Gartenserie

Der Garten ist ein Jungbrunnen für Ursula Eurich

Unsere Juni-Gärtnerin Ursula Eurich (87) beim Schneiden der Ligusterhecke.

Unsere Juni-Gärtnerin Ursