NS-Kunst

Der Maler Emil Nolde, Hagen und die Nazis

Steigende Wolken  (1927) von Emil Nolde: Ein Meisterwerk  im Osthaus-Museum Hagen.

Steigende Wolken (1927) von Emil Nolde: Ein Meisterwerk im Osthaus-Museum Hagen.

Foto: Achim Kukulies

Hagen.   Kein Nazi-Verfolgter, sondern Hitler-Verehrer: Emil Noldes Bild muss übermalt werden. Wir verraten, wie das Hagener Osthaus-Museum damit umgeht

Im Idealfall bürgt der gute Charakter des Malers für die Qualität seines Werks. Wird das Werk wertlos, wenn der Künstler kein Vorbild war? Mit Emil Nolde stürzt das Denkmal des von den Nazis verfolgten Expressionisten vom Sockel. In Wahrheit war der Maler Antisemit und begeisterter Hitler-Verehrer. Wie gehen die Museen, die Noldes in der Sammlung haben, mit dieser Erkenntnis um? Und lässt sich das Schaffen vom Schöpfer trennen?

„Wir werden unsere Noldes nicht aus der Ausstellung entfernen. Das hatten wir 1937 schon einmal“, betont Dr. Birgit Schulte, die Kustodin des Hagener Osthaus-Museums. „Aber den Museen wird in der Diskussion eine moralische Instanz zugeschrieben. Wir werden unsere Noldes kontextuieren und kommentieren.“

Hagen bedeutet die Wende

Emil Nolde und Hagen – das ist eine lange Geschichte. Für den noch unbekannten Nolde bedeutet die Begegnung mit dem Hagener Sammler Karl Ernst Osthaus eine entscheidende Wende. Osthaus kauft sofort ein Bild, und er stellt ihn 1906 im Folkwang aus. Das neu eröffnete Haus gilt als das „schönste Museum der Welt“, es ist ein „Himmelszeichen für die junge Kunst“, schwärmt Nolde.

1906 beginnt auch der Briefwechsel zwischen Gertrud Osthaus und Ada Nolde. Die beiden Frauen haben sich angefreundet und fleißig korrespondiert. Ada Nolde ist Stickerin, das Kissen auf dem Bett im Schlafzimmer des Hagener Hohenhofs soll von ihr stammen. 1905/1906 halten sich Nolde und der Hagener Maler Christian Rohlfs für sechs Monate in Soest auf, ein Arbeitsstipendium, das Osthaus ermöglicht.

16 Arbeiten von Emil Nolde im Osthaus-Museum

Das Osthaus-Museum besitzt heute 16 Arbeiten von Emil Nolde, darunter vier große Gemälde, eines davon ist nach 1933 entstanden. Die Gemälde sind derzeit mit der Sammlung auf Tournee. Sie kommen vor Weihnachten zurück und werden ab 1. Februar in einer Ausstellung präsentiert.

Wie geht man in Hagen damit um, dass ihr Schöpfer als Nazi entlarvt wurde? „Ich finde die Diskussion gut, weil sie zeigt, dass die Zeit der Verdrängung vorbei ist“, sagt Birgit Schulte. „Den Hintergrund der Kunstproduktion zu beleuchten, ist ja nicht falsch.“ Museumsdirektor Dr. Tayfun Belgin ergänzt: „Ich finde die Diskussion überfällig. In den vergangenen zehn Jahren ist viel gemunkelt worden. Jetzt kommen wir endlich an die Quellen.“

Welche Rolle hat der Kunstmarkt?

Die Vorstellung des mit Berufsverbots belegten Malers, der sich in die Einsamkeit der Meeresküste zurückzieht und im Geheimen „ungemalte Bilder“ erschafft, ist ein Märchen. „Nolde hatte schon vor dem Zweiten Weltkrieg enorme Käufer. Er hat auch in der Nazizeit gut verkauft. Die ungemalten Bilder gibt es nicht. Das ist ein Phänomen, das würde ich gerne näher untersucht wissen, weil dabei der Kunstmarkt eine Rolle spielt, auch nach 1945“, so Belgin.

Rouven Lotz, der wissenschaftliche Leiter des Hagener Emil-Schumacher-Museums, betont, dass nicht nur der Künstler Nolde seine eigene Legende geschaffen hat: „Daran haben viele Kuratoren mitgestrickt, wohl wissend, dass da mehr war. Nolde ist ein Kassenschlager. Es gibt nur wenige Künstler, mit denen man so viele Besucher erreichen kann.“

Das Schumacher-Museum hat vor knapp zehn Jahren den Künstler Emil Schumacher mit dem Künstler Emil Nolde in einer viel beachteten Ausstellung zusammengebracht. Wäre das Konzept heute noch möglich? Lotz: „Das Ziel der Ausstellung war dezidiert, dass die Werke miteinander kommunizieren, ohne theoretischen Überbau. Es war vielleicht die letzte Ausstellung, die so unbefangen gemacht werden konnte. Heute würde man thematisieren, dass Nolde als Mensch ein ekelhafter Nazi war, aber als Künstler in der Lage, ein Œuvre zu entwickeln, das beispielgebend war.“

Maler-Kollegen bei den Nazis als Juden denunziert

Emil Noldes glühende Begeisterung für die Nazis lässt sich nicht allein mit dem damaligen Zeitgeist schön reden. Er hat seinen Kollegen Max Pechstein als Juden denunziert, wohl wissend, dass das nicht stimmt. Nach seinem Parteieintritt hört er auf, christliche Motive auf die Leinwand zu bringen, weil er keine Juden mehr malen will. Er entwirft im Sommer 1933 einen „Entjudungsplan“, den er Adolf Hitler vorlegen möchte. Nach dem Krieg verklärt der Maler sich als Opfer des Systems. Paradoxerweise ist Nolde gleichzeitig ein führender Vertreter des Expressionismus, der mit seinen beschädigten Landschaften und versehrten Menschen genau die Kunstrichtung darstellt, welche Hitler verabscheut.

Rouven Lotz: „Man kann Œuvre und Persönlichkeit nicht trennen, im Guten wie im Schlechten. Dennoch, Nolde hat als Künstler Neuerungen geschaffen, die darüber hinausgehen, was er eigentlich war: ein Nazi.“

Suche nach unbelasteten Künstlern

Nach 1945 hat die Kunstszene großen Bedarf an politisch unbelasteten Künstlern. Dank geschickter Legendenbildung wird Nolde zum Vorzeige-Expressionisten. Kunsthistorisch hält sein Schaffen dem Stand, moralisch nicht, wie man heute weiß. Walter Jens hat schon 1967 auf Noldes braune Verstrickungen hingewiesen, doch das wollte man seinerzeit nicht wissen. „Die Sicht auf das Werk verändert sich, wenn man neues Wissen hat. Man muss dem Werk einen neuen Rahmen geben“, unterstreicht Birgit Schulte.

Dass man auch anders mit den Nazis umgehen konnte, zeigt das Beispiel von Christian Rohlfs. Birgit Schulte: „Als Rohlfs die Mitteilung erhalten hat, dass er aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen und als entartet diffamiert wird, hat er zurückgeschrieben: Anerkennung oder Ablehnung machen mein Werk weder besser noch schlechter.“

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