Neue deutsche Welle

Wie in der Arbeiterstadt Hagen eine Musikrevolution ausbrach

Michael „Milla" Kapolke, Sänger und Bassist von Grobschnitt und Green.

Michael „Milla" Kapolke, Sänger und Bassist von Grobschnitt und Green.

Foto: Fabian Strauch

Hagen.   Milla Kapolke von Grobschnitt erklärt, wie in Hagen schon vor Nena die Neue Deutsch Welle startet. Außerdem spricht er über das Aus seiner Band.

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Eigentlich will der Junge Pfarrer werden. Deshalb studiert er evangelische Theologie. Doch die Gitarre ist immer dabei. Heute gehört Milla Kapolke zu den großen Namen des Hagener Musikwunders.

Mit Bubi Hönig hat er die Band Green gegründet, von 1980 bis 1988 spielte er als Sänger und Bassist bei Grobschnitt. Im Interview erinnert sich der 65-Jährige an eine verrückte Zeit und analysiert, wie es soweit kommen konnte.

Musikrevolution entsteht in der Arbeiterstadt Hagen

Wie konnte ausgerechnet in der Arbeiterstadt Hagen eine Musikrevolution entstehen?

Man darf nicht vergessen, dass Hagen damals eine Hochschulstadt war, es gab die PH und die Ingenieurschule. Es waren also viele Studenten in der Stadt, und wir Hagener mussten zum Studieren nicht wegziehen. Es lag was in der Luft. Es gab eine riesige Szene, die hat sich in der Stadt getroffen, in den Diskotheken, da war was los. Es gab viele Wohngemeinschaften damals, wir leben zum Beispiel bis heute in einer WG, auf einem Bauernhof, und wir haben immer zusammen Musik gemacht. Das war für die Kinder ganz toll und auch der Grund, warum so viele unserer Kinder selbst Musik machen.

Viele Bands gehen auf Freundschaften zurück, die schon in der Schule entstanden sind.

Wir kannten uns aus der Schule, und wir haben alle zusammen studiert und natürlich auch in Schulbands und Studentenbands zusammen gespielt. Mit Bubi Hönig von Extrabreit, Reiner Hänsch von Zoff und einigen Leuten vom Geierabend war ich auf dem Gymnasium in Hohenlimburg. Der Reiner konnte damals schon schöne Aufsätze verfassen, heute komponiert er nicht nur Werbemelodien, sondern schreibt auch Bücher. Mit Bubi Hönig habe ich Green gegründet. Man kannte sich untereinander unheimlich gut.

Hagen hatte schon vor der Neuen Deutschen Welle einen Musikerfolg: Grobschnitt. Kann man Grobschnitt als Vorläufer der NDW beschreiben?

Grobschnitt war Anfang der 80er Jahre mit die erfolgreichste Live-Band in Deutschland. Die konnten von ihrer Musik leben, das war eine professionelle Band, die waren immer auf Tour oder im Plattenstudio und spielten in den großen Hallen. Das war für viele Hagener Musiker Anreiz und Vorbild. Grobschnitt war genau das, was ich damals gut fand. Grobschnitt haben die 70er Jahre geprägt, Extrabreit und Nena folgten erst zehn Jahre später. Auf dem Höhepunkt der NDW gab es dann 50 Bands in Hagen. Von denen konnte nicht jeder spielen, viele haben schnell drei Akkorde gelernt und losgelegt. Da ist schon verrückte Musik gemacht worden.

Der Neuen Deutschen Welle geht es um Spaß. Grobschnitt hat dagegen eher politische Texte gemacht.

Grobschnitt war keine Politrockband wie Ton, Steine, Scherben, aber politisch Stellung zu beziehen, gehörte damals dazu. Wir haben uns in der Friedensbewegung engagiert, mit sehr ironischen Texten.

Im Text zu „Wir wollen sterben“ zitieren Sie sogar die Apokalypse des Johannes und hängen noch „Ihr Kinderlein kommet“ dran.

Das war schon sehr mutig und sehr provokant. Aber ich habe ja Theologie studiert, ich kenne die Bibel.

Grobschnitt war auch die erste Band, die Pyrotechnik und Theaterelemente einsetzte.

Ich möchte gerne noch auf die Musik eingehen. Das Keyboard war in der Musik von Grobschnitt sehr wichtig. Wir waren eine der ersten Bands, die ein Mellotron benutzten. Man muss sich erinnern: Damals gab es noch keine Computer und keine Synthesizer. Das Mellotron ist ein Keyboard, bei dem jede Taste eine Tonbandkassette anspielen kann, auf der Live-Instrumente eingespielt sind. Man konnte damit ein Orchester imitieren, einen orchestralen Sound generieren. Yes und Genesis haben das auch eingesetzt. Aber das Mellotron war live unheimlich anfällig. Das Keyboard war in der Neuen Deutschen Welle dann völlig verpönt. Dazu kommt das Interesse an den Instrumenten anderer Kulturen. Durch die Beatles wurde man auf die indische Musik aufmerksam. Ich spiele Sitar, weil ich immer gerne andere Welten in unsere Musik hereingeholt habe.

Warum hat Grobschnitt sich aufgelöst, während Nena und Extrabreit wie die Raketen abgingen?

Da gab es zwei Aspekte. Wir hatten nie so einen Riesenhit wie „Da Da Da“, aber wir konnten ganz gut leben. Wir hatten auch gewisse Ideale, so haben wir alle Einnahmen und Tantiemen durch alle geteilt. Gegen Ende der 80er Jahre hat sich die Musikindustrie allerdings stark geändert, die Plattenfirmen kamen mit Vorschriften. Die Band hätte der Kommerzialität zuliebe zu viele Kompromisse machen müssen. Aber wir hätten nie Kompromisse gemacht, um mehr Geld zu verdienen, so waren wir einfach nicht. Also haben wir gesagt: Wir hören auf. Persönlich kam bei mir noch dazu, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen wollte. Meine Kinder waren damals noch klein, und ich war dauernd unterwegs, dann hat man schon das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich hatte mein Studium ja beendet und konnte als Lehrer arbeiten.

Grobschnitt und das Sauerland . . .

Da ist zuerst Menden zu nennen. Menden hat zusammen mit Grobschnitt Geschichte geschrieben, das war eine Rock-Hochburg. Wir haben immer die Schützenhalle in Hüingsen mehrere Wochen lang gemietet, unsere Anlage dort aufgebaut und unsere neuen Shows ausprobiert. Als Dankeschön war der Tourneestart immer in Menden, dort haben wir immer die ersten drei, vier Konzerte gegeben.

Treffen sich die Musiker von damals heute noch?

Ja, die alten Kämpen treffen sich bei Green. Bubi Hönig, Rolf Möller, Deva Tattva, Michi Rolke, Mudita Kapolke. Als ich damals bei Grobschnitt anfing, hat sich Green aufgelöst, und Bubi Hönig ging dann zu Extrabreit. Wir haben die Band wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn wir zusammen Musik machen können. Im Theater Hagen haben wir sehr erfolgreich „Symphonic Floyd“ gespielt. Aber aus Spaß. Wir haben keinen Druck mehr.

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