Soziales

„Letizia ist eine echte Kämpferin“

Letizia Bleyer (22) mit Mutter Alexandra (links) und Brunhilde Conjaerts (89), zu der die junge Frau sofort Vertrauen gefasst hat.

Letizia Bleyer (22) mit Mutter Alexandra (links) und Brunhilde Conjaerts (89), zu der die junge Frau sofort Vertrauen gefasst hat.

Foto: Elisabeth Semme

Herdecke.  Wegen Reflex-Epilepsie besuchte Letizia Bleyer mit Rückenpanzer und Helm die Schule. Heute lebt die 22-Jährige ein fast normales Leben.

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Sie strahlt übers ganze Gesicht. Doch ihr Blick verrät ein wenig Skepsis, so als wolle sie es noch immer nicht glauben, dass sich jemand tatsächlich für all das interessiert, was sie in ihrem jungen Leben schon durchgemacht hat. Brunhilde Conjaerts war die erste, die der 22-jährigen Letizia aufmerksam zugehört hat. Die 89-Jährige war so gerührt vom Schicksal der jungen Frau und zugleich so beeindruckt von ihrer positiven Einstellung, dass sie spontan befand: „Das muss mal aufgeschrieben werden. Denn so wie sie als junger Mensch mit ihren Einschränkungen umgeht, taugt es dazu, anderen Mut zu machen.“ Die Lokalredaktion hörte ebenfalls zu – hier ist Letizias Geschichte.

„Sie war zwei Jahre und neun Monate, als sich Pöckchen am Bein bildeten und sie plötzlich immer wieder umfiel. Mit hohem Fieber und Verdacht auf Hirnhautentzündung kam sie ins Krankenhaus. Eine erste Lumbalpunktion, bei der Hirn- oder Rückenmarksflüssigkeit entnommen wird, bestätigte diesen Verdacht aber nicht“, erinnert sich Letizias Mutter Alexandra an den Beginn der schier unendlichen Krankengeschichte ihrer Tochter.

Schlaganfälle und Epilepsie

Statt Hirnhautentzündung vermuteten die Mediziner schließlich einen Hüftschnupfen als Ursache für die Ausfallerscheinungen ihres Kindes. Erst zwei weitere Lumbalpunktionen und ein MRT offenbarten, dass es Einblutungen im Kopf gegeben hatte. Es folgten epileptische Anfälle. „Sie verlor ihre Sprache, war linksseitig gelähmt und musste wieder Windeln tragen“, so Alexandra Bleyer. Auf zehn Wochen Krankenhaus folgten elf Wochen Reha. Immerhin konnte Letizia an ihrem dritten Geburtstag wieder stehen und laufen. Eine Spastik auf der linken Körperseite blieb. Zudem die Gewissheit, dass das kleine Mädchen zwei Schlaganfälle erlitten hatte. Und die Diagnose Reflex-Epilepsie. Was sich dahinter verbirgt, erklärt Letizia selbst: „Wenn man mich erschreckt oder jemand mich plötzlich anstößt, kann das einen Anfall auslösen.“

Von Mitschülern gemobbt

„Ich war damals immer bei ihr, und wenn ich mal nicht konnte, ist jemand aus der Familie eingesprungen. Letizia war nie alleine. Aber trotzdem war das alles mit viel Angst verbunden“, erinnert sich Alexandra Bleyer an diese belastende Zeit. Das Kind erlitt weitere epileptische Anfälle, verbrachte viel Zeit in Kliniken, so dass „sie zwischendurch wieder aufholen musste, was der letzte Anfall kaputtgemacht hatte“. In die Schule ging sie mit Rückenpanzer und Helm – und wurde von den Mitschülern gemobbt. „Die haben sich amüsiert und mich extra angestoßen, damit ich einen Anfall kriege“, berichtet Letizia. Beinahe ein ganzes Jahr dauerte es, bis das Mädchen medikamentös eingestellt war.

„Dann habe ich sie von der Regelschule auf eine Schule für geistig Behinderte gegeben. Dort hatte sie einen größeren Schonraum“, so die Mutter. Letizia lacht; denn geistig behindert ist sie keineswegs. Aber ihre Behinderung zwang und zwingt sie, im Alltag auf sich selbst Rücksicht zu nehmen.

Arbeit in der Werkstatt

„Ich arbeite in einer Behindertenwerkstatt. Wir kochen und machen auch Catering. Ich arbeite dort jeden Tag Vollzeit, wenn es mir gut geht“, so die 22-Jährige. Ihr Traum wäre es, mit älteren Menschen zu arbeiten – zum Beispiel in der Küche eines Altenheims; „denn alte Menschen haben meist eine schöne Geschichte. Aber wenn ich gesund wäre, wäre ich gern Hebamme geworden.“

Wohnung und Freunde

„Ich wohne in einer eigenen kleinen Wohnung. Bei uns leben in zwei Häusern nebeneinander mehrere Generationen. So lebe ich mit Unterstützung meiner Familie“, sagt Leitiza. „Mein Freund nimmt meine Einschränkung so, wie es ist. Ansonsten komme ich einfach besser mit älteren Menschen zurecht als mit jüngeren. So wie mit Brunhilde Conjaerts, der ich sofort von meinem Leben erzählt habe.“ Über ihre Mutter sagt sie: „Meine Mutter hat mich immer unterstützt, mich ermutigt und bestärkt, damit ich alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe.“ Die wiederum sagt über ihre Tochter: „Ich glaube an Letizia. Sie ist eine echte Kämpferin.“

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