Arbeitswelt

WP-Langzeitreport – Flüchtling erhält eine Festanstellung

Abdul Kader Al Mheimd im Kundengespräch: Der 24-jährige Syrer hat eine Ausbildung als IT-Systemelektroniker bei der abgebrochen. Er hat dennoch eine Festanstellung erhalten.

Foto: Michael Koch

Abdul Kader Al Mheimd im Kundengespräch: Der 24-jährige Syrer hat eine Ausbildung als IT-Systemelektroniker bei der abgebrochen. Er hat dennoch eine Festanstellung erhalten. Foto: Michael Koch

Hagen.   Abdul Kader Al Mheimd hat seine Ausbildung abgebrochen. Und dennoch darf er sich jetzt über eine Festanstellung freuen.

Auf drei Jahre war er angelegt, der Langzeitreport, mit dem die WESTFALENPOST einen syrischen Bürgerkriegs-Flüchtling auf seinem Weg über eine Ausbildung in den deutschen Arbeitsmarkt begleiten wollte. Der Langzeitreport endet nun aber nach knapp einem Jahr, denn Abdul Kader Al Mheimd hat seine Ausbildung als IT-Systemelektroniker bei dem Kabeler IT-Systemhaus pcm abgebrochen. Und dennoch: Sein Fall steht nicht exemplarisch für das Scheitern der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Er steht erst recht nicht exemplarisch für Arbeitsscheu oder Ähnliches. Doch zeigt der Fall ganz offensichtlich Probleme und Herausforderungen auf, die auch andere Flüchtlinge betreffen. Sprachschwierigkeiten und der Wille, schnell „richtiges“ Geld zu verdienen, um die Verwandten in der Heimat zu unterstützen.

Unternehmen von seinen Fähigkeiten überzeugt

Vorweg: Der 25-jährige Abdul Kader Al Mheimd ist nicht arbeitslos. Im Gegenteil, er ist von der pcm GmbH als fest angestellter Techniker im Bereich der Smartphone-Reparaturen angestellt worden. Ein Zeichen, dass das Unternehmen weiter von seinen Fähigkeiten überzeugt ist.

Aber zur Fortführung seiner dreijährigen Ausbildung ließ er sich trotz viel Zuredens nicht bewegen. Zum einen, weil ihm das Mitkommen im deutschen Schulsystem trotz intensiver Unterstützung doch sehr schwer fiel. Zum anderen, weil der Wunsch nach eigener finanzieller Unabhängigkeit zu groß war, um die Familie in Syrien unterstützen zu können. Dafür erschien ihm das Ausbildungs-Gehalt für weitere zweieinhalb Jahre nicht ausreichend.

Der Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen

„Wichtig war für mich, so schnell wie möglich auf finanziell eigenen Beinen zu stehen“, sagt der 25-jährige der Westfalenpost. „Und mit der Ausbildungsvergütung war das nur schwer möglich. Jetzt darf ich im Team der pcm bleiben und muss mir nicht mehr so viele Gedanken machen, wie ich meine Wohnung, mein Essen und meine Fahrkarte finanziere. Jetzt ist mein Kopf frei für die Arbeit.“

Bei seinem Arbeitgeber hat die Entscheidung des 25-jährigen gemischte Reaktionen ausgelöst. „Einerseits schwingt natürlich eine gewisse Enttäuschung mit, wenn ein Azubi eine Ausbildung abbricht“, sagt Marketingleiter Ole Kollbach. „Aber bei Abdul Kader spielen die besonderen Umstände als Kriegsflüchtlinge eine entscheidende und für uns auf den ersten Blick schwer nachvollziehbare Rolle.“ Dafür müsse man Verständnis entwickeln.

Entwicklung sehr positiv

Und Abdul Kader habe sich seine Entscheidung auch nicht leicht gemacht. „Als er uns seinen Entschluss, die Ausbildung abzubrechen, mitgeteilt hatte, war ja nicht klar, dass seine berufliche Laufbahn bei der pcm weitergehen kann. Fachlich und menschlich war seine Entwicklung in seiner Zeit hier bei uns aber so positiv, dass wir ihm ein Angebot zur Festanstellung gemacht haben.“ Abdul Kader könne jetzt seinem Bedürfnis noch besser nachkommen und seine Familie in der syrischen Heimat finanziell unterstützen.

Keine Unterstützung mehr durchs Jobcenter

„Und er steht ja jetzt auch finanziell auf eigenen Beinen“, sagt Ole Kollbach. „Er ist nicht mehr auf die Unterstützung durch das Jobcenter angewiesen.“ Die pcm GmbH bereut auch nicht, zwei Flüchtlingen zunächst die Möglichkeit eines Praktikums und dann im Fall Abdul Kaders auch die einer Ausbildung gegeben zu haben (Walet Sehko, der zweite Protagonist aus unserem Langzeitreport, hatte bereits das Praktikum wegen seiner Sprachschwierigkeiten aufgegeben).

„Ja, wir würden das noch mal so machen“, sagt Marketingleiter Kollbach. „Wir konnten – losgelöst vom Ausbildungs-Abbruch – eine tolle Persönlichkeit für unser Team gewinnen. Und auch bei den Unterstützungsmöglichkeiten für Unternehmen haben wir positive Erfahrungen gemacht, so dass die Einstellung eines Kriegsflüchtlings keine einmalige Aktion bleiben dürfte.“

>> Im Juni 2000 Flüchtlinge betreut

Mit dem Langzeitreport sollte auch jedes Mal ein Blick auf die Gesamtsituation der Flüchtlinge auf dem Hagener Arbeitsmarkt geworfen werden. Folgendes Fazit kann gezogen werden: Seit Gründung des Integrationspoints von Arbeitsagentur und Jobcenter im Herbst 2015 konnten erst 161 Flüchtlingen in den ersten Arbeitsmarkt, also ganz normale Beschäftigung, vermittelt werden. Darunter fallen 38 Ausbildungsverträge. Insgesamt werden vom Integrationpoint aktuell 2269 Flüchtlinge betreut. Damit konnten in den vergangenen Monaten Fortschritte gemacht werden, allerdings nur auf recht niedrigen Niveau. Zum Vergleich: Im Juni 2016 betreute der Integrationpoint rund 2000 Flüchtlinge und hatte zu diesem Zeitpunkt sechs Menschen in eine feste Anstellung vermitteln können. Im November 2016 wurden 2223 Flüchtlinge vom Integrationpoint betreut, also etwa gleich viele wie aktuell. Zu diesem Zeitpunkt konnten 44 Flüchtlinge in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Nun sind es 121. Ein deutlicher Schritt nach vorne, aber im Umkehrschluss bedeutet das, dass auch mehr als 2000 Flüchtlinge, noch nicht in der Arbeitswelt angekommen sind.

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