Städte-Vergleich

Wie der Oberbürgermeister aus Fürth Hagen erlebt

Der Oberbürgermeister von Fürth, Thomas Jung, auf dem Bodelschwinghplatz. Er sieht die Probleme, erkennt aber auch ein großes Potenzial.

Der Oberbürgermeister von Fürth, Thomas Jung, auf dem Bodelschwinghplatz. Er sieht die Probleme, erkennt aber auch ein großes Potenzial.

Foto: Michael Koch

Hagen/Fürth.   Hagen und Fürth haben viele Gemeinsamkeiten. Jetzt war der dortige OB Thomas Jung in Hagen. Er fand deutliche Worte zu Schulden und Zuwanderung.

Alte Arbeiterstädte sind sie beide. Lange SPD-dominiert waren oder sind sie auch beide. Fürth und Hagen haben aber noch mehr gemeinsam: Sie mussten in den vergangenen Jahren Pleiten oder Wegzüge von deutschlandweit bekannten Firmen hinnehmen: in der fränkischen Metropole war es vor allem Grundig, bei uns der Wegzug von Brandt oder das Aus für die Stahlwerke. Thomas Jung (SPD), der Oberbürgermeister von Fürth, kann sich also durchaus in die Hagener Befindlichkeiten hineindenken.

Im Zuge des Projekts „Reportertausch“ war Michael Koch, der Leiter der Stadtredaktion Hagen, eine Woche lang in Fürth bei den „Fürther Nachrichten“ tätig. Gemeinsam mit dem dortigen Redaktionsleiter Wolfgang Händel hat er ein Interview mit Jung geführt, das den Oberbürgermeister so neugierig gemacht hat, dass er jetzt einen dienstlichen Besuch in Dortmund genutzt hat, um Hagen eine Stippvisite abzustatten. Herausgekommen ist ein Interview über zwei Städte, geführt in zwei Städten.

Welches Bild hatten Sie vorher von Hagen? Bitte ohne Schönfärberei.

Jung: Was fiel mir da ein? Die Fernuni Hagen, da hat auch die Fürther Finanzreferentin ihren Abschluss gemacht. Und Ruhrgebiet natürlich.

Und wie ist Ihr Eindruck jetzt, nachdem Sie Hagen zumindest für eine kurze Zeit erlebt haben?

Ich war zunächst mal überrascht, wie grün Hagen ist, nachdem ich von der Autobahn runter in die Stadt gefahren bin. Das hätte ich so nicht erwartet. Und dann die Großzügigkeit der Fußgängerzone und die Weite der Plätze – auf dem Friedrich-Ebert-Platz oder am Volkspark. Das ist schon großstädtischer als in Fürth, da sehe ich viele Möglichkeiten zur Gestaltung. Und auch in der Innenstadt haben mich die vielen, teils großen Bäume beeindruckt. Die Volme als Fluss in der Innenstadt könnte aber aus meiner Sicht besser genutzt werden.

Der Eindruck des Tauschreporters in Fürth war: Die Fürther sprechen selbstbewusst über ihre Stadt. Warum ist das so?

Also, es freut mich natürlich, und es hat sich ja tatsächlich auch schon verändert. Vor 20 Jahren, da hatte der Fürther keinen Anlass zum Selbstbewusstsein, wir waren in allen Rankings tief unten. Inzwischen sehen wir uns auf Augenhöhe mit den Nachbarstädten. Ein Riesensprung für Fürth. Was allerdings Tourismus angeht, da wird der gemeine Fürther auf die Frage „Was gibt’s hier Tolles?“ immer noch antworten: „Da sind Sie hier falsch.“ Das ist noch entwicklungsfähig.

Hagen kämpft mit Herausforderungen der Zuwanderung aus Südosteuropa und einer zu starken Konzentration der Zuwanderer in manchen Vierteln. Auch Sie, Herr Jung, haben das mit Blick auf die westliche Innenstadt von Fürth schon mal anklingen lassen. Haben Sie Angst vor Hagener Verhältnissen?

Nein, ich habe keine Angst, sehe aber Anlass, tätig zu werden. Wir haben jetzt bei der Stadt Fürth extra bulgarisch und rumänisch sprechende Sozialarbeiter eingestellt. Und die Polizei hat den Bewohnern versprochen, bei Anruf sofort zu erscheinen.

Von welchen Problemen sprechen wir da eigentlich?

Der Höhepunkt war im letzten Herbst erreicht, da war auch noch die Hirschenstraße gesperrt. Viele Jugendliche haben sich da aufgehalten, die Lärmbeschwerden haben zugenommen.http://Ein_Plan,_wie_Hagen_in_30_Jahren_schuldenfrei_sein_kann{esc#216445477}[news]

In Hagen haben Sie bei Ihrem Besuch auch sehen können, dass es in Teilen ein Problem mit wild entsorgtem Müll gibt. Fürth scheint von solch einem Szenario noch weit entfernt.

