Tag gegen Lärm

Wo ein Lärmexperte in Hagen noch Handlungsbedarf sieht

Der „Tag gegen Lärm“ soll auf Lärmproblematiken aufmerksam machen und Maßnahmen zur Reduzierung von Lärm darstellen.

Der „Tag gegen Lärm“ soll auf Lärmproblematiken aufmerksam machen und Maßnahmen zur Reduzierung von Lärm darstellen.

Foto: Franz-J. Luthe

Hagen.   Dirk Schreckenberg aus Hagen forscht über die gesundheitlichen Folgen von Lärm. Auch in seiner Heimatstadt sieht er noch Verbesserungspotenziale.

Lärm bedeutet Stress. Kommt dieser immer wieder vor, führt er letztendlich zu Erkrankungen. Der seit 1998 in Deutschland jährlich stattfindende „Tag gegen Lärm“ soll für Lärmproblematiken sensibilisieren und über Ursachen und Folgen des Lärms aufklären.

Laut dem Umweltbundesamt (UBA) stellt für die Menschen in Deutschland Lärm immer noch eine der am stärksten empfundenen Umweltbeeinträchtigungen dar. Am häufigsten fühlen sie sich durch Straßenlärm gestört.

Zum „Tag gegen Lärm“ am 24. April erklärt Dirk Schreckenberg, Leiter des Zentrums für angewandte Psychologie, Umwelt- und Sozialforschung (ZEUS) in Hagen, die gesundheitlichen Folgen von Lärm – und was man dagegen tun kann.

Herr Schreckenberg, womit beschäftigen sich beim ZEUS?

Wir beschäftigen uns mit dem „belästigt sein“ durch Lärm und letztendlich auch mit längerfristigen Wirkungen von Lärm bis hin zu stressbedingten Erkrankungen.

Was für Konsequenzen hat permanenter Lärm für die Menschen?

Beim Umgebungslärm (Verkehrslärm, Industrielärm etc.), der in Wohnungsgebiete abstrahlt, wird das Gehör an sich gar nicht so sehr geschädigt, sondern es werden Stressreaktionen ausgelöst. Es ist heute wissenschaftlich erwiesen, dass es eine Verbindung gibt zwischen der Höhe von Lärmbelastung und dem Risiko stressbedingte Herzerkrankungen zu bekommen. Wenn man permanent jahrelang Umgebungslärm ausgesetzt ist, tagsüber, aber vor allem auch nachts, können Stressreaktionen auftreten. Gerade dann, wenn man schläft und es nicht mitkriegt, reagiert der Körper selbst auch mit Stress. Der Blutdruck und die Herzrate steigen, es können Stresshormone ausgeschüttet werden, die zu Erkrankungen führen können.

Gibt es Personengruppen, die besonders anfällig und gefährdet sind?

Bei dem 30-jährigen ungebundenen Mann muss das Risiko nicht kleiner sein. Das ist gerade so eine Lebensphase, wo man vielfältige Belastung hat. Arbeitsbelastung, Gründung einer Familie, Freizeitaktivitäten – das heißt, man hat um sich herum ein Leben, was immer wieder mit Stressbelastung verbunden ist. Dann kann Lärm eben auch das i-Tüpfelchen sein, dass Stressreaktionen hervorruft, die dann bis zu Erkrankungen führen können.

Bei Senioren ist beispielsweise das Herzerkrankungsrisiko insgesamt höher, deswegen ist es schwierig einen Lärmeffekt festzustellen. Es gibt Studien, die zeigen, dass das lärmbedingte Herzerkrankungsrisiko eher wieder zurückgeht. Das liegt aber nicht daran, dass man als älterer Mensch durch Lärm nicht herzkrank werden kann, sondern weil dann andere relevante Faktoren hinzukommen.

Wie gehen Kinder mit Lärm um?

Bei Kindern sind die Auswirkungen auf Herzkreislaufangelegenheiten nicht ganz klar, da ist die Forschungslage mehrdeutig. Was man aber zeigen kann, sind Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung, auf die Lernfähigkeit der Kinder. Man kann zeigen, dass Kinder im Umfeld von extremen Lärmquellen, beispielsweise Flughäfen, Einschränkungen in der Lesefähigkeit haben.

Es gibt natürlich auch andere Effekte, die Anzahl der Bücher, die Kinder zu Hause haben beispielsweise. Fehlende Bücher können eine Verzögerung von sechs Monaten in der Leseleistung nach sich ziehen. Bei Verkehrslärm sagt man, dass zehn Dezibel (dB) mehr Lärm ein bis zwei Monate Verzögerung in der Leseleistung bei Grundschulkindern bedeuten.

Wie sieht die Lärmsituation in Hagen aus?

Man kann sich die Lärmkarte der Stadt Hagen im Internet anschauen, dort ist die Lärmbelastung grafisch veranschaulicht. Als Hagener Bürger frage ich mich an manchen Stellen der Stadt allerdings, ob die Situation nicht verbesserbar ist, wie an der Luftschadstoffmessstelle am Finanzamt. Die Lkws, die vom Märkischen Ring kommen, werden über die Rembergstraße und Eppenhauser Straße hochgeleitet, die ganze B7 rauf bis zur Kreuzung Feithstraße – da sind ja überwiegend Wohnhäuser. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dort eine sehr hohe Lärmbelastung ist, die durch die Maßnahme, den Lkw-Verkehr vom Finanzamt wegzukriegen, ja nur noch höher geworden ist. Nebenbei werden in dem Wohngebiet auch die Luftschadstoffe verbreitet. Das sind so Dinge, wo ich mir als Bürger denke, wie geht man dort mit der Wohnbevölkerung um, das könnte man auch optimieren.

Was raten Sie Familien, die an befahrenen Straßen wohnen, sich aber einen Umzug in ruhigere Wohngebiete nicht leisten können?

Einfach gesagt, jedoch schwer umzusetzen, aber der beste Schutz ist der an der Quelle. Dass man also schaut, dass die Lärmquelle möglichst reduziert wird. Das ist für eine Familie, die an einer belasteten Straße wohnt, problematisch. In Hagen gibt es das ISEK, das Integrierte Stadtentwicklungskonzept – das wäre eine Möglichkeit, bei der Bürgerinnen und Bürger auch Wege finden können, in die Planung mit einwirken zu können. Beispielsweise die Überlegung, ob noch mehr Tempo-30-Zonen eingerichtet werden können, so dass einzelne Straßen, wo viele Menschen wohnen, dann eben nicht so hoch belastet sind.

Die andere Möglichkeit ist die Erholung vom Lärm. Stressbedingte Erkrankungen treten besonders dann auf, wenn man nicht nur den Lärm hat, sondern auch keine Chance hat sich davon zu erholen. In Hagen haben wir die Möglichkeit Naherholungsgebiete aufzusuchen. Nachmittags oder an den Wochenenden rausgehen in den Stadtwald oder Umgebung und wirklich mal die Natur genießen. Da hat man weniger Lärm, weniger Luftschadstoffe.

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