Serie "24 Stunden"

Drei Polizisten wachen über den Wahnsinn der Hagener Nacht

Nachdienst auf der Leitstelle der Polizei Hagen, Dienstgruppenleiter Thomas Rex, Tag der Arbeit, Foto: Jens Stubbe

Nachdienst auf der Leitstelle der Polizei Hagen, Dienstgruppenleiter Thomas Rex, Tag der Arbeit, Foto: Jens Stubbe

Foto: Jens Stubbe

Hagen.   3 Uhr: Die Leitstelle der Polizei Hagen ist rund um die Uhr besetzt. Drei Polizisten wachen über den normalen Wahnsinn und koordinieren Einsätze.

24-h-Südwestfalen

Reportage zum Tag der Arbeit.
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Gut – es gab da diese Sache mit der jungen Frau. Die hatten die Beamten in dieser Nacht völlig verdreckt im Keller eines Mehrfamilienhauses gefunden. Schwerer Missbrauch, vielleicht eine Geiselnahme, ein Mädchen, das tagelang in einem finsteren Verlies gefangen gehalten wurde.

War aber nicht so. Die Wahrheit erfuhren die Beamten auf der Wache: Die Frau hatte sich mit einem Mann im Keller vergnügt, zuvor allerdings so viel getrunken, dass sie allein den Weg zurück in die Wohnung nicht mehr finden konnte. Der ganz normale Wahnsinn in einer ansonsten eher „ruhigen Nacht“.

Nager löst Alarm an Industriegebäude aus

3 Uhr, Leitstelle der Polizei Hagen, Hoheleye: Drei Kollegen schieben hier Dienst. Norbert Kliem, Marcus Winkler und der Erste Polizeihauptkommissar Thomas Rex, einer von sechs Dienstgruppenleitern der Leitstelle.

Eine „ruhige Nacht“ – das bedeutet: ein Alarm an einem Gebäude in der Werkzeugstraße, für den vermutlich ein Nager verantwortlich zeichnet, die Hilferufe der jungen Dame aus dem Keller und die Abfragen der Kollegen, die am Märkischen Ring in der Hagener Innenstadt Fahrzeuge aus dem Verkehr ziehen, Kennzeichen und Halter überprüfen. Es geht um Alkohol-, Drogen- und Führerscheinverstöße.

Keine Nacht ist wie die andere

3.11 Uhr: Keine Nacht ist wie die andere. Nicht in der Stadt. Und nicht hier oben, wo drei Beamte quasi über Hagen und die Hagener wachen. Weil diese Nacht so ruhig ist, kann Thomas Rex von der davor erzählen. Diese Nacht war das Gegenteil: Eine demente Dame, die von einem kleinen Gewitter offenbar derart aus der Bahn geworfen wurde, dass sie den 500 Meter weiten Heimweg von der Kirche nicht mehr fand, marschierte quer durch die Stadt von Emst bis zum Bahnhof.

Dort stieg sie in eine S-Bahn und schließlich in Wehringhausen wieder aus. „Mantrailer sind extra aus Köln gekommen“, so Thomas Rex, „die Hunde haben allerdings am Bahnhof die Spur verloren.“ Und als sei das nicht schon genug für eine Nacht gewesen, kam es im Anschluss zum Feuer in einem Seniorenheim an der Eilper Straße. Der gesamte Nachtdienst der Polizei Hagen war im Einsatz.

Viele Anrufe zu ein und demselben Vorfall

3.23 Uhr: Manchmal sind es die kleinen Dinge, die die meiste Arbeit machen. „Ein geplatzter Reifen auf der Autobahn ist so ein Beispiel“, sagt Thomas Rex, „da klingelt hier auf der Leitstelle ganz schnell bis zu 50-mal das Telefon. Und der letzte Anrufer weiß ja nicht, dass vor ihm schon 49 angerufen haben. Letztlich ist es ja richtig, dass wir in solchen Fällen informiert werden.“

3.33 Uhr: Zeit für den Blick zurück. „Wenn wir Einsatzlagen von hier oben führen, das fordert einen schon mächtig“, sagt Thomas Rex, „da macht es für uns Sinn, im Anschluss in Ruhe noch einmal über die Dinge zu reden. Wir sind im Grunde permanent dabei, unsere Konzepte für Lagen zu überdenken. Das ist ein fortlaufender, niemals endender Prozess an 365 Tagen im Jahr.“

Das Leben gegen die Uhr

3.46 Uhr: Eine ruhige Nacht gibt Zeit zur Datenpflege. „Wenn sich draußen etwas ändert, dann muss das auch bei uns ankommen“, sagt Thomas Rex, „wenn zum Beispiel ein Wildtier angefahren wird, dann benachrichtigen wir den zuständigen Jäger. Dabei erleben wir aber immer wieder, dass sich Zuständigkeiten verschieben.“

3.55 Uhr: Auch eine ruhige Nacht kann sich ziehen. „Vier Tage Nachtdienst“, sagt Thomas Rex, „danach habe ich rund 16 Stunden Schlafdefizit angesammelt. Ich merke schon, dass das schlaucht. Besonders in der dunklen Jahreszeit.“ Da gehen die Beamten ins Bett, wenn es draußen gerade hell wird. Und sie stehen auf, kurz bevor die Sonne wieder am Horizont verschwindet. „Im Grunde leben wir gegen die Uhr. Wenn der Nachbar samstagmorgens den Rasenmäher anschmeißt, wird einem das besonders bewusst. Aber das geht ja allen so, die im Schichtdienst arbeiten.“

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