Historiker legten Buch vor

Schreckensbilder aus dem Heim

Foto: WR

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Ein Buch berichtet jetzt von den Leiden der Kinder im Johanna-Helenen-Heim der Nachkriegszeit.

Die Schreckenszeit währte ziemlich genau 20 Jahre und wirkt fast ein halbes Jahrhundert später noch nach. Mit den Königsberger Diakonissen zogen 1947 im Johanna-Helenen-Heim Angst und Schrecken ein. Mit ihrem Gehen begann eine neue Zeit. Nun hält ein Buch die Zustände im damaligen Johanna-Helenen-Heim fest, „einem vergessenen Haus”, wie Mitautorin Ulrike Winkler bei der Buchvorstellung gestern sagt.

Vergessen, weil das Kinderheim „für die Ärzte nur ein lästiges Anhängsel” war. Ihnen war die Entwicklung der Klinik wichtiger. Vergessen, weil sich nicht einmal der Vorstand der damaligen Krüppelanstalten um das Leid der Kinder kümmerte, obwohl sein Büro an den Speisesaal grenzte. Vergessen auch, weil Jahre darauf gewartet wurde, dass Neubauten die Raumnot linderten. Vergessen aber vor allem, weil die Kinder den Diakonissen überlassen blieben.

Und die? Ohne pädagogische Ausbildung, viel zu wenige für die vielen Kinder, selbst von den Erlebnissen des zweiten Weltkrieges traumatisiert, blieben sie hoffnungslos überfordert. Eine Erklärung, aber kein Entschuldigungsversuch, den Ulrike Winkler da von sich gibt. Zu weit sind die Diakonissen über das hinaus gegangen, was akzeptiert gewesne sein mag in der Erziehung.

An Zwangsfütterungen, Schläge und Einsperren erinnert Klaus Dickneite, Sprecher der Freien Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim. Sie hat sich vor vier Jahren gegründete, als einigen Opfern die ersten Aufarbeitungsversuche der Evangelischen Stiftung Volmarstein nicht ausreichten. Gestern nun saß er mit vor Kopf, als das von der Stiftung in Auftrag gegebene Buch über „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe” vorgestellt wurde. „Eine gelungene Dokumentation über die Schreckenszeit auf den Kinderstationen und in den Schulräumen des Heims”, sagt die Gruppe. Auch wenn es noch viel mehr geschundene Kinder gab als jetzt auf den Seiten der Arbeitsgruppe und in Gesprächen mit den Historikern zu Wort gekommen sind.

Diese Gespräche, sie haben auch die beiden Historiker verändert, sagt Hans-Walter Schmuhl. So viele verpasste Lebenschancen, so viele Narben der Seele, „das ist unter die Haut gegangen”. Da ist aber noch etwas anderes, nämlich „der allergrößte Respekt vor Menschen, die ihre Leben dennoch gemeistert haben.”

Jürgen Dittrich für

„lebendiges Gedenken”

Respekt ist auch aus den Worten von Pfarrer Jürgen Dittrich herauszuhören, dem heutigen Vorstand der ESV. Er unterstreicht die Verdienste der Arbeitsgruppe bei der Aufarbeitung dieser Schreckenszeit. Für die Stiftung entschuldigt er sich „mit tiefem Bedauern und großer Betroffenheit” für die Misshandlungen. Und er sagt noch einmal, was für ihn „lebendiges Gedenken” heißt: Ein geplantes Kinderheim wird nach Marianne Behrs benannt, einem Opfer von damals. Und in der Ausbildung bei der Stiftung bleibt Gewalt an Schutzbefohlenen ein Thema - „damit so etwas nie wieder geschieht.”

Neben dieses „Nie wieder” gesellt sich bei der Freien Arbeitsgruppe auch ein „Nicht mit uns”. Kritisch vermerkt Klaus Dickneite, dass am „Runden Tisch Heimerziehung” in Berlin kein Platz für einen Vertreter der behinderten Opfer war. „Nicht locker lassen” will die Arbeitsgruppe auch beim Diakonischen Werk und der Evangelischen Kirche. Hier geht es um Entschuldigungen für zugefügtes Leid, aber auch um Wiedergutmachung. Bislang stünden nur ungenügende Angebote im Raum, und viel mehr als Platitüden sei nicht gekommen, sagt Dickneite kämpferisch. Und lässt keinen Zweifel, dass er und seine Mitstreiter „einen wirklichen Ausgleich verlangen für den Schaden,” der damals in den Kinderseelen angerichtet wurde.

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