Leben

Philipp Kerstings langer Weg bis zum Keksplaneten

Philipp Kersting

Philipp Kersting

Foto: Archiv, Fischer

Hattingen.   Informatiker, Schuhverkäufer, Werbetexter – Philipp Kersting hat einen bunten Lebensweg hinter sich. Jetzt macht er Musik und ist glücklich.

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Jede Art von Zwangsjacke lässt ihn ausbrechen. Ob schulisches oder berufliches Korsett – alles, was einengt, die Kreativität ausbremst, geht gar nicht. Das hat Philipp Kersting bereits erfahren und gelebt, als er diese Wechselwirkung noch gar nicht analysiert hatte. „Mit fällt nichts mehr als Entschuldigung ein, nicht mehr das zu leben, was ich bin“, sagt er. Endlich ist er angekommen im Leben.

Doch der Weg bis zu dem Punkt war nicht gerade und leicht schon gar nicht. „Auch wenn sich jetzt im Nachhinein vieles lustig anhört.“ Geboren in Hattingen, erkannte Philipp Kersting sehr früh, dass er einen großen Hang zur Musik hatte, was sein Opa nach Kräften förderte. Mit sieben Jahren bekam er ein Keyboard geschenkt – zusammen mit einer VHS-Kassette. Da konnte man die Lieder nachspielen. „Anfangs habe ich immer nach Gehör gespielt.“ Durch Noten kämpfte er sich erst später.

Der Firmenchef hielt sich Lamas

Als er zehn Jahre alt war, ließ er öfter Visitenkarten drucken, auf denen stand: Philipp Kersting, Musiker. Eine Ahnung, wohin die berufliche Reise geht, hatte er also schon sehr früh. Dann kamen die wenig ruhmreichen Schuljahre.

Die Grundschule ging gerade noch, ohne dass er viel Schaden nahm. „Aber auf der weiterführenden Schule wird einem ja in diesem Schulsystem jede Kreativität wegtrainiert“, ist er überzeugt. Da war er mal der Träumer, mal der Klassenclown. Sprache, Kunst, Musik – das war alles seins. „Aber Fächer mit Inhalten, die ich in meinem Leben niemals brauche, fand ich einfach unerträglich.“

Ausbildung zum Fachinformatiker

Tschüss Schule, sagte er dann in der elften Klasse und begann mit einer Ausbildung zum Fachinformatiker. Die letzten Monate seiner Lehre habe er im Wohnzimmer seines Arbeitgebers absolviert, weil die Firma nicht gut lief. „Der hielt sich außerdem Lamas, mit denen er Trekkingtouren machte und anbot. Die Tiere musste ich morgens nach draußen lassen.“

Die hätten ihn immer fast umgerannt, weil sie heiß drauf waren, ihre Runden zu drehen. Aber zumindest sei er nicht bespuckt worden, freut er sich immer noch. Der heute 34-Jährige hat die Ausbildung durchgezogen, den Abschluss sogar mit einem Gut gemacht. „Aber es war das nackte Grauen,“ so sein messerscharfes Urteil.

Danach schlug er sich mit Minijobs durch. Er arbeitete im Schuhmarketing. Sein Chef ließ hochwertige Markenschuhe in China kopieren, um sie hier für kleines Geld anzubieten. Es folgte: Philipp Kersting als Ich-AG mit einer Agentur für Neue Medien, was mit seinem Beruf rein gar nichts zu tun hatte. Auch das Projekt beerdigte er relativ schnell.

Heute macht Kersting Radio, gibt Konzerte

Dann kam es ihm in den Sinn, doch noch das Abitur nachzuholen. Diese fixe Idee hielt anderthalb Jahre, dann schmiss er die Schule erneut. Sein Highlight des beruflichen Wahnwitzes kam dann: Durch Beziehungen schaffte er den Sprung in eine Agentur, wo er für einen großen Discounter Gebrauchsanleitungen gestaltete. Sein persönlicher Gipfel der Nicht-Kreativität. Auch das Drama fand ein baldiges Ende. 2008 stand dann sein Entschluss fest: Ich mach nur noch Musik. Heute – rückblickend – sieht er wirklich mit Bedauern, wie viele Menschen in irgendwelchen Berufen gefangen sind. Nicht den Mut haben, auszubrechen. Unglücklich sind.

Für sich selbst hat er akzeptiert: „Ich steh’ ständig unter Strom, bin dabei aber super glücklich. Ich brauch immer neuen Output, sonst platzt meine Birne.“

Heute macht er Radio, gibt Konzerte, macht Musik, komponiert und hat das Label „Keksplanet“. „Ich lass mich jetzt machen, ich lass es zu und hau jetzt raus, was in meinem Kopf ist. Jetzt bin ich glücklich.“

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