Sommertour

Leser in Herdecke auf den Spuren von Giersch und Gundermann

So sieht die kleine Blüte aus: Kräuterpädagogin Sabine Kemper reicht einer Teilnehmerin die Blüte einer Ackerkratzdistel.

So sieht die kleine Blüte aus: Kräuterpädagogin Sabine Kemper reicht einer Teilnehmerin die Blüte einer Ackerkratzdistel.

Foto: Elisabeth Semme

Herdecke.  Kräuter erkennen, riechen, schmecken - darum ging es bei einer Wanderung mit Lesern in Herdecke. Auf sie wartete zudem leckere eine Überraschung.

„Stehen Sie gerade im Essen?“, fragt Liliane Schwengler scherzhaft und senkt ihren Blick zu Boden. Vor ihr am Wegesrand wartet Kräuterpädagogin Sabine Kemper, deren Antwort nicht lange auf sich warten lässt: „Ja richtig, ich stehe mitten im Giersch.“ Keine 100 Meter vom Wanderparkplatz Am Hickenstein in Ende entfernt, dem Startpunkt für die erste Redaktions-Sommertour 2019, legen die knapp 20 Teilnehmer schon wieder einen Zwischenstopp ein. Denn grünes Kraut zum Entdecken, Befühlen und Schmecken gibt es hier in Hülle und Fülle. Aber bevor das erste Blättchen abgezupft ist, appelliert Kemper an die Gruppe: „Bitte zeigen Sie mir alles, bevor Sie es essen!“ Und dann kann es auch schon losgehen.

Lecker und gesund

Unzählige zartrosa Blüten, umgeben von dornigen Blättern, ziehen schon nach wenigen Metern den Blick der Expertin auf sich. „Schauen Sie mal, das ist eine Ackerkratzdistel. Sie hat frühmorgens den aromatischsten Nektar, und man kann aus den ganzen Köpfchen ein zart schmeckendes Gelee kochen“, erklärt Sabine Kemper. „Ist das nur lecker oder auch gesund?“, will Thomas Dresbach – übrigens der einzige Mann in der Gruppe – wissen. Und bekommt sofort diese Antwort: „Wildkräuter sind grundsätzlich gesund.“

Unmittelbar neben den Disteln wächst Johanniskraut, das übrigens auch für Laien leicht zu erkennen ist: Wer die Blüten zwischen den Fingern zerreibt, bekommt „blutige“ Hände, denn die verletzten Blüten sondern eine rötliche Flüssigkeit ab. „Die wird als Marienblut bezeichnet“, sagt Sabine Kemper und erläutert dann die möglichen Heilkräfte des echten Johanniskrauts – u.a. soll es leichte Depressionen lindern und in Form von Johanniskrautöl auf der Haut auch entzündungshemmend und beruhigend wirken.

König der Wege

„Die kleinen Löchlein in den Blättern sollen der Überlieferung nach vom Teufel stammen, der so erzürnt von der Heilkraft des Krauts war, dass er mit einer Schrotflinte darauf geschossen hat“, weiß die Fachfrau, die ihrer wissbegierigen Truppe nur wenige Meter weiter einen kleinen König vorstellt: Mitten auf dem festgetrampelten Fußweg und dem Wiesengrund wachsen Spitz- und Breitwegerich, „der König der Wege“. Sabine Kemper: „Die Beiden sind ganz wichtig auf der Speisekarte, im Salat harmonieren die Blätter wunderbar mit Apfel. Und die Knospen des Spitzwegerichs schmecken nach Champignons.“

„Aufgepasst!“, heißt es bei der nächsten Pflanze, die oft auf dem Speiseplan der Kräuterexpertin steht: Die Brennnessel, deren Härchen bei Berührung Histamin abgeben, das wiederum den „brennenden“ Schmerz schnell zum Gehirn transportiert, „damit der Fraßfeind künftig von dieser Pflanze wegbleibt“. Deswegen gelte: Entweder beherzt zupacken, um die Härchen zu brechen und die Blätter zu pflücken, oder einfach Handschuhe tragen. „Aus den Blättern kann man Salat zubereiten, der sehr anregend auf Männer wirken kann“, verrät Sabine Kemper und macht die Wanderer auf die vielen Nährstoffe des Brennnesselsamens aufmerksam. Kurz bevor sich die Truppe an einem steil ansteigenden Waldstück wieder auf den Rückweg machen will, deckt Sabine Kemper auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes den Tisch.

Unkrautgelee und Kräuterdip

Sie serviert den Teilnehmern der Sommertour selbst gebackene Wiesenbrötchen, Unkrautgelee, einen Kräuterdip und Kräuterbutter – appetitlich dekoriert mit bunten Blüten. Die Wanderer lassen sich nicht lange bitten und greifen gerne zu. „Mmmmhhhh, das Gelee schmeckt köstlich“, schwärmt Marion Gerling und viele Frauen aus der Runde pflichten ihr bei. „Im Dip, der Butter und im Gelee sind die gleichen Kräuter. Nur die Knoblauchsrauke ist natürlich nicht im Gelee“, sagt Sabine Kemper schmunzelnd.

Gut gestärkt macht sich die Truppe schließlich auf den Rückweg. Und auch der ist gespickt mit vielen Informationen, teils sogar in Versform verpackt – wie diese: „Ist der Stängel kantig, rau, ist es Wiesenbärenklau“. Abschließend erzählt Sabine Kemper ihren interessierten Zuhörern noch von dem Brauch, sich bei der Pflanze zu bedanken, die man pflückt und verwendet. „Das birgt so etwas wie Respekt vor der Pflanze“, sagt die Expertin.

Und den haben die grünen Lebewesen durchaus verdient: Welche ausgeklügelten Mechanismen sich allein in einer Pflanzenzelle abspielen, wenn etwa ein Blatt von einer Raupe zerfressen wird, das erleben die Teilnehmer noch ganz anschaulich bei einem kleinen Rollenspiel zum Abschluss der zweistündigen Wanderung.

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