Ratsarbeit

„Natürlich ist jemand wie ich anstrengend“

Peter Gerigk (zweiter von links) und die übrigen Vertreter der „Jamaika“-Parteien im Schulausschuss auf Konsenssuche:   Das Drei-Parteien-Bündnis hat Herdecke viel gebracht, ist Gerigk als einer der Architekten überzeugt.

Foto: Klaus Görzel

Peter Gerigk (zweiter von links) und die übrigen Vertreter der „Jamaika“-Parteien im Schulausschuss auf Konsenssuche: Das Drei-Parteien-Bündnis hat Herdecke viel gebracht, ist Gerigk als einer der Architekten überzeugt. Foto: Klaus Görzel

Herdecke.   Immer bestens informiert, oft am Mikrofon: Peter Gerigk (70) hat sein Ratsmandat niedergelegt. Im Gespräch blickt er zurück und nach vorn.

Fast fünf Jahrzehnte hat er Kommunalpolitik gemacht. Anfangs noch in Hagen und auch nicht für die Grünen. Nun hört Peter Gerigk auf. Im Hauptausschuss gestern war er noch als Vorsitzender der Grünen-Fraktion. Bei der Ratssitzung nächsten Donnerstag wird seine Nachfolgerin verpflichtet. Für Peter Gerigk (70) rückt Tochter Sarah-Rosa (33) nach.

Warum das Ausscheiden aus dem Rat und warum gerade jetzt:

Peter Gerigk: Für mich war klar: Bei der Kommunalwahl 2020 trete ich nicht mehr an. Wenn man das so sagt, dann gibt man entweder das Spitzenamt als Fraktionschef ab und geht dann in die zweite Reihe zurück. Das ist nicht mein Ding. Oder man hört rechtzeitig vorher auf, damit die Grünen sich ausreichend neu orientieren können.

Sie sind einer der Architekten von Jamaika, vielleicht d e r Architekt von Schwarz-Gelb-Grün. Was ist in Herdecke davon geblieben?

Wenig. Durch die Kommunalwahl ist die Mehrheit nicht mehr da. Ich habe mich dennoch um einen Erhalt bemüht, etwa durch gemeinsame Gespräche mit der Bürgermeisterin und den beiden anderen Fraktionsvorsitzenden. Das ist aber eingeschlafen.

War Jamaika mehr als ein Anti-SPD-Bündnis?

Ja. Von 2009 bis 2014 war das eine hervorragende Konstellation. Da stehe ich 100 Prozent zu. Der gemeinsame Wille war da, für Herdecke etwas zu verändern. Und das ist uns gelungen. Da stimmte die Chemie. Es ging wunderbar. Heute ist es so, dass die Verwaltung eine viel stärkere Macht hat, weil es im Rat kein Pendant mehr gibt.

In Herdecke sind die Grünen traditionell stark. Ist Herdecke deshalb stärker „grün“ als andere Städte?

Es gibt vieles, was hier „grüner“ ist. Der Öffentliche Personennahverkehr zählt für mich dazu, und der neu gestaltete Bahnhof ist ein ganz klares Zeichen in diese Richtung. Ebenso der Bürgerbus, die Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden, Fair Trade. Es gibt einiges, aber es könnte mehr sein.

Macht das wirklich Herdecke besonders?

Herdecke ist nicht Freiburg. Aber in Freiburg haben die ja auch einen grünen Bürgermeister und eine grüne Mehrheit.

Das Wohnen am Bahnhof, das Quartier am Seeufer und der Kampstraßenplatz – sind das für Ortsfremde ausreichende Zeichen, dass es in Herdecke eine erfolgreiche grüne Politik gibt?

Das fällt bestimmt nicht immer auf den ersten Blick auf. Aber wenn man sich überlegt, was wir alles verhindert haben, dass das Quartier an der Ruhr 450 Wohnungen haben sollte statt jetzt 200, dass es Bestrebungen gab, wieder Verkehr durch die Fußgängerzone fahren zu lassen. Bestimmte Entwicklungen haben wir durchaus geprägt, etwa die Diskussion über eigene Stadtwerke für Herdecke. Da tut sich gerade etwas.

Sie sagen immer wieder gerne: „Also, ich muss ganz ehrlich sagen...“ Daraus soll sicher nicht geschlossen werden, dass der Rest nicht ehrlich gemeint ist...

