Gesundheit in Hagen

Klima der Angst in Klinik-Belegschaft in Hagen-Ambrock

Die Fachklinik Ambrock: Drei Oberärzte haben das Haus seit dem Chefarzt-Wechsel im April verlassen.

Die Fachklinik Ambrock: Drei Oberärzte haben das Haus seit dem Chefarzt-Wechsel im April verlassen.

Foto: Hans Blossey

Ambrock.  Nach einem Chefarzt-Wechsel in der Fachklinik kommen Gerüchte auf. Acht Mediziner haben das Haus verlassen. Die Hintergründe.

Angst und Verunsicherung herrschen in Teilen der Belegschaft der renommierten Reha-Klinik Ambrock, die unter dem Dach des Konzerns VAMED geführt wird. Drei langjährige leitende Oberärzte haben gekündigt, seit der neue Chefarzt Dr. Mimoun Azizi im vergangenen April den Dienst angetreten hat. Aus der Klinik-Kulisse werden Vorwürfe laut, der gebürtige Marokkaner setze lieber auf arabischstämmige Kollegen und wolle nicht mit deutschen Arzt-Kollegen arbeiten. Klinik-Geschäftsführer Michael Frank nimmt im Gespräch mit der WESTFALENPOST offen Stellung zu den Entwicklungen in Ambrock – und stellt sich vor seinen Chefarzt.

Mitarbeiter schildern Klima der Angst mit seelischen und körperlichen Folgen

Aus Patienten- und Mitarbeiterkreisen war bekannt geworden, wie es unter dem Dach der Ambrocker Klinik knirscht. Auch ein Betriebsratsschreiben an die Klinik-Mitarbeiter erreichte die Redaktion. „Viele Mitarbeiter schildern ein Klima der Angst mit allen körperlichen und seelischen Folgen“, hieß es darin. Und weiter: „Wir werden täglich mit Mitarbeiterbeschwerden über hohen Druck und Unkollegialität sowie Ignoranz der gewachsenen und in Prozessen festgeschriebenen Strukturen konfrontiert. Der Betriebsrat weist die Mitarbeiter auf das Konfliktmanagement und die Beschwerdestelle hin.“ Betriebsratschef Markus Hilse ist auf Anfrage nicht bereit, zu diesem Schreiben und zur Situation in der Klinik Stellung zu nehmen.

Stellen bereits nachbesetzt: Mit Medizinern aus dem Ausland

Vor allem, dass drei langjährige leitende Oberärzte und zudem fünf Assistenzärzte die Klinik verlassen hätten, so geht es aus dem Schreiben hervor, sorge für hohe Verunsicherung. Aus Klinikkreisen wird berichtet, dass jene Ärzte das Haus verlassen hätten, weil sie mit der Art der Führung von Dr. Mimoun Azizi nicht klargekommen seien. Zudem soll der neue Chefarzt es bevorzugen, lieber mit arabischstämmigen Ärzten zu arbeiten und hätte in Besprechungen auch die arabische Sprache verwendet. In der Tat sind die durch die Kündigungen der Oberärzte frei gewordenen Stellen mit ausländischen Ärzten wiederbesetzt worden. Unter anderem mit einer Türkin und einer Serbin. Zwei weitere Nachbesetzungen folgen bald.

Plattform „Medicus“ eröffnet nordafrikanischen Ärzten Zugang nach Deutschland

Dorn im Auge von Azizis Kritikern ist auch seine Internetplattform „Medicus“, deren Aufgabe es ist, Ärzten aus dem nordafrikanischen Raum Zugang in deutsche Kliniken zu ermöglichen. Azizi hat „Medicus“ gegründet. „Medicus Deutschland“, so heißt es auf der Seite, „hat die Aufgabe, qualifizierte Fachkräfte aus Nordafrika mit deutschen Arbeitgebern zu vernetzen.“ Hilfe werde geleistet beim Verfassen professioneller Bewerbungsunterlagen oder der „Auswahl authentischer und fachspezifischer Ausdrücke“ beim Schreiben der Bewerbung. Gefordert werden unter anderem eine entsprechende Qualifikation und die Sprachqualifikation „B1“und man sollte zwischen 18 und 45 Jahre alt sein. Die Plattform, so die Kritik, nutze der Chefarzt gezielt, um afrikanische oder arabischstämmige Kollegen nach Ambrock zu holen.

Klinik-Chef Frank: „Neue Personalien bringen neue Impulse“

„Als die Pandemie auftrat, sind einige neue Prozesse nötig gewesen, um die Gesundheit von Patienten und Mitarbeitern zu schützen“, erklärt Klinik-Geschäftsführer Michael Frank im Gespräch mit der Redaktion. „In dieser Zeit kam dann im April mit Dr. Azizi ein neuer Chefarzt in die Neurologie. Die nötigen Umstrukturierungen haben teilweise zu Verunsicherungen unter Mitarbeitern geführt.“ Zum Aderlass bei den etablierten Ärzten erklärt Frank: „Neue Personalien bringen neue Impulse. Mit solchen Veränderungen kommt nicht jeder klar.“ Von einer generellen Klimaveränderung könne man nicht sprechen. Zudem stehe die Klinik nach wie vor gut da und schreibe schwarze Zahlen.

Azizi äußert sich nicht: Klinik-Leitung und Betriebsrat mit Stellungnahme

Es spiele in Ambrock keine Rolle, aus welchem Land ein Mitarbeiter stamme. Unterschiedlichste Nationalitäten würden hier arbeiten. Dass ärztliches Personal über die Medicus-Plattform akquiriert werde, stimme. Dass dem Islam im Klinikalltag aber größerer Raum gegeben werde, hingegen nicht. Alle Veröffentlichungen von Azizi mit Blick auf den Islam und die Medizin seien der Klinik-Leitung bekannt, auch dass er sich als ursprünglicher Mitbegründer der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit kurz vor deren Eröffnung quasi selbst enttarnte, was für bundesweites mediales Aufsehen gesorgt hatte. Azizi hatte im Sommer 2017 erklärt, dass er es für die erfolgversprechendste Methode gehalten habe, sich unter die selbsterklärten Reformmuslime zu mischen, um Motivation, Absicht und Strukturen der Islamophoben zu analysieren“. Das geht aus einem Bericht der Zeitung „Welt“ hervor, die wiederum aus einem Facebook-Statement Azizis von damals zitiert. Dr. Mimoun Azizi war auf Anfrage der Redaktion im Gegensatz zu Michael Frank nicht bereit zu einem Gespräch. Frank erklärte indes, nach Rücksprache auch in Azizis Namen zu sprechen und seine Stellungnahme zudem mit dem Betriebsrat abgestimmt zu haben.

Mitarbeiter kommen aus unterschiedlichsten Nationen auf der ganzen Welt

Dass im Ambrocker Klinikalltag Arabisch gesprochen werde, sei zudem nicht korrekt „Die wenigsten Patienten sprechen Arabisch. Insofern könnten sie auch gar nicht bestätigen, dass hier Arabisch gesprochen würde“, so Frank. Auch die georgischen Pflegekräfte, von denen zuletzt wieder 30 Stück eingestellt worden seien und die auf dem Klinikgelände leben, seien angehalten, deutsch zu sprechen. Genau so wie Mitarbeiter aus Ecuador, Honduras oder der Mongolei, die in Ambrock angestellt seien.

Rentable Klinik Ambrock trennt sich von drei Leitenden Oberärzten

Keine Rolle würden die Gehaltsunterschiede von ausländischen und einheimischen Ärzten bei den Umstrukturierungen in Ambrock spielen. Ein ausländischer Arzt, der lediglich eine Berufserlaubnis, aber keine Approbation hat, erhält laut Michael Frank in Ambrock etwa 4000 bis 4400 Euro brutto monatlich. Mit Approbation bei Start etwa 4900 Euro. Darüber würden die Kategorien Facharzt (beginnt bei 6800 Euro), Oberarzt (beginnt bei 7800 Euro) sowie leitender Oberarzt und Chefarzt (höhere Gehälter, frei verhandelbar) liegen und unabhängig von der Nationalität bezahlt. Wobei ein Chefarzt laut Michael Frank nicht unter 200.000 Euro brutto im Jahr und anderen Annehmlichkeiten wie einem Dienstwagen beispielsweise zu kriegen sei. Die drei ausgeschiedenen Leitenden Oberärzte liegen demnach in einer höheren Gehaltsstufe als Oberärzte ohne Leitungsfunktion, die nun die frei gewordenen Stellen besetzen.

Gehalt spielt laut Klinik-Chef keine Rolle bei der Einstellung von Kollegen

Für Michael Frank ist das Gehalt kein Grund für die Trennung oder Einstellung von Mitarbeitern, wie er sagt. Letztlich gehe es um Qualität und den Willen, sich in den Dienst der Klinik stellen zu wollen. Die Klinik genieße einen hervorragenden Ruf und sei unter anderem im Bereich der Früh-Rehabilitation extrem stark aufgestellt. Die frührehabilitative Behandlung eines Patienten beginnt in Ambrock bereits in der Phase der intensivmedizinischen Betreuung. Ein Konzept, das unter anderem von einem der Leitenden Oberärzte mitentwickelt wurde, die die Klinik jetzt verlassen: Jan Wrede. Auf Anfrage der WP sagt er kurz und knapp: „Ich habe die Klinik, in der ich bereits als Pflegekraft gearbeitet habe, sicher nicht freiwillig verlassen, sondern weil sich die Strukturen, in denen man sich entfalten und Dinge vorantreiben konnte, stark verändert haben. Und das ist seit dem Chefarzt-Wechsel so.“

Klinik zuletzt in der Qualitätsanalyse mit schlechten Resultaten

Geschäftsführer Frank verweist darauf, dass die Klinik zuletzt in der sogenannten QS-Reha, einem Qualitätssicherungsverfahren der gesetzlichen Kassen, dessen Ergebnisse letztlich bestimmen, wie viel Geld in die Klinik fließt, in bestimmten Bereichen sehr schlecht abgeschnitten habe, weil in der Vergangenheit nicht nach solchen Strukturen gearbeitet worden sei, die die Kassen erwarten. Der neue Chefarzt Azizi arbeite sehr orientiert an diesen Strukturen und treibe den Veränderungsprozess im Sinne der Klinik voran. Man sei hoch zufrieden mit der Verpflichtung Azizis. Dazu der ausgeschiedene Oberarzt Jan Wrede: „Dagegen spricht, dass die Klinik in den vergangenen Jahren immer extrem hoch ausgelastet war und das Patienten-Feedback ein ganz anderes war.“ Dem widerspricht Michael Frank nicht. Schlechte Ergebnisse in der Qualitätsanalyse würden letztlich aber für schlechtere Vergütungen und Einbrüchen auf der Erlös-Seite der Klinik sorgen. Und diese Entwicklung sei gefährlich.

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