘19“ in Essen bricht auch in diesem Jahr wieder einige Rekorde. Doch woher kommt das zunehmende Interesse an analogen Spielen? Zwei Experten erklären den anhaltenden Brettspiel-Boom. Und sie verraten, welche Spiele 2019 im Trend liegen.

Ein Blick auf die Zahlen beweist: Brett- und Kartenspiele sind weltweit so gefragt wie selten zuvor. In den vergangenen fünf Jahren konnte die Branche nach Angaben eines amerikanischen Marktforschungsinstituts ein Wachstum von über 40 Prozent erzielen. Allein im Jahr 2018 seien demnach in Deutschland mehr als 50 Millionen Spiele verkauft worden.

Brett- und Kartenspiele sind längst kein Nischenmarkt mehr

Hermann Hutter, der als Vorsitzender eines Dachverbands zahlreiche Spieleverlage in Deutschland vertritt, führt das kontinuierliche Wachstum der Branche auf die Innovationsbereitschaft der Spielehersteller zurück: „Sie haben es geschafft, neue Zielgruppen zu gewinnen. Es gibt eine immer breitere Palette an Brett- und Kartenspielen.“

Auch Karsten Höger, der als Leiter der Spieliothek in Herne über 14.000 Spiele zum Ausleihen und Vor-Ort-Ausprobieren im Angebot hat, lobt den Ideenreichtum der Hersteller: „Die klassische Vorstellung, dass jedes Spiel mit kleinen Spielfiguren und Würfeln gespielt wird, ist längst überholt. Das Brettspiel als Medium ist weit darüber hinaus gewachsen.“

Dass Brettspiele – im Gegensatz zu früher – keinesfalls nur ein reiner Nischenmarkt für Liebhaber sind, mache sich auch in der Spieliothek bemerkbar: „Wir stellen fest, dass die Nachfrage insgesamt langsam steigt und dass sich das Zielpublikum diversifiziert“, so Höger. „Früher sind eher die ,Spiele-Verrückten’ zu uns gekommen. Mittlerweile haben wir auch sehr viele Familien und ältere Menschen bei uns.“

Neben dem zunehmenden Angebot sei auch die aktuelle Elterngeneration ein entscheidender Faktor für das Wachstum der Branche: „Die erste richtige Brettspiel-Generation – also die Generation der 80er – ist bereits mit einer gewissen Vielfalt an Brettspielen aufgewachsen und gibt ihre Begeisterung nun an ihre Kinder weiter“, sagt der Spieliothek-Leiter. „Das sind die Brettspiel-Fans der Gegenwart.“

Brettspiele vs. PC- und Konsolenspiele: ein ungleiches Duell

Aber wie lässt sich das steigende Interesse an Brett- und Kartenspielen erklären, wenn zeitgleich auch der Markt für PC- und Konsolenspiele rasant wächst? Zwar würden die beiden Branchen um die Freizeit der Menschen konkurrieren, sagt Höger; „aber deutlich indirekter, als man vielleicht auf den ersten Blick annehmen würde. Der Hype um digitale Spiele hat den analogen Spielen nicht geschadet.“

Brett- und Kartenspiele seien mit Konsolenspielen kaum zu vergleichen. „Bei Brettspielen steht in erster Linie das Miteinander im Vordergrund. Man lädt seine Freunde zu sich ein, isst zusammen und verbringt gemeinsam einen schönen Abend“, so Hutter. „Ein Computer oder eine Konsole kann das Spielerlebnis, das man bei einem Brettspiel hat, nicht ersetzen“, bestätigt Spieliothek-Leiter Höger. „Das gilt aber übrigens auch andersrum.“ Kaum ein PC- oder Konsolenspieler sitze heute noch ganz klassisch alleine vor seinem Rechner: „Viele Leute spielen mittlerweile online gegen ihre Freunde oder Gegner aus aller Welt“, so Höger. Das sei ganz einfach ein anderes, aber nicht zwangsläufig ein schlechteres Spielerlebnis.

Die aktuellen Trends: Exit- und Partyspiele hoch im Kurs

Und welche Brett- und Kartenspiele liegen 2019 im Trend? „Escape- bzw. Exit-Spiele sind immer noch sehr beliebt“, verrät Hutter. „Das ist aber ein Trend, den es bereits seit drei bis vier Jahren gibt“, so der Fachmann. Bei Exit-Spielen müssen Spieler – ähnlich wie in einem realen Escape Room – gemeinsam Rätsel lösen, um ans Ziel zu gelangen. „Sehr stark im Kommen sind auch Partyspiele, bei denen der Spaß im Vordergrund steht“, so Hutter. „Just One“, das Spiel des Jahres 2019, sei zum Beispiel ein solches Partyspiel. Das Ziel der Spieler ist es, in Teamarbeit bestimmte Begriffe zu erraten.

Darüber hinaus gebe es laut Spieliothek-Leiter Höger einen Trend zu ganz simplen Spielen, die keine hohe Einstiegshürde haben und bei denen die Spieler sofort loslegen können. Vor allem bei Gelegenheitsspielern müssten die Spielehersteller sehr genau darauf achten, dass Eingewöhnungszeit und Regelwerk möglichst kurz ausfallen. Gleichzeitig wachse aber laut Hutter auch der Markt für sogenannte „Kennerspiele“, die sich durch sehr umfangreiche Regeln und eine lange Spieldauer auszeichnen.

„Ich glaube, der Markt wird sich noch weiter diversifizieren“, meint Höger. „Es entstehen immer mehr Brettspiele für sehr unterschiedliche Menschen und Altersgruppen.“ Auch für das aktuelle Geschäftsjahr seien die Prognosen laut Hutter gut: „Wir rechnen mit einer erneuten Umsatzsteigerung, auch wenn in der Statistik derzeit noch das Weihnachtsgeschäft fehlt.“ Mit der Adventszeit beginnt für die Spielehersteller die wichtigste Phase des Jahres.

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