Die Formel ist Ausdruck einer gewissen Verwunderung über das, was vorher gesagt wurde, und ich halte meine Argumentation dagegen.

Sind Sie mit Angriffen in der Sache oder in der Tonlage öfter übers Ziel hinausgeschossen?

Ich habe da in langen Jahren viel gelernt. In den ersten Jahren, als es nur Widerstände gab wie gegen die Grünen, da musste man zeigen: So was lasse ich mit mir nicht machen. Ich bin mit Sicherheit übers Ziel hinausgeschossen, ich bin aber sicherlich auch provoziert worden.

Und das war nur früher?

Heute versuche ich, nicht zu provozieren und allein durch Argumente zu überzeugen. Ich glaube auch, dass mir das in den meisten Fällen gelingt. Ich knie’ mich ja auch rein und habe gute Argumente. Aber ab und zu natürlich...

Sie gelten beim politischen Gegner als anstrengend, aber was Absprachen angeht, als sehr verlässlich. Würden Sie das so stehen lassen?

100 prozentig. Natürlich ist jemand wie ich anstrengend. Und zur Verlässlichkeit: Linke Touren sind mir zuwider. Wenn ich das bei jemandem erlebe, ist Feierabend. Aber dann sollte man diesen Anspruch auch an sich selbst haben. Wenn ich von einer Vereinbarung abweichen wollte, würde ich das dem Anderen immer rechtzeitig sagen. Aber in einer Sitzung gegen Absprachen verstoßen? Das geht gar nicht.

Gut vorbereitet sein und die eigene Haltung gut begründen zu können, das ist das eine – aber was, wenn die anderen sich nicht „schulmeistern“ lassen und sich auch nicht überzeugen lassen wollen?

Kein Problem. Weiter dran bleiben! Man kann nicht immer alles sofort durchkriegen. Man muss wirklich einen langen Atem haben und dicke Bretter bohren. Und Abstimmungsniederlagen sind für mich längst noch nicht das Ende einer Geschichte. Wenn ich davon überzeugt bin, mache ich weiter. Bestimmte Dinge muss man aber sicherlich auch abhaken.

Was fällt Ihnen bei dem Wort „Bescheidenheit“ ein?

Bescheidenheit ist für mich keine politische Kategorie. Im menschlichen Umgang kann ich schon bescheiden sein. In der Familie waren wir sechs Geschwister, da muss man das schon mal sein.

Sehen Sie sich eher als jemand, der seine inneren Widersprüche aushalten muss oder als konsequent an?

Ich versuche, konsequent zu leben. Und es ist vielleicht ein Fehler, dass ich meine inneren Widersprüche oft verdränge. Ich habe ja durchaus vieles konsequent durchgezogen. Im Bereich Umwelt war ich vielfach Vorreiter. Wir haben 1979 die erste Wärmepumpe gehabt, Photovoltaikanlagen hatte ebenfalls kaum einer in Herdecke. Ab 2013 bin ich Elektroautos gefahren und ab 2018 nur noch Elektroautos...

...und Sie waren schon 20 Jahre grüner Politiker und dennoch Fahrer nicht gerade als spritsparend geltender Autos....

Dieser Autovirus ist mir in die Wiege gelegt worden. Mein Vater war in der Autobranche, und wir Geschwister haben als Kinder zuerst Autos gemalt und keine Figuren. Ich habe dann immer versucht, das durch Technik auf einen umweltfreundlichen Nenner zu bringen.

Haben Sie eine Vision für Herdecke?

Klar. Alles muss noch umweltfreundlicher sein, mit erneuerbaren Energien, Gründächer überall, Radwegenetz enger, vorbildlicher ÖPNV. Wir haben so viele gute Ansätze in der Stadt wie etwa die vielen Treppenanlagen. Es gibt wunderbare Fußwege durch Herdecke, die kein Mensch mehr kennt. Eine Vision hatten wir schon im Kommunalwahlprogramm von 1989: Schwimmen im Harkortsee. Da sind wird nahe dran. Das Wasser ist ja schon ziemlich sauber. In Richtung Grün kann man noch sehr viel machen.

Und was machen Sie jetzt mit ihrer Zeit?

Ich möchte mal länger als 14 Tage Urlaub machen, ich bin leidenschaftlicher Sammler, wir haben den Garten, und mehr für die Enkel da sein ist auch schön.

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