Justiz

Herdecker (32) wegen Vergewaltigung in Paderborn angeklagt

In Paderborn muss sich ein Angeklagter aus Herdecke im Schwurgerichtssaal wegen Vergewaltigungs-Vorwürfen verantworten.

In Paderborn muss sich ein Angeklagter aus Herdecke im Schwurgerichtssaal wegen Vergewaltigungs-Vorwürfen verantworten.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Herdecke/Paderborn.  Lügengebäude und erzwungener Sex: Am Landgericht Paderborn ist ein Mann aus Herdecke angeklagt, da er 2016 seine Freundin vergewaltigt haben soll

War es Verlangen oder eher ein Machtspiel? Vielleicht sogar alles nur eine Masche, um an Sex zu kommen? Ein 32 Jahre alter Mann aus Herdecke sitzt in Paderborn seit Mittwoch auf der Anklagebank, weil er vor drei Jahren seine damalige Freundin in Lichtenau bei Paderborn vergewaltigt haben soll. Es ist möglicher Weise nicht der einzige sexuelle Übergriff, der dem Angeklagten zur Last gelegt wird – und der ein gewaltiges Lügengebäude an die Öffentlichkeit bringt.

Adrett gekleidet sitzt der 32-Jährige in dem altehrwürdigen und denkmalgeschützten Schwurgerichtssaal im katholischen Paderborn, den sogar ein Kruzifix vor der Richterbank ziert. Schwören müssen hat darauf schon lange niemand mehr, und wenn es der Herdecker tun müsste, wäre es wohl besser, er ließe es sein. Denn was hier in den nächsten Stunden aus dem Mund von Zeuginnen zu hören sein wird, ist alles andere als schmeichelhaft. Das Wort Lüge fällt recht oft, auch wenn der Rechtsanwalt der Nebenklägerin es vermeidet – und stattdessen den Angeklagten aus einem Auftritt in einer Fernsehsendung zitiert.

Psychischen Druck ausgeübt

Ausgerechnet über eine christliche Dating-Plattform lernt die heute 32-jährige Paderbornerin im Sommer 2016 den Herdecker kennen, wie sie am ersten Verhandlungstag im Zeugenstand berichtet. Schnell werden beide ein Paar, aber die junge Frau hat sich die Beziehung anders vorgestellt, als sie sich entwickelt: Immer wieder habe ihr neuer Freund psychischen Druck auf sie ausgeübt, sei auch handgreiflich geworden, und das in für sie etwas verstörender Art und Weise. Etwa bei einem Ausflug an die See: Im Hotelzimmer habe er sie in den Schwitzkasten genommen, aber anstatt Sex von ihr zu verlangen währenddessen an sich selbst herumhantiert. Überhaupt habe sie den Sex mit ihm nach dem ersten Mal mehr über sich ergehen lassen als genossen.

An einem Tag im Herbst schließlich habe es Streit gegeben, weil sie sich mit dem Pastor ihrer Gemeinde unterhalten wollte, ohne dass er dabei war – er habe sie in ihrem Zimmer auf eine Matratze gelockt, dann zum Sex gezwungen und nicht abgelassen, obwohl sie ständig gebeten habe, er möge aufhören. Sich zu wehren habe sie nicht geschafft. „Er hat gesagt: ich kann mit dir machen was ich will, und wann ich will.“ Die junge Frau offenbarte sich später ihrem Bruder und dem Pastor, der ihr zu einer Therapie riet. Dort erst habe sie den Mut gefunden, die Sache zur Anzeige zu bringen.

Allerdings war es ihr zweiter Kontakt zur Polizei: Bereits wenige Tage nach dem Vorfall und der darauf folgenden Trennung zeigte sie den frisch gebackenen Ex-Freund an – wegen Erpressung. Das Urteil des Amtsgerichts Wetter aus dieser Sache ist noch nicht rechtskräftig.

Therapie und zwei Anzeigen

Wegen Vergewaltigung steht der 32-Jährige jetzt in Paderborn vor Gericht. Doch was ausgebreitet wird, ist nicht nur der mutmaßliche sexuelle Übergriff, sondern vor allem die Geschichte drumherum. Er habe behauptet, viele Häuser in Dortmund zu besitzen, Pferde und ordentlich Geld zu haben, sagte junge Frau – dabei sei sie überrascht gewesen, wie ärmlich seine Ein-Zimmer-Bude ausgesehen habe, unaufgeräumt „wie eine Männer-WG“. Als Bauleiter eines großen Konzerns habe er sich ausgegeben – was ihrer Familie noch viel eher unglaubhaft vorgekommen sei als ihr selbst.

Der Angeklagte selbst wirkt nervös und fahrig, fummelt mit einem Kugelschreiber herum, während die Zeugin spricht. Und verhält sich auch nicht anders, als eine jetzt 30-jährige Paderbornerin in den Zeugenstand tritt, die er vor acht Jahren über Facebook erfolgreich „angebaggert“ hatte: Ihr gegenüber gab er sich als Pilot aus und drängte ebenfalls rasch auf eine Beziehung – die währte jedoch nur kurz und blieb sexuell gesehen ereignislos. Doch dafür erfuhr die Paderbornerin von einer Freundin etwas später, dass diese den Herdecker ebenfalls „kennen gelernt“ und ähnliches erlebt hatte wie sie: „Da war mir klar, dass er lügt und betrügt.“

Angeklagter schweigt

Der 32-Jährige schweigt zu allem. Selbst zu seinen persönlichen Verhältnissen befragt, bleibt er dem Gericht einiges schuldig: Beruflich mache er gerade „aufgrund der Sache hier gar nichts“. Eigentlich absolviere er eine Ausbildung zum Koch, aber die habe er wegen einer Therapie und des Prozesses unterbrochen. Wann er die Ausbildung begonnen hat, gibt er vor, nicht mehr zu wissen – ebenso wie er seinen Ausbildungsbetrieb nicht nennen kann, mit lässig abwinkender Geste. Die Frage des Richters, wie er derzeit seinen Lebensunterhalt bestreitet, kommentiert der 32-Jährige mit einem genuschelten „Sag ich nichts zu.“

Und handelt sich vom Nebenklagevertreter damit die Frage ein, ob er nicht noch vor kurzem im Privatfernsehen in einer Restaurant-Doku-Soap als angeblicher Restaurant-Fachmann und studierter Hotel-Manager aufgetreten ist. „Ich weiß grad gar nichts mehr“, sagt der Herdecker dazu.

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