Ja, aber die Situation in Hagen bestätigt mich in meiner Ansicht, dass Europa aufpassen muss, bei aller nötigen Freizügigkeit eine Zuwanderung in die Sozialsysteme zu verhindern. Es wird Europa schwer schaden, wenn das um sich greift, und wir können auch nicht die sozialen Probleme Osteuropas in den deutschen Großstädten lösen. Das müssen wir bitte in Osteuropa tun, dort Aufbauhilfe leisten. Ich warne deshalb vor der Euphorie, mit der schon wieder über Beitrittsverhandlungen mit noch mehr osteuropäischen Staaten gesprochen wird. Ich bin da strikt dagegen. Alles, was man überdehnt, platzt irgendwann.

Das klingt sehr nach Europa-Skepsis...

Ich bin wirklich tausendprozentiger Europäer, aber gerade weil ich Europa liebe, will ich keine Ausdehnung bis in die Weizenfelder der Ukraine.

Glauben Sie denn, dass Integration wirklich gelingen kann?

Wenn man ehrlich ist, sprechen wir hier über Bevölkerungsgruppen, die sich in ihrem eigenen Land über hunderte Jahre nicht integrieren konnten oder wollten. Die Integration solcher Menschen ist ein Prozess, der nur über Generationen hinweg gelingen kann. Deshalb ist zum Beispiel die Durchsetzung der Schulpflicht so unverzichtbar, da sind wir in Fürth gnadenlos dahinter her. Auf der anderen Seite sind viele Osteuropäer natürlich auch sehr hilfreich, zum Beispiel auf unseren Baustellen oder bei den großen landwirtschaftlichen Betrieben im Knoblauchsland. Die sind angewiesen auf Arbeitnehmer aus Osteuropa, die jeden Tag ganz fleißig unterwegs sind.

Sie haben in Hagen den umgestalteten Bodelschwinghplatz in Wehringhausen besucht, auch ein Schwerpunkt der EU-Zuwanderung. Wie ist Ihr Eindruck?

Natürlich sieht man dort eine Konzentration von Zuwanderern und auch Zustände, wie wir sie in Fürth nicht haben. Ich habe dort aber auch eine sehr schöne Bausubstanz gesehen. Die alten Häuser mit Erkern. Das ist doch ideal für ein großstädtisch-bürgerliches Publikum, solcher Wohnraum ist gefragt. Dass der Platz hier mit Mitteln aus dem Programm Soziale Stadt neu gestaltet worden ist, ist meines Erachtens genau der richtige Weg. In Fürth haben wir es genauso gemacht, insbesondere in der Altstadt, die vorher als unattraktiver Wohnort galt. Wir als Stadt haben in die Straßen und Infrastruktur investiert, private Bauherrn sind nachgezogen, haben ihre Häuser instand gesetzt. Heute wohnen in der Innenstadt auch wieder das Arzt-Ehepaar oder der Anwalt.

Wir haben in Hagen knapp eine Milliarde Euro Schulden. Wenn Sie die hätten, Herr Jung, würden Sie dann sagen: Ich schmeiß’ den Bettel hin – oder wären Sie gar nicht erst OB geworden?

Solche Schulden kann eine Stadt ohne Hilfe von außen nicht mehr bewältigen. Wir hatten hier in Fürth auch dramatische Zeiten mit 300 Millionen Euro Schulden, aber seit einigen Jahren geht’s steil nach unten. Wir haben das wieder in den Griff bekommen und können Millionen tilgen.http://Probleme_wie_Hagen_–_Wie_Duisburgs_OB_Link_sie_angeht{esc#216622523}[news]

Sie sagen, ohne Hilfe geht das nicht. Hätten Sie denn Verständnis dafür, wenn andere Städte, die nicht so viele Schulden haben, wie etwa Fürth, nicht mehr so üppige Fördergelder vom Bund bekommen, damit es Hagen besser geht?

Also, ich habe dafür Verständnis. Und ich habe kein Verständnis dafür, dass weiterhin so viel Infrastrukturhilfe in den Osten Deutschlands fließt, weil wir im Westen tatsächlich diese Verwerfungen haben. Meine feste Überzeugung ist: Griechenland kann’s eher schaffen als die Ruhrgebietsstädte. Ich sehe darin eine nationale Aufgabe. Fürth ist für bayerische Verhältnisse arm, aber es gibt in Deutschland Städte mit Überfluss und Städte, die es gar nicht schaffen können – wie eben Hagen.http://Hagen_deutschlandweit_ganz_vorne_bei_Pro-Kopf-Verschuldung{esc#216253675}[news]

Früher war ja ganz Nordrhein-Westfalen mal Herzkammer der Sozialdemokratie, heute gibt’s im Ruhrgebiet außer Gelsenkirchen keine einzige Stadt mehr mit einem SPD-OB, der gleichzeitig eine absoluten SPD-Ratsmehrheit hinter sich hat, wie in Fürth.Was haben Sie für einen Rat für die Genossen in Hagen?

Bescheiden bleiben, bodenständig bleiben, versuchen, vernünftig zu agieren. Das klingt platt, aber mehr kann man dazu nicht sagen. Mit Ideologie und mit Hoffen auf Berlin kommt man sicher nicht weiter.

>> Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass es in NRW keine Großstadt mehr mit einem SPD-Oberbürgermeister und einer absoluten Mehrheit der SPD im Stadrat gebe. Das war falsch. In Gelsenkirchen kann sich SPD-Oberbürgermeister Frank Baranowski auf eine absolute Mehrheit der SPD im Rat stützen.

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