Umwelt

Aus Industriebrache wird „naturnahe Bachaue“

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Das Gelände der ehemaligen Fabrik Nadler soll renaturiert werden.

Das Gelände der ehemaligen Fabrik Nadler soll renaturiert werden.

Foto: Ralf Engel / Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung

Der Westiger Bach soll auf dem ehemaligen Nadler-Gelände renaturiert werden.

Ihmert. Wo früher Industriedraht hergestellt wurde, soll bald die Natur wieder einziehen. Am kommenden Dienstag berät der Ausschuss für Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr, was aus der Industriebrache Nadler/Wilhelm vom Braucke werden soll. Bislang war eine „Fläche für den Gemeinbedarf“, eventuell für den Bau eines neuen Feuerwehrgerätehauses, im Gespräch. Die Verwaltung plant nun, den Westiger Bach an der Stelle zu renaturieren und dort eine naturnahe Bachaue zu entwickeln. Für „Freizeitgestaltung in der Natur“ soll die Industriebrache vorbereitet werden. Pläne für eine Bebauung gibt es damit nicht mehr.

Die Verwaltung beschreibt die wasserbauliche Situation auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik Nadler als „ungeordnet“ und „unklar“. Nach Abbruch des Gebäudes wurden bei einem stärkeren Regenereignis erhebliche Wasseraustritte im Bereich von Bohrlöchern und ehemaligen Kühlwasserkanälen der Drahtzieherei sichtbar. Unter der dicken Betondecke befinden sich bekannte und unbekannte Kanalrohre und Schächte. Ein nicht mehr genutzter und halb zugeschütteter Obergraben nördlich der Fläche hat vormals eine Mühle auf dem Nadler-Gelände mit Wasser versorgt. Der Zufluss der Holmecke, die nahe des Holmecker Weges verläuft, in den Westiger Bach erfolgt heute über diesen Obergraben. Weiter erfolgt die ungeordnete Ableitung des Wassers über eine Feuchtwiese und einen Teich. Von dessen Überlaufschacht führt ein Kanal das Wasser in den Westiger Bach.

Die Holmecke soll nach der Abdämmung des Obergrabens direkt in den Westiger Bach münden. Funktionslose Wehre im Westiger Bach sollen entfernt und der ökologisch wertvolle Bereich um die Sickerquellen erhalten bleiben. Um dies zu ermöglichen und zur Aufwertung der ökologischen Verhältnisse hat die Stadt 2017 bereits eine etwa 7300 Quadratmeter große Fläche zwischen dem Obergraben und der Ihmerter Straße erworben, die mit einem Erlen-Bruchwäldchen bestockt ist. Der unter dem Gelände Nadler verrohrte Westiger Bach soll offengelegt werden, so dass zusammen mit dem Bereich AvB ein 600 Meter langer renaturierter Bachabschnitt entsteht. Auf der Fläche AvB entsteht zudem ein naturnahes Regenrückhaltebecken, in dem sich eine feuchteliebende ökologisch hochwertige Fauna und Flora entwickeln soll.

Für die Bachrenaturierung und den Bau des Hochwasserrückhaltebeckens sind vom Land NRW Fördermittel in Höhe von 80 Prozent der Kosten in Aussicht gestellt worden. Diese Fördermittel aus dem Förderprogramm „Gewässerrenaturierung und Hochwasserschutz“ werden allerdings nur unter der Voraussetzung einer „wesentlichen Verbesserung für Natur-und Wasserhaushalt“ gewährt, was bei einer Bachrenaturierung von fast 600 Metern und einem naturnah gestalteten Hochwasserrückhaltebecken gegeben ist. „Da durch die Hochwasserereignisse der vergangenen Jahre viele Kommunen Gelder aus diesem Förderprogramm beantragen, ist es wichtig, ein überzeugendes Konzept zur Renaturierung eines ausreichend großen Bereiches bzw. zur Schaffung eines ausreichend großen Biotopes zu erstellen, um bei der Mittelverteilung berücksichtigt zu werden“, schreibt die Verwaltung in ihrer Vorlage.Weiterhin ist für den Fortgang der Sanierung eine Entscheidung über die weitere Nutzung der Nadler-Fläche erforderlich, damit die Sanierung entsprechend der künftigen Nutzung erfolgen kann.

Für versiegelte, asphaltierte Flächen gibt die Bundesbodenschutz-Verordnung andere Prüfwerte vor als zum Beispiel für Kinderspielplätze, die möglichst frei von Bodenbelastungen sein müssen. Zurzeit wird im Bereich der Nadler-Fläche mit den Prüfwerten für Park-und Freizeitanlagen gearbeitet. Eine spätere Nutzung der Fläche zum Beispiel für Bolzen, Radeln oder andere Freizeitgestaltungen in der Natur wird somit ermöglicht. In Bezug auf frühere Überlegungen zu anderweitigen Nutzungen wurde mit der Feuerwehr und dem Verein „Wir in Ihmert“ über die geplante Renaturierung des Nadler-Geländes gesprochen und es bestehen, so die Vorlage, keinerlei Einwände oder Bedenken.

Für ein Gewerbegebiet oder eine Wohnbebauung ist das ehemalige Nadler-Gelände aus Sicht von Bürgermeister Christian Schweitzer nicht geeignet. Einerseits liegt das Gelände für Gewerbe nicht in der Nähe der Autobahn, andererseits ist das Grundstück zu verwinkelt und großflächig, um für eine Wohnbebauung in Frage zu kommen. Schweitzer sieht stattdessen die Fläche als wichtigen Faktor für den Hochwasserschutz an. „Das ist gelebter Naturschutz“, so der Bürgermeister. Auch Fragen eines Bürgerantrags von Friedhelm Hepping werden im Ausschuss beantwortet. Für Sanierungsuntersuchung und Rückbau sind 3,2 Millionen Euro veranschlagt, der städtische Anteil liegt bei 20 Prozent. Da die Bodenuntersuchungen in der Industriebrache noch nicht abgeschlossen sind, kann erst 2022 mit dem weiteren Abriss gerechnet werden. Nach der Altlastensanierung der Industriebrache Adolf vom Braucke ist dort ein Hochwasserrückhaltebecken geplant, das die komplette Fläche des ehemaligen Standortes einnehmen soll und 20.000 Kubikmeter Fassungsvermögen aufweisen soll.

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