Hagener Meteorologe

Wetter-Experte widerspricht: „2019 war kein Rekordsommer“

Wetterexperte Bastian Rissling am 25. Juli vor der Wetterstation am Hameckepark in Altenhagen.

Wetterexperte Bastian Rissling am 25. Juli vor der Wetterstation am Hameckepark in Altenhagen.

Foto: Michael Koch / WP

Am 25. Juli wurde erstmals in Hagen die 40-Grad-Marke überschritten. Dennoch war 2019 kein Rekordsommer, sagt Wetterexperte Bastian Rissling.

Hagens Wetter-Experte Bastian Risslingt blickt auf den „Rekordsommer 2019“ und gibt im Gespräch der Woche einen Ausblick auf die nächsten Jahre.

Zwei Rekordsommer in Folge – bestätigen Ihre langjährigen Daten diesen Trend auch für Hagen?

Bastian Rissling: Genau genommen war weder der Sommer 2018 noch der diesjährige ein Rekordsommer. Den wärmsten Sommer in Hagen erlebten wir 2003, den trockensten im Jahr 1959. Allerdings reihte sich der Sommer 2018 auf Platz 2 und der Sommer 2019 auf Platz 4 ein. Beim Niederschlag zeichnete sich ein ähnliches Bild ab. 2018 war der zweittrockenste, 2019 folgte gleich dahinter und noch knapp vor dem Sommer 1983. Zwei warme und trockene Sommer in Folge lassen noch keinen Trend erkennen. Man braucht schon einen längeren Zeitraum, um das Klima und die Veränderung an einem Ort bestimmen zu können. Der Sommer 2017 beispielsweise war dagegen viel nasser als üblich. Ein Blick in die historischen Aufzeichnungen aus dem Stadtgebiet, die bereits mehr als 100 Jahre zurückreichen, zeigt, dass es früher auch schon Häufungen von trockenen Sommern gab, wie beispielsweise 1921/22. Des Weiteren gab es zahlreiche weitere Sommer wie 1995, 1973 und 1911, an denen weniger als die Hälfte der üblichen Regenmenge gefallen ist.

An welchem Tag und welchem Ort war es denn 2019 am heißesten?

Der heißeste Tag war der 25. Juli, an dem erstmals in Hagen die 40-Grad-Marke überschritten wurde. An sechs von zwölf Messstationen wurde 40 Grad und mehr gemessen. Spitzenreiter war dabei die Freilandstation in Fley mit 40,9 Grad. Selbst an der im Wald gelegenen Station der Sternwarte am Eugen-Richter-Turm wurde mit 39,4 Grad der bisherige Rekordwert von 36 Grad aus dem Jahr 2003 deutlich übertroffen.

Es gibt ja immer noch Leute, die einen Klimawandel bestreiten. Ist dieser auch in Hagen messbar?

In Hagen reicht die Messreihe der Temperatur erst bis in die 50er Jahre zurück, anders als beim Deutschen Wetterdienst (DWD), wo seit 1881 flächendeckend Messungen durchgeführt werden. An der Wetterstation der Sternwarte werden seit 1956 lückenlos Messungen durchgeführt und sowohl die Messmethode als auch die Umgebung sind seitdem unverändert. Allerdings lässt sich auch hier eine Veränderung des Klimas erkennen. Die Jahresdurchschnittstemperatur ist seit 1956 um knapp 0,5 Grad gestiegen, die Sommer sind sogar um 0,8 Grad wärmer geworden. Die Veränderungen beim Niederschlag dagegen sind komplexer. Die Jahresniederschlagsmenge ist minimal gestiegen, die Winter sind mit bis zu 30 Prozent mehr Niederschlag deutlich feuchter geworden. Auch der Herbst verzeichnet leichte Zuwächse. Der Frühling hingegen ist deutlich trockener geworden und auch der Sommer zeigt einen ganz leichten Abwärtstrend.

Welche Auswirkungen hat dies auf Mensch und Natur?

Durch steigende Temperaturen verlängert sich die Vegetationsperiode, in der die Pflanzen wachsen. Sie benötigen daher auch mehr Wasser. Allerdings fehlt genau in diesem Zeitraum durch den deutlich trockener werdenden Frühling der Niederschlag, der für das Wachstum benötigt wird. Die Pflanzen geraten zunehmend unter Stress. Beim Menschen kommt es im Sommer immer häufiger zu thermischen Belastungen durch Hitze. Durch den Wärmeinseleffekt im Stadtbereich kann es sich zudem nachts nicht so gut abkühlen, wie in den weniger bebauten Gebieten.

Die Winter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher konnte man jedes Jahr auf dem Goldberg Ski fahren. Wie haben sich die Winter verändert?

Im Zuge der wärmer werdenden Winter steigt auch die Schneefallgrenze, so dass es in den tiefer gelegenen Gegenden immer weniger zur Ausbildung einer Schneedecke kommt. Des Weiteren hat sich seit den 50er Jahren der Zeitraum, in dem Schnee fällt, um 15 Tage verkürzt. Auch die Anzahl der Eistage, an denen es ganztätig unter 0 Grad bleibt, nimmt ab. Schnee der dann in der Nacht fällt taut am Tage teils wieder ab.

Müssen wir uns in Hagen jetzt öfter oder sogar jedes Jahr auf solche Rekordhitze einstellen?

Generell ist eine Häufung von Hitze im Sommer erkennbar. Zur Bewertung gibt es in der Meteorologie Kenngrößen wie Sommer- und heiße Tage, an denen die Temperatur über 25 bzw. 30 Grad steigt. Waren es in den 50er Jahren noch durchschnittlich zwei heiße Tage pro Jahr, sind es jetzt schon acht. Die Zunahme der Sommertage hat sich auf inzwischen 40 nahezu verdoppelt. Auswertungen unserer elf weiteren Messstationen im Stadtgebiet zeigen, dass diese Tage in den stadtnahen Teilen sogar bis zu 30 Prozent häufiger auftreten. Des Weiteren ist auch eine Zunahme von Hitzewellen erkennbar. Bis in die 80er Jahre traten diese eher sporadisch auf, in den 90er Jahren regelmäßiger und erstmals sogar zweimal im Jahr. Seit 2000 gibt es nur noch wenige Jahre, an denen Hitzewellen komplett ausbleiben. 2016 gab es zum ersten Mal drei Hitzewellen innerhalb eines Jahren. Durchschnittlich kann man heutzutage an sieben Tage mit Hitzewellen rechnen.

Wie ist Ihre Prognose?

Auch bei längeren Hitzeperioden sind nicht gleich neue Rekordwerte zu erwarten. Der in diesem Jahr erreichte Temperaturrekord wird sicherlich für Hagen eine sehr lange Zeit Bestand haben. Die Ausgangsbedingungen wie z.B. die Temperatur in der Höhe, Durchmischung der Atmosphäre, Sonneneinstrahlung und Windstärke, die diese Rekordtemperaturen im Juli ermöglicht haben, waren nahezu perfekt.

Zur Person Bastian Rissling

Bastian Rissling ist 36 Jahre alt. Seit 14 Jahren interessiert er sich intensiv für die Meteorologie und hat seither Tausende Daten erfasst, analysiert und in Zusammenhang gebracht.

Rissling ist Mitgründer des Wetternetzes Hagen und fasst für die WESTFALENPOST immer wieder wertvolle Wetterdaten des vorangegangen Monats zusammen. Im wahren Leben ist er nicht als Meteorologe tätig, sondern im IT-Bereich. Wer selbst in Hagens meteorologische Welt eintauchen möchte, kann sich ja mal die Seite www.wetternetz-hagen.de ansehen

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