Gesichter und Geschichte(n)

Der Olympia-Traum dieser Hattingerin endet mit dem Boykott

Annette Michler-Hanneken gehört Ende der 1970er-Jahre zu den besten deutschen Kunstturnerinnen.

Annette Michler-Hanneken gehört Ende der 1970er-Jahre zu den besten deutschen Kunstturnerinnen.

Foto: HO / MH

Hattingen.  Annette Michler aus Hattingen gehört im Jahr 1980 zur deutschen Kunstturn-Elite. Dann macht ihr ein Politikum einen Strich durch die Rechnung.

Bei einer Feierstunde kurz vor Weihnachten 1977 steht Annette Michler im Mittelpunkt: Das hoffnungsvolle Turn-Talent hat es bis in die B-Nationalriege geschafft, die Hattingerin gehört zum Kreis derer, die bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau für Deutschland an den Start gehen könnten. Trainerin Hanne Saamann macht beim Bürgermeister Paul Wolf unterdessen klar, dass Süßigkeiten nicht gewünscht sind: „Sie muss auf ihr Gewicht achten!“

So streng Hanne Saamann mit der gerade 14-Jährigen ist, so erfolgreich ist ihr Training: Annette Michler gewinnt sechs Deutsche Meistertitel und der Traum von Olympia ist zum Greifen nah – doch am 15. Mai 1980 entscheidet sich das Nationale Olympische Komitee nach aufreibenden Diskussionen mit 59:40-Stimmen, dass Deutschland sich dem Boykott der USA anschließt und nicht in die Sowjetunion reist.

Nach dem Boykott hat sie von jetzt auf gleich aufgehört

„Ich war schwer enttäuscht“, erinnert sie sich in einem WAZ-Gespräch. „Da war die Motivation weg. Das Ziel fehlte plötzlich“, sagt sie. Von jetzt auf gleich hört sie auf – „ganz schön unvernünftig, weil ich gar nicht abtrainiert habe.“

Annette Michler geht zum Gymnasium Holthausen. Mit dem Turnen hat sie da gerade angefangen, weil das Hattinger Original Hennes Saamann irgendwann zu ihr sagt: „Zugucken gibt’s nicht, sondern mitmachen“, lacht sie. Also trainiert sie. Bei Hennes Saamanns Frau Hanne – sechs Tage in der Woche, immer um die vier Stunden.

Als Uta Schorn – erste westdeutsche Medaillengewinnerin bei einer Turn-Europameisterschaft und Sportlerin des Jahres – aufhört, beginnt Michlers große Zeit: Im Jahr 1977 gewinnt sie ihre erste Deutsche Kunstturnmeisterschaft auf dem Schwebebalken, zweimal verteidigt sie diesen Titel. 1978 siegt sie auch am Stufenbarren (obwohl sie bis kurz vor dem Turnfest verletzt ist), wird zweimal Kunstturnmeisterin im Mehrkampf. Die Hattingerin schafft es als erste westdeutsche Athletin ins Mehrkampffinale bei einer Turn-Weltmeisterschaften – in Straßburg erreicht sie den 21. Platz der Einzelwertung

Turnen neben dem rumänischen Weltstar Nadia Comăneci

„Am intensivsten waren die Teilnahmen an der Weltmeisterschaft“, sagt sie. „Neben einer Nadia Comăneci zu turnen, das war unvergleichbar.“ Die Rumänin gilt nach wie vor als eine der besten Turnerinnen aller Zeiten, sie gewinnt fünfmal olympisches Gold, davon einmal bei jenen Boykott-Spielen in Moskau. Druck gibt es bei Weltmeisterschaften für Annette Michler nicht – weil durch die osteuropäische Übermacht sowieso niemand etwas von deutschen Athletinnen erwartet.

Nach dem Abi 82 wird sie Diplom-Sportlehrerin, zieht aus Hattingen weg. Heute arbeitet Annette Michler-Hanneken als Fachreferentin für Sport und Bewegungsförderung. Und das Turnen? Nein, das spielt keine Rolle mehr, außer vielleicht im Schwimmbad bei einem Salto vom Beckenrand ins Wasser. „Ein Wunderkind ist sie nicht“, titelt die WAZ damals trotz aller Erfolge über Annette Michler. „Stimmt“, sagt sie im Jahr 2017, „ist sie nicht“.

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