Aufstand

Hagener Naturschützerin kehrt aus Nicaragua zurück

Christina Cappello (links) mit ihren Nachbarinnen während einer der Demonstrationen gegen das Regime von Daniel Ortega. Die Hagenerin zeigt sich beeindruckt vom Kampf der Bürger in Nicaragua.

Christina Cappello (links) mit ihren Nachbarinnen während einer der Demonstrationen gegen das Regime von Daniel Ortega. Die Hagenerin zeigt sich beeindruckt vom Kampf der Bürger in Nicaragua.

Foto: Christina Cappello/Selfi

Hagen/Bluefields.  Nach zwei Jahren in Nicaragua ist die Hagenerin Christina Cappello jetzt wie geplant zurück. Die Aufstände sind nicht der Grund für die Abreise.

Zumindest ein Kurzurlaub war noch drin. Pearl Cays, eine kleine Inselgruppe, nur wenige Kilometer von der Ostküste Nicaraguas entfernt. Die weißen Strände und die Palmen bieten die Kulisse für einen Abenteuerfilm. Doch selbst wenn Christina Cappello im kristallklaren Wasser schnorchelt, kann sie die blutigen Kämpfe in dem mittelamerikanischen Land nicht ausblenden. Die Hagenerin weiß: Das Paradies trügt.

Knapp acht Wochen ist es schon her, dass die Proteste in Nicaragua ausbrachen. Christina erlebte sie hautnah. Die Boelerin, die als Naturschützerin in Nicaragua gearbeitet hat, ist seit dem Wochenende wieder in Hagen. Als sie rückblickend über ihre Zeit in Nicaragua redet, sitzt sie noch im Hostel in San José, der Hauptstadt des Nachbarlandes Costa Rica. Sie ist in Sicherheit. Die lebensfrohe 28-Jährige gibt zu, dass sie selbst Angst hatte, in Gefahr war.

„Zuletzt ist es noch schlimmer geworden“, sagt Christina. Menschenrechtsbeobachter zählen über 100 Tote seit Beginn des Aufstands. Was als Kritik an einer geplanten Sozialreform begann, ist längst zu einer Bewegung geworden. Die Opposition fordert den Rücktritt von Präsident Daniel Ortega. Der 72-Jährige, im Kampf gegen die Somoza-Diktatur in den 70er-Jahren selbst Revolutionär, wehrt sich dagegen. Aktuell ist er untergetaucht.

Leichtigkeit geht verloren

Sein Regime aber funktioniert weiter. „Menschen werden zu Unrecht gefangen gehalten und gefoltert“, sagt Christina. „Es ist ein furchtbares Massaker.“ Das hat sie selbst im kleinen Ort Bluefields erlebt, wo sie zwei Jahre lebte. Sie war auch dort, als der Journalist Angel Gahona getötet wurde. Ein Schock für die Hauptstadt der autonomen Region Costa Caribe Sur mit rund 45 000 Einwohnern. „Es ist immer noch alles ganz surreal, aber gleichzeitig schmerzhaft echt.“ Die lateinamerikanische Leichtigkeit ist ein bisschen verloren gegangen. „Wir sprechen über den Mord, wir analysieren, reden über Attacken, diskutieren, wie der Journalist ums Leben gekommen ist“, sagt Christina.

Doch die Einwohner des Landes halten weiterhin zusammen. „Die Situation zeigt, wie nobel und mutig das Volk ist. Man ist eins“, sagt Christina. „Dafür bewundere ich Nicaragua. Für die Freundschaft gegenüber dem Nächsten, der mit der blauweißen Fahne marschiert.“ Den Marsch in Bluefields am 30. Mai, Nicaraguas Muttertag, hat sie in einem Video dokumentiert. Er war den Müttern gewidmet, die ihre Kinder in den Aufständen verloren haben. In anderen Städten endeten diese Märsche tödlich.

Bei all den schrecklichen Nachrichten hält sich Christina an der Unerschrockenheit der Menschen fest. Eine Person hat sich ihren Respekt besonders verdient. „Hier lebt eine alte Frau, die Wasser verkauft. Das ist ihr einziger Lebensunterhalt. Und jetzt verschenkt sie ihr Wasser an die Leute, die in den Barrikaden sind und Durst haben.“

Entschlossenheit liegt in ihrer Stimme, wenn sie vom „Kampf“ spricht. „Es macht mich traurig, dass ich meine Freunde im Stich lasse“, sagt Christina. „Aber ich werde nicht aufhören, sie zu unterstützen. Vielleicht hat es auch etwas Gutes, dass ich wieder in Hagen bin und von dort aus helfen kann.“

Freude auf vegetarisches Essen

Und worauf freut sie sich bei ihrer Rückkehr am meisten? „Auf das Essen“, sagt sie sofort und lacht. „Vegetarisches Essen. Wenn ich in Nicaragua sage, dass ich kein Fleisch esse, werde ich gefragt, ob ich stattdessen lieber Hühnchen möchte.“

Was noch? „Ich freue mich darauf, sicher durch die Straßen gehen zu können. Ohne Herzrasen zu bekommen, wenn ich ein Polizeiauto sehe. Natürlich auf die Freunde und die Familie, fließendes warmes Wasser, keine Eimerdusche mehr, keine Mosquitos ...“ Sogar das Wetter in Deutschland ist verlockend. „Kein Platzregen, keine schweißnassen Klamotten mehr.“ Außer beim Sport. „Dafür ist es viel zu heiß in Nicaragua. Jetzt freue ich mich auf Joggen mit Papa am Hengsteysee.“ Das Paradies gibt es eben auch ohne Palmen und weiße Strände.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben