Interview

Ein 3-D-Modell der abgebrannten „Kotelett-Villa“ in Herdecke

Interesse für Architektur: Marc-André Rafflenbeul hat nach dem Brand, der im Dezember 2016 die Kotelett-Villa in der Goethestraße Herdecke zerstörte, mit einem Computerprogramm ein 3-D-Modell des denkmalgeschützten Hauses entworfen.

Interesse für Architektur: Marc-André Rafflenbeul hat nach dem Brand, der im Dezember 2016 die Kotelett-Villa in der Goethestraße Herdecke zerstörte, mit einem Computerprogramm ein 3-D-Modell des denkmalgeschützten Hauses entworfen.

Foto: Steffen Gerber

Herdecke.  Marc-André Rafflenbeul hat am Computer ein 3-D-Modell der „Kotelett-Villa“ Herdecke angefertigt. Das Haus der Familie Renckhoff brannte 2016 aus.

2. Dezember 2016, 7.31 Uhr: Ohne nachdenken zu müssen, kann Marc-André Rafflenbeul das Datum benennen, an dem ein verheerendes Feuer in der Herdecker „Kotelett-Villa“ ausbrach und so gut wie alles zerstörte. Der 22-Jährige interessiert sich sehr für Architektur und hatte daher einen eigenen Blick auf das denkmalgeschützte Gebäude in der Goethestraße. Dort entsteht derzeit ein Neubau mit einer Augenarztpraxis für Dr. Rosemarie Renckhoff. Die Familie hofft, Ende des Jahres da einziehen zu können. Dann will der 22-Jährige das frühere Haus nach zwei Versionen mit Vorlagen aus Hagen über ein Computerprogramm als rekonstruiertes 3-D-Modell vorlegen.

Welchen Bezug hatten Sie vor dem verheerenden Feuer zu dem Haus?

Marc-André Rafflenbeul Ich bin eine Zeit lang, auch als der Brand ausbrach, auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag mit dem Auto an dem Haus vorbei gefahren und habe es schon lange bewundert. Das stach einfach hervor, allein schon wegen der auffälligen roten Farbe. Und einmal war ich auch zwecks einer Behandlung im Inneren.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Brand?

Ich bin eine halbe Stunde vor dem Feuer dort vorbei gefahren und habe dann im Radio von dem Großbrand erfahren. Im Laufe des Tage erfuhr ich, dass es sich um die Villa in der Goethestraße handelte. Mein erster Gedanke: Hoffentlich ist keinem etwas passiert. Da ich wusste, dass dort vieles aus Holz bestand, war mir klar, dass die Löscharbeiten schwierig sein würden. In den Tagen danach habe ich als Außenstehender immer wieder in Gesprächen ein großes Bedauern und viele emotionale Reaktionen zahlreicher Herdecker wahrgenommen, das habe ich auf die Beliebtheit der Familie zurückgeführt.

Ihr Hobby ist Architektur. Hatten Sie einen besonderen Blick auf die unter Denkmalschutz stehende „Kotelett-Villa“, die der Metzger Friedrich Rosenkranz (Urgroßvater von Gert Renckhoff) 1901 als seinen Altersruhesitz bauen ließ?

Ja, das lag an der Bauweise mit Elementen der Renaissance und des Jugendstils. Mein Interesse galt der äußerlichen Gestaltung. All das ist übrigens rein privater Natur, mein Hobby ist einfach ohne eine besondere Vorprägung über Jahre entstanden. Angesichts des Ausmaßes des Feuers war mir früh klar, dass ein Abriss wohl unumgänglich sein würde. Dabei hoffte ich, dass Teile der Fassade zu retten sein könnten. Ich habe mich dann über verschiedene Zeitungsartikel der Lokalredaktion weiter informiert und dann im Juli 2017 bemerkt, dass der Abbruch bald startet. Mit Firmen-Mitarbeitern habe ich mich dann mal unterhalten können, auch zu den Renckhoffs und zur Architektin Gentgen hatte ich kurzen Kontakt.

