Religiöses Symbol

Mail an Herdecker Apotheke: „Kopftuch weg – sonst Kunde weg“

Das Kopftuch sorgt in vielen Fällen für Debatten. Ein Kunde einer Apotheke in Herdecke schrieb in einer Mail, er könne es nicht akzeptieren, wenn eine Mitarbeiterin ein Kopftuch trage. Die Chefin stellt sich hinter ihre Angestellte.

Foto: Jens Kalaene/dpa

Das Kopftuch sorgt in vielen Fällen für Debatten. Ein Kunde einer Apotheke in Herdecke schrieb in einer Mail, er könne es nicht akzeptieren, wenn eine Mitarbeiterin ein Kopftuch trage. Die Chefin stellt sich hinter ihre Angestellte. Foto: Jens Kalaene/dpa

Ende.   Ein Kunde einer Apotheke in Ende will eine Mitarbeiterin mit Kopftuch nicht akzeptieren. Chefin Silvia Renkl stärkt der jungen Frau den Rücken.

Unruhige Tage und Nächte liegen hinter Silvia Renkl. Es betrifft ihre Apotheke in Ende. Auslöser ist das Schreiben eines Kunden. Die E-Mail an die Geschäftsfrau beginnt freundlich. Der Verfasser aus Herdecke kauft nach eigenen Angaben gerne bei ihr ein, die Beratung in der Apotheke sei „sehr kompetent. Menschlich und fachlich fühle ich mich als Kunde angenommen.“ Solche Zeilen deuten auf ein folgendes Aber hin. Das fällt in diesem Falle so aus: „Allerdings kann ich nicht akzeptieren, dass eine Mitarbeiterin von Ihnen demonstrativ ein Kopftuch trägt.“

Dieser Satz und die folgenden Zeilen beschäftigen seither Silvia Renkl. Obwohl der Schreiber die Mitarbeiterin als nett und gute Beraterin einstuft, will er „keine Demonstration von Glaubenszugehörigkeiten im öffentlichen Raum und keine politische Demonstration persönlicher Einstellungen über das Tragen eines Kopftuches“ akzeptieren. „Eine solche Haltung ist Verweigerung von Integration. Gerade in einer Apotheke erwarte ich Neutralität.“

Auch Praktikantin mit Kopftuch

Wie soll ein Geschäft mit solch einem Einwand umgehen? Silvia Renkl fühlt sich an einen ähnlichen Fall in Bochum erinnert, wo eine Kopftuch-Debatte u.a. über das soziale Netzwerk Facebook entstand und es viel Zuspruch für die Mitarbeiterin gab. Die Apothekerin in Ende hat vor einiger Zeit eine syrische Schülerpraktikantin mit Kopftuch beschäftigt. „Wir setzen uns für Toleranz und Integration ein. Ich kenne viele feministisch-selbstbewusste Frauen mit dieser Kleidung.“

Und beim Blick auf die Fakten bei ihrer Angestellten, die der Kunde kritisiert, stellt sie heraus: „Unsere Mitarbeiterin ist deutsche Staatsbürgerin. Sie verweigert nicht die Integration, sondern fördert sie, indem sie etwa mit ihren zusätzlichen Sprachkenntnissen immer wieder Brücken für hilfesuchende Menschen baut.“ Für Renkl ist klar: Sie lässt sich von dem Schreiben nicht beeinflussen, auch nicht von Sätzen wie „Ihre Mitarbeiterin mag glauben, was sie will, aber ich fühle mich durch ihr Verhalten bedrängt“ oder „Das sehe ich nicht alleine so“.

Mitarbeiterin nicht eingeschüchtert

Renkls Überlegungen gingen natürlich auch in Richtung der Mitarbeiterin. Wie reagiert diese auf die Thematik? „Sie geht gut damit um“, berichtet die Apothekerin, es gebe viel Zuspruch von den entsetzten Kollegen sowie Kunden.

Das dürfte der Protestschreiber bezweifeln. Der behauptet: „Es wird Ihnen kaum entgangen sein, dass hier langsam aber sicher ein Stimmungsumschwung erfolgt.“ Das alles gipfelt in der Formulierung „Meine Bitte in Kurzform: neutrales Verhalten und Kopftuch weg – ansonsten Kunde(n) weg.“

Dazu rechnet der Herdecker seine Einkäufe in der Ender Apotheke zusammen und nennt einen Euro-Betrag. Silvia Renkl überlegt: Gilt nicht ein Geschäfts-Grundsatz, wonach der Kunde König ist? Die Apothekerin hat eine klare Meinung und will standhaft bleiben: „Womöglich verlieren wir deswegen einen Kunden, aber wir setzen weiterhin auf unsere Mitarbeiterin mit Kopftuch.“

Die Erklärung von Silvia Renkl im Wortlaut

Es ehrt unseren Kunden, dass er das menschliche Auftreten und die fachliche Kompetenz unserer Mitarbeiterin deutlich von seiner Haltung trennt, er könne nicht akzeptieren, dass diese Mitarbeiterin „demonstrativ ein Kopftuch“ trage. Unser Kunde erkennt hier eine „Verweigerung von Integration“, und da er schreibt, er sehe das „nicht alleine so“ und gar von einem „Stimmungsumschwung“ spricht, möchten wir gerne zu einer Versachlichung der öffentlichen Debatte beitragen.

Zunächst einmal ist unsere Mitarbeiterin deutsche Staatsbürgerin und sie verweigert nicht die Integration, sondern fördert sie, indem sie beispielsweise mit ihren zusätzlichen Sprachkenntnissen immer wieder Brücken für hilfesuchende Menschen baut. Wer sich, wie unser Kunde, dennoch von einem Kopftuch „bedrängt“ fühlt, darf ganz selbstverständlich sagen, er „akzeptiere keine Demonstration von Glaubenszugehörigkeiten im öffentlichen Raum“. Nur garantiert unser Grundgesetz neben dem Recht auf freie Meinungsäußerung eben auch das Recht auf ein freies Religionsbekenntnis.

Ganz abgesehen davon, ist für uns die Begegnung mit verschiedenen Kulturen nicht nur auf Urlaubsreisen eine Bereicherung, sondern ausdrücklich auch in der täglichen Arbeit hier vor Ort. Was den erwähnten „öffentlichen Raum“ betrifft: Im öffentlichen Raum Nordrhein-Westfalens (Apotheken zählen nicht dazu) bewegt sich allein ein Drittel aller in Deutschland lebenden Muslime. Kopftücher sind somit aus unseren Städtebildern gar nicht wegzudenken und sie sollten uns nicht nur daran erinnern, dass wir ein Einwanderungsland sind, sondern dass wir froh und dankbar sein dürfen, wenn Menschen zu uns kommen, die uns als dringend benötigte Fachkräfte helfen. Dass sie nebenbei Steuern und Rentenbeiträge zahlen, von denen wir alle profitieren, versteht sich von selbst.

Dem Aufruf „Kopftuch weg – ansonsten: Kunde(n) weg“, können wir im Übrigen schon deshalb nicht Folge leisten, weil wir uns damit strafbar machen würden. Wie die oberste europäische Rechtsprechung jüngst klar gestellt hat, erfüllt ein Unternehmer, der einem solchen Kundenwunsch nachkommen würde, den Straftatbestand der Diskriminierung. Unsere Verfassung und das europäische Recht sind Errungenschaften und Werte, die wir mit Blick auf die deutsche Geschichte und aus Überzeugung verteidigen. Andersdenkende bitten wir um Toleranz.

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