Soziales

Wetterscher Arbeitgeber für 150 Menschen mit Handicap

Werkstattleiter Thomas Schiebille und Gärtnermeister Fritz Tolksdorf (von links) am Kraterbeet. Diese Art zu pflanzen soll gerade in den vom Klimawandel betroffenen Ländern mit Hitze und anschließenden Nassperioden helfen, die Pflanzen wachsen und gedeihen zu lassen. 

Werkstattleiter Thomas Schiebille und Gärtnermeister Fritz Tolksdorf (von links) am Kraterbeet. Diese Art zu pflanzen soll gerade in den vom Klimawandel betroffenen Ländern mit Hitze und anschließenden Nassperioden helfen, die Pflanzen wachsen und gedeihen zu lassen. 

Foto: Yvonne Held / WP

Wengern.  Seit 1917 gibt es das Frauenheim Wengern, doch die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen ist wesentlich jünger. Sie feiert 30. Geburtstag.

Ein großes Fest für die Mitarbeiter steht am 30. August auf dem Plan der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM), denn die Einrichtung besteht dann schon seit 30 Jahren. Grund genug nicht nur zu feiern, sondern auch einen kleinen Rück- und Ausblick zu wagen. Thomas Schiebille ist seit 23 Jahren Leiter der Einrichtung. Seine Arbeit ist für ihn „durchweg immer positiv“. Warum, begründet er im Gespräch.

Das Frauenheim Wengern gibt es bereits seit 1917 am Böllberg, doch der Teilbereich der Werkstatt ist mit seinen 30 Jahren noch recht jung. Dennoch hat sich dort vieles verändert und entwickelt. Gegliedert ist die WfbM in drei große Bereiche: der grüne Bereich mit Gartenbau, Landwirtschaft und Bioladen; der Bereich Hauswirtschaft mit Dienstleistungen wie Reinigung und Wäsche; der Bereich Montage und Kommissionierung in dem verschiedene Auftragsarbeiten bearbeitet werden.

Zwei Drittel sind Frauen

Insgesamt 150 Menschen sind derzeit dort beschäftigt, inzwischen nicht mehr nur Frauen. „In unserer Werkstatt arbeiten derzeit rund zwei Drittel Frauen und zu einem Drittel Männer“, erläutert Thomas Schiebille. Ziel ist es, den Menschen eine sinnvolle Tätigkeit nach den individuellen Begabungen anzubieten. Die Handicaps der Mitarbeiter sind unterschiedlich, aber fast ausschließlich im geistigen und psychischen Bereich. Dementsprechend sind auch die Arbeitsumfänge gegliedert. Sie reichen von einfacheren Arbeiten, die als Zwischenschritte zwischen zwei Abläufe nötig sind bis hin zu komplexeren Prozessen. „Zu Beginn eines jeden Arbeitsverhältnisses steht der Berufsbildungsbereich. Dort können die Berufe kennengelernt und die Leistungsfähigkeit eingeschätzt werden. Außerdem lernen wir die Menschen besser kennen und können uns auf sie einstellen“, berichtet Schiebille.

Die Mitarbeiter sind mindestens 18 Jahre alt und können bis zur Rente in der Werkstatt arbeiten. „Viele sind Schulabgänger der Förderschulen im Umkreis, die bereits zur Schulzeit schon Praktika gemacht haben“, erläutert der Werkstattleiter. Ihnen zur Seite stehen 24 Fachkräfte der unterschiedlichsten Richtungen wie beispielsweise Arbeits- und Berufsförderung, Sozialarbeiter aber auch aus Heilberufen und andere Facharbeiter. Einer von ihnen ist beispielsweise Fritz Tolksdorf. Der Gärtnermeister ist inzwischen seit 30 Jahren in der Werkstatt angestellt und hat in dieser Zeit einiges voran getrieben, wie beispielsweise die Bioland-Zertifizierung. Er wird ebenfalls, wie 14 weitere Männer und Frauen, die in der Werkstatt beschäftigt sind, beim Fest am 30. August für seine 30-jährige Mitarbeit geehrt.

Kontinuität zahlt sich eben aus, aber auch vor Veränderungen hat Schiebille als Werkstattleiter keine Scheu. Im Gegenteil freut er sich jeden Tag aufs Neue auf die Herausforderungen. „Es gibt immer wieder Dinge, auf die man schnell reagieren muss. Aber man bekommt auch ein sofortiges, offenes und ehrliches Feedback. Das ist für mich jeden Tag wieder positiv“, sagt er. Zu den Herausforderungen zählt auch, sich auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter neu einzustellen. „Wir werden hier gemeinsam älter“, berichtet der Werkstattleiter. Das bedeutet auch, dass die Arbeitsplätze angepasst werden. Jemand, der viel in gebückter Haltung oder kniend gearbeitet hat, werde das mit zunehmenden Alter nicht mehr machen können. „Wir gucken dann, dass wir dem Mitarbeiter beispielsweise eine sitzende Tätigkeit anbieten können“, erklärt er.

Wahrnehmung verändert sich

Doch nicht nur intern verändern sich die Bedingungen. In den vergangenen 30 Jahren habe sich auch die Wahrnehmung der Werkstatt in der Bevölkerung geändert. „Die Menschen sind offener geworden“, berichtet Schiebille. Pressereferentin Manuela Schunk fügt hinzu: „Das ist aber auch durch eine kontinuierliche Arbeit bedingt, denn Vorbehalte wachsen leider auch immer nach.“ Die Kontinuität in Sachen Öffentlichkeitsarbeit wird inzwischen gerne angenommen. So berichtet Schiebille vom ersten Feierabendmarkt, der dieses Jahr angeboten wurde und von dem es im kommenden Jahr eine weitere Auflage geben wird. Außerdem gibt es immer wieder Führungen, zu denen sich interessierte Gruppen anmelden können. „Uns kommen auch Kindergärten und Schulen besuchen“, so Schiebille. Doch auf den Erfolgen ausruhen kommt für den Werkstattleiter und seine Mitarbeiter gar nicht in Frage. Für die kommenden Jahre siegt er viele Aufgaben, die noch angegangen werden müssen: Arbeitsangebote besser differenzieren, die Finanzierung sicher stellen oder auch mit den Auftraggebern aus den Unternehmen diskutieren, wie in Zukunft weiter zusammengearbeitet werden kann. Mit in diesen Bereich hinein spielt auch die Werkstatt im Schöntal, die 2017 eröffnet wurde. Die dortige Nähe zu den Betrieben soll neue Möglichkeiten eröffnen und neue Aufträge akquirieren. „Wir wollen dort auch die Arbeitsplätze erweitern und intensivieren“, berichtet er.

Einen weiteren Schwerpunkt sieht Thomas Schiebille auch in der Quartiersarbeit der Stadt Wetter. So könnten verschiedene Projekte in den Stadtteilen mithilfe der Mitarbeiter weiter vorangebracht werden. „Wir wollen uns intensiv an den Gesprächen beteiligen und bei Entwicklungen dabei sein“, sagt er. Vorstellen könnte er sich auch, dass die Mitarbeiter beispielsweise für ältere Menschen als Alltagshelfer fungieren.

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