Hatten Sie vor Ihrer Idee, ein 3-D-Modell der alten Villa mit der besonders schönen Außenfassade zu entwerfen, schon Erfahrungen mit anderen Gebäuden?

Auch Herdecker dürften sich an das Sparkassen-Hochhaus in Hagen, den Langen Oskar, erinnern, der 2004 gesprengt wurde. 2013 habe ich angefangen, das über ein Computer-Programm nachzuzeichnen. Dazu habe ich mehr als 1000 Fotos gesammelt. Das habe ich in Hagen der Lokalredaktion und dem Radio vorgestellt, darüber wurde auch berichtet. Ein zweites virtuelles Modell habe ich vom früheren Kaufpark-Gebäude bzw. Viktoria-Kino angefertigt, die heutige Rathaus-Galerie. Wie auch in Herdecke entstand all das, weil mich die Geschichte dieser auffälligen Bauwerke interessierte und diese meiner persönlichen Vorliebe entsprechen.

Wie schwierig ist es denn, mit diesem Computer-Programm 3-D-Modelle zu entwerfen?

Mit der Hand konnte ich noch nie gut zeichnen, daher war die PC-Variante essenziell für mich. Das Programm kam mir zunächst sehr kompliziert vor, ich konnte mich aber ohne Zeitdruck in meiner Freizeit da einarbeiten und viel probieren. Immer wieder habe ich etwas verworfen oder einen Strich neu angelegt, denn mein Ziel war und ist, dass es originalgetreu aussehen soll. Da lege ich viel Wert drauf, ich bin da schon etwas perfektionistisch veranlagt. Je mehr Unterlagen ich habe, desto besser lässt sich ein Gebäude virtuell rekonstruieren. Dabei ist das Augenmaß entscheidend, zudem braucht man Geduld. Unter dem Strich ist solch eine 360-Grad-Perspektive dann aber kein Hexenwerk.

Wie weit sind Sie denn mit dem Modell der einstigen „Kotelett-Villa“?

Ich habe im April damit angefangen, nachdem ich mich zuvor schon einige Zeit mit dem Gedanken beschäftigt hatte. Doch wegen der Stuck-Details an der Außenfassade habe ich mich erst nicht ‘rangetraut. Zunächst wollte ich den Anbau nachzeichnen, mangels Unterlagen habe ich da auch mal etwas weglassen. Ich würde mich über weitere Fotos von der Villa sehr freuen, damit ich das Modell noch originalgetreuer nachzeichnen kann. Dennoch dürfte mein Modell schon jetzt nah am Original sein. Eine Zeit lang habe ich in meiner Freizeit fast jede freie Minute am Rechner verbracht, um dann in einem zweiten Schritt die Villa zu modellieren. Als Herausforderung erwies sich, die richtige Proportion des Stucks und das Verhältnis zum Anbau zu treffen. Bis auf einige Außendetails ist die 3-D-Villa nun fast fertig. Erste Reaktionen etwa über Facebook waren durchweg positiv. Viele attestierten mir, dass ich mir viel Mühe gebe. Das stimmt auch.

http://funke-cms.abendblatt.de:8080/webservice/thumbnail/article/215286787Was soll denn mit dem Modell passieren?

Ich will bis zum Jahresende damit komplett fertig sein. Bei der Arbeit ist mir noch einmal aufgefallen, um welch besonderes Haus es sich hier dreht. Das zeigten mir auch historische Fotos, als noch die Bismarck-Figur vor dem Gebäude an der Goethestraße bzw. der damaligen Bismarckstraße stand. Ich habe Spaß am Modellieren und will, dass die Villa Herdeckern in Erinnerung bleibt. Ich möchte mein möglichst originalgetreues Ergebnis dann den Renckhoffs schenken und bin gespannt, wie sie das finden. Hätte die Familie übrigens mein Projekt missbilligt und kritisiert, hätte ich die Arbeit eingestellt, da ich in keine Privatsphäre eindringen will. Mir geht es um dieses besondere Haus.

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