Mein Gott

Freundliche Reden sind wie Honigseim

Guido Hofmann ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in Ende. 

Guido Hofmann ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in Ende. 

Foto: Foto: Privat

Pfarrer Guido Hofmann macht sich in seiner Kolumne Gedanken über den Umgang der Menschen miteinander.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Mensch, wie kann man nur so bekloppt sein.“ Der Autofahrer hat sein Fenster heruntergelassen, um mich über meinen Fahrstil auf dem Rad aufzuklären. „Wie reden Sie denn mit mir?“, frage ich zurück. „Ach, geh doch Bierdeckel sammeln, du Idiot.“ Fenster hoch. Noch ein unhörbarer Gruß mit dem Zeigefinger an der Stirn hinter der Fensterscheibe, und weg war er.

Dieser Stil scheint Konjunktur zu haben. Was im anonymen Internet möglich ist, wurde in Autos wahrscheinlich schon immer herausposaunt. Im Inneren des Wagens. Deutliche Worte. Neu ist das offene Fenster, das rabiate, das herabsetzende Wort ohne Scham, mit geöffnetem Visier. Was ist da los?

Zufällig lese ich einen alten biblischen Vers, geschrieben lang vor Autos und Internet: „Freundliche Reden sind wie Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder“ (Spr. 16,24). Unfreundliche Reden waren sicher schon damals bittere Speise für die Seele, die in die Knochen fuhren und Menschen krank machten. Dabei tut doch nichts so gut wie ein „Schön, dich zu sehen!“ Da atmet die Seele auf.

Es gibt noch Hoffnung! Wenn ein junger Mann einer Frau mit Gehstock seinen Platz im Bus anbietet, zaubert es ein Lächeln auf ihr altes Gesicht. Wenn die Verkäuferin mich mit Namen kennt oder ein Lehrer sagt: „Ich habe mich auf Euch gefreut!“; das ist Honig für die Seele.

Klar. Man kann Honig um den Bart schmieren, um Einfluss zu gewinnen. Ein freundliches Lächeln kann aus einem Verkäuferseminar stammen und nicht aus dem Herzen. Allerdings kenne ich einige Verkäuferinnen mit Herz. Viele Ehrenamtliche sind gerne für andere da. Unzählige Berufstätige sind jeden Tag im Kontakt mit Menschen - mit Gutgelaunten und Miesepetras - und bleiben freundlich. Sie sind es gerne! Das ist auch viel schöner als das Gefühl, der einzige Mensch auf Erden zu sein, der noch mit Vernunft, Rücksichtnahme und Voraussicht gesegnet ist.

Freundlichkeit erhält die Gesundheit, körperlich und seelisch. Dass Freundlichkeit und Barmherzigkeit heilsam für die Glieder sind, sieht man an jenen, die sie erfahren. Sie lächeln, sie verschenken Respekt und Aufmerksamkeit. Sie üben Nachsicht mit den Gestressten dieser Erde. Wie heilsam für Seele und Körper!

Nun gut. Auch ich bin Verkehrsteilnehmer. Auch ich stehe vor roten Ampeln, im Stau, erschrecke mich über riskantes Fahren anderer. Ich nehme mir vor, dennoch freundlich zu bleiben, Kritik, wenn nötig, freundlich zu benennen. Weil ich möchte, dass das Schule macht, ebenso Respekt, barmherziger Umgang oder Mitgefühl. Denn wer wird schon zuhören, wenn das Gegenteil sich durchsetzt? Wer will schon in einer Welt der Besserwisser leben? Ich nicht!

„Freundliche Reden sind wie Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“ Das schreibe ich mir hinter die Ohren. Um Gottes Willen!

Guido Hofmann ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Ende

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben