Kneipenserie

Nach dem Büro-Job geht es im Dornröschen hinter die Theke

Nadine Braun arbeitet zweimal in der Woche neben ihrem Bürojob im Dornröschen in Herdecke. Auf dem Foto schreibt sie einem Gast ein Bier auf seinen Deckel.

Nadine Braun arbeitet zweimal in der Woche neben ihrem Bürojob im Dornröschen in Herdecke. Auf dem Foto schreibt sie einem Gast ein Bier auf seinen Deckel.

Foto: Nadine Przystow

Herdecke.  Nadine Braun arbeitet zweimal in der Woche nach ihrem Büro-Job im Dornröschen in Herdecke. Sie erzählt, warum ihr das so einen Spaß macht.

Sie dreht einen der vier Zapfhähne auf, hält zunächst ein Wasserglas darunter, um den Schaum beim ersten Schluck aufzufangen. Dann erst ist das Bierglas dran. Der Schaum steigt bis an den Rand und bildet schon eine kleine Krone. Doch nur das erste Drittel ist mit dem Gerstensaft gefüllt. Jetzt heißt es erst einmal warten. Für Nadine Braun allerdings nicht, sie hat an diesem Abend noch ein paar Biere zu zapfen.

Die 37-Jährige ist Kellnerin im Dornröschen an der Gerberstraße in Herdecke. Und zwar seit fast zehn Jahren – neben ihrem Vollzeit-Job in einem Ingenieurbüro. Zweimal in der Woche steht sie bis spät abends hinter der Theke. Warum? „Weil es mir Spaß macht“, sagt sie.

Aus ihrem Mund ist das keine Floskel. Wer sie in der Kneipe erlebt, glaubt ihr, dass es so ist. Sie kennt ihre Gäste, aber auch Fremde wie mich empfängt sie herzlich und mit einem Lachen im Gesicht. Mit 17 Jahren habe sie das erste Mal gekellnert. „Ich bin da so reingerutscht, das hat sich einfach ergeben“, erzählt Nadine Braun. Später habe sie eine Ausbildung als „Fachkraft im Gastgewerbe“ gemacht und immer mal wieder nebenbei als Kellnerin gearbeitet, hauptsächlich in Kneipen.

Kommunikation findet an der Theke statt

Als junge Erwachsene war sie hier oft selbst Gast, zum Beispiel in der früheren Tante Alma: „Wir haben uns meistens zuerst in der Kneipe getroffen und sind entweder da versackt oder wir sind noch woanders hingegangen.“

Kommunikation habe früher an der Theke stattgefunden. Heute liefen Verabredungen und Gespräche über die digitalen Medien. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es bei uns mit Handys gewesen wäre“, sagt Braun.

„Ich rede gerne“, lacht sie. Das sei mit ein Grund, weshalb ihr die Abende im Dornröschen so einen Spaß machen. Allerdings sei heute nicht mehr so viel los früher, als es auch unter der Woche richtig spät bzw. wieder früh wurde: „Da bin ich samstags nach der Arbeit nach Hause gegangen und wenn ich sonntags zu meiner Schicht kam, saßen da noch immer drei Leute vom Vorabend.“

Das Publikum wird älter

Abends in die Kneipe zu gehen, sei irgendwie „eingeschlafen“. „Ich weiß nicht, wo die Jugend geblieben ist“, sagt Nadine Braun. Das Publikum werde älter, aber es sind alle Gesellschaftsschichten vertreten: „Das ist auch das Spannende. Die sitzen alle zusammen an der Theke und sind per Du.“

Zwar ist Kneipe ein Kommunikationsraum, doch wer nicht reden möchte, muss das auch nicht: „Wenn man möchte, kann man in Kontakt kommen und wenn nicht, dann nicht.“ Es gebe genauso gut Gäste, die kommen, um einfach nur in Ruhe die Zeitung zu lesen. Andere wollen wiederum unterhalten werden. Manche kommen jeden Tag. Sie freuen sich darüber, „wenn ich sie frage, wie es ihnen geht. Das, was für viele eigentlich Zuhause bedeutet“, so die Kellnerin.

Sie hat sich im Dornröschen nicht nur einen Bekanntenkreis aufgebaut, sondern viele Gäste sind ihr echt ans Herz gewachsen: „Da fiebert man mit, wenn jemand ein Kind erwartet oder fühlt mit, wenn die Frau im Krankenhaus liegt.“ Ebenso können die Gespräche tiefgründig sein. Dann übernehme sie eine Art „Psychologen-Funktion“.

Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Gästen

Nadine Braun beschreibt es als „Gratwanderung“, die eigene Meinung zu sagen und objektive Ratschläge zu geben. „Dafür braucht es Fingerspitzengefühl.“ Das hat sie, und was hilft einer Kellnerin noch? „Man sollte kommunikativ sein, ein dickes Fell haben und auch mal Kontra geben können“, fasst die 37-Jährige zusammen. Sie selbst habe wirklich unangenehme Situationen jedoch sehr selten erlebt.

Und wie spendabel sind die Gäste, wie sieht es mit dem Trinkgeld aus? „Die, die damals gegeben haben, geben heute auch“, sagt Braun. Durch den Mindestlohn habe sich aber die generelle Bezahlung verbessert: „Damals hat man mehr Stunden für das gleiche Geld gearbeitet.“

Wie lange sie noch hinter der Theke stehen will? „Solange es meinem Hauptjob nicht schadet, mache ich das weiter“, antwortet Nadine Braun mit einem zufriedenen Lächeln, während sie ein Bier nach dem anderen zapft.

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