Interview

René Röspel: „Es gibt keine Alternative zur Groko“

René Röspel (rechts) mit Martin Schulz, dem Verlierer der Personalkrise.

René Röspel (rechts) mit Martin Schulz, dem Verlierer der Personalkrise.

Hagen.   Der Abgeordnete René Röspel aus Hagen hält die Groko aus Sicht seiner SPD für die einzig realistische Variante. Martin Schulz tut ihm Leid.

René Röspel (53) vertritt den Wahlkreis Hagen seit 1998 als direkt gewählter Abgeordneter der SPD im Deutschen Bundestag. Wir haben mit ihm über die aktuelle Krise in der SPD gesprochen.

Frage: Bewegt sich Ihre SPD schnurstracks in Richtung Abgrund?

Bewegt sich Ihre SPD schnurstracks in Richtung Abgrund?

René Röspel: Der Wirbel um Martin Schulz hat die Partei tatsächlich in große Schwierigkeiten gebracht, aber diese Situation ist durch seinen Verzicht auf das Außenministerium geklärt. Als er das bekanntgab, haben wir regelrecht aufgeatmet. Persönlich tut er mir leid, weil er ein bodenständiger, freundlicher, ja ein netter Mensch ist. Aber für das Berliner Parkett ist er vermutlich zu unerfahren.

Immerhin hat er Sigmar Gabriel, so stellt dieser es dar, hintergangen?

Ich war nicht dabei, aber anstelle von Sigmar hätte ich noch ein paar Tage ins Land gehen lassen, bevor ich mich mit einem solchen Interview, wie er es der Funke-Mediengruppe gegeben hat („Mann mit Haaren im Gesicht“, d. Red.), zu Wort gemeldet hätte.

Wo sehen Sie denn die Ursache für die gegenwärtige Krise der SPD?

Die liegt tiefer, aber schon direkt nach der Bundestagswahl im September sind einige Dinge nicht rund gelaufen. Die Wahl von Thomas Oppermann zum Bundestagsvizepräsidenten hätte nicht sein müssen, das habe ich auch in der Fraktion kritisiert. Das war, wie manches andere auch, kein Signal eines Neuanfangs.

„Nahles neues Kraftzentrum“

Ist denn Andrea Nahles die richtige Besetzung für den Parteivorsitz?

Niemand kennt die SPD so gut wie sie. Sie ist eine total politische Frau, sie hat Biss, ist erfahren und lässt sich nichts gefallen. Es wird ihr zum Nachteil ausgelegt, dass sie, wenn sie laut wird, kreischig wirkt, aber dafür bezieht sie kämpferisch Position. Sie kann, wenn sie den Partei- und Fraktionsvorsitz innehat, zum neuen Kraftzentrum der SPD werden. Im Übrigen endet mit ihr personell endgültig die Ära von Gerhard Schröder und der Agenda 2010, die uns bis heute Vertrauen kostet.

Was sagt die Parteibasis? Sie sind ja viel unterwegs in den Ortsvereinen.

Es herrscht Kopfschütteln. Unsere Mitglieder halten die derzeitige Personaldiskussion für überflüssig wie einen Kropf. Sie sagen mir, dass das der SPD schadet. Dass es schadet, dass wir jetzt über Personal- statt Sachfragen diskutieren.

Trotzdem eine Personalfrage: Welche Rolle sollten Schulz und Gabriel künftig spielen?

Martin Schulz hat mit seinem Rücktritt für eine Bereinigung gesorgt. Er hat sich aber auch in eine Situation manövriert, in der die Übernahme eines Amtes nicht wirklich angemessen wäre. Es ist ja auch nicht schlimm, einfacher Bundestagsabgeordneter zu sein, wenngleich das für einen Menschen mit seinen Ambitionen traurig ist. Sigmar Gabriel kann ich mir weiter als Außenminister vorstellen. Er hat diesen Job gut gemacht.

„In Verhandlungen viel erreicht“

Wie stehen Sie zur Bildung der Großen Koalition?

Dazu gibt es meiner Meinung nach keine Alternative. Trotz der Personalquerelen haben wir ja interessanterweise in den Koalitionsverhandlungen sehr viel erreicht – mehr als je gedacht. Ich nenne nur Projekte gegen Kinderarmut und Langzeitarbeitslosigkeit sowie die Stabilisierung der Rente. Wenn die Groko nicht zustande kommt, dann sind diese Menschen die Leidtragenden, die vom Wagen runterfallen. Ich finde, das können wir nicht verantworten. Die hoffen auf die SPD.

Fürchten Sie Neuwahlen?

Jedenfalls erwarte ich nicht, dass wir in einem solchen Fall besser abschneiden als beim letzten Mal. Die CDU übrigens auch nicht. Noch einmal: Die Groko ist für mich – leider – die einzige realistische Variante. Wir sollten uns jetzt auf das konzentrieren, was wir in den Verhandlungen erreicht haben.

Sie sind seit 20 Jahren Abgeordneter. Haben Sie solch eine Krise jemals zuvor erlebt?

Da brauche ich nicht lange nachzudenken – ja. Der Kosovo-Einsatz Ende der 90er-Jahre war eine Zerreißprobe, nicht nur für die Grünen, sondern auch für die SPD. Und dann die Agenda 2010 und der damit einhergehende Verlust an Mitgliedern. Ein Kanzler Schröder, der nicht diskutieren wollte. Demgegenüber haben wir heute eine freudig und engagiert diskutierende SPD, insofern hat die Krise also etwas Gutes. Aber solche heißen Phasen hatten wir schon mehrmals. Frau Merkel betäubt ihre Partei bis zur Leblosigkeit – sowas möchte ich erst recht nicht.

>>Hintergrund: René Röspel

  • René Röspel hat für die SPD bei den sechs vergangenen Bundestagswahlen das Direktmandat in Hagen gewonnen.
  • Nach dem Abitur 1983 studierte er Biologie und Ökologie in Bochum, Dortmund und Essen.
  • Röspel ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er wohnt in Hagen.
Mit René Röspel
sprach Hubertus Heuel
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