Neubeschaffung

Hausbewohner in Hagen drehen Straßenlaternen Strom ab

Bezirksbürgermeister Heinz Dieter Kohaupt und Egbert Willerding vor dem Haus in der Seestraße.

Bezirksbürgermeister Heinz Dieter Kohaupt und Egbert Willerding vor dem Haus in der Seestraße.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hengstey.  Für über 8400 Euro müssen an der Seestraße drei neue Straßenlaternen installiert werden. Den Vorgängern haben Anwohner den Strom abgedreht.

Die Bezirksvertretung Nord hat beschlossen, drei Straßenlaternen an der Seestraße ersetzen zu lassen. Von diesem Vorhaben ist an sich kein großes Aufhebens zu machen, wenn sich nicht eine kuriose Geschichte dahinter verbergen würde und eine Örtlichkeit, die viel vom Strukturwandel im kleinen Maßstab erzählen könnte. Denn hier, am Beginn der Seestraße, im Haus mit der Nummer 2, befanden sich neben zwei Wohnungen einst eine Werkstatt und eine Kantine der Bundesbahn. Die Eisenbahner, die hier ein- und ausgingen, arbeiteten auf dem einstigen Rangierbahnhof, der im Dezember 1979 aufgegeben wurde und wo sich nach dem Orkan Kyrill 2007 ein großes Nassholzlager befand. „Das war eine schöne Zeit, hier war richtig viel los“, erinnert sich Egbert Willerding (75), der einst als Bahnpolizist Dienst schob und mit seiner Frau und den drei Kindern in der Seestraße wohnte.

Ein Relikt vergangener Tage

Heute wirkt das Gebäude zwischen Hengsteysee, Wald und Gleisen wie ein Relikt jener Tage, konnte es sich doch, anders als das benachbarte Stellwerk, dem Abriss entziehen. Die Bahn hat es längst an einen Privatmann verkauft, die Schlosserei und die Kantine gibt es nicht mehr, stattdessen sechs Wohnungen.

Wenn die Sonne untergeht, ist es stockduster. Denn die Straßenlaternen, die 40 Jahre oder älter sind, haben nicht nur Rost angesetzt, sie leuchten auch nicht mehr. Das liegt aber nicht an einem technischen Defekt, sondern Willerding und die anderen Bewohner haben die Stromversorgung der Lampen gekappt. Die Laternen wurden nämlich mit Strom aus dem Haus zum Leuchten gebracht – früher kam dafür die Bahn auf, später wurde er den Mietern in Rechnung gestellt. „Und das war teuer, diese alten Röhren ziehen ja massenhaft Strom“, so Willerding. Verständlicherweise waren die Bewohner nicht länger bereit, die Energiekosten für die Allgemeinheit zu bezahlen. Also suchten und fanden sie den Schalter für die Versorgung der Laternen und schwups – ging das Licht aus in der Seestraße.

Zeit für eine neue Beleuchtung

Vor wie vielen Jahren er den Lampen den Strom abdrehte, vermag er nicht mehr zu sagen. Doch jetzt sei es an der Zeit, die Beleuchtung zu erneuern – natürlich nicht auf Kosten der Mieter. Also wandte sich Willerding an Bezirksbürgermeister Heinz-Dieter Kohaupt, der sich die alten Lampen vor Ort besah. „Die müssen wir schon aus Gründen der Verkehrssicherheit abreißen“, so Kohaupt: „Sonst brechen die rostigen Ständer irgendwann entzwei.“ Schließlich bewilligte die Bezirksvertretung 8463 Euro, schon bald werden drei moderne LED-Leuchten aufgestellt und den nicht wenigen Spaziergängern den Weg weisen.

Vielleicht wird Egbert Willerding dem einen oder anderen von der Geschichte des Rangierbahnhofs, seiner Tätigkeit als Bahnpolizist und seinem Leben in dem alten Eisenbahner-Haus erzählen. Schon zweimal ist er umgezogen innerhalb des Gebäudes, beim ersten Mal, weil die Schlosserei dicht machte und er für die Familie eine größere Wohnung brauchte, beim zweiten Mal, als seine Kinder aus dem Haus waren und eine andere Familie Zwillinge hatte, so dass er mit seiner Frau wieder in eine kleinere Wohnung ziehen konnte. „Die Gemeinschaft ist gut im Haus“, sagt Willerding.

Gegenüber hat er ein Stück Garten von der Bahn gekauft. Hier sitzt er des Abends und denkt sich in die Vergangenheit zurück, als er einen Diensthund besaß und das Stellwerk intakt war und die Arbeitsgeräusche des Rangierbahnhofs wie Musik in seinen Ohren klangen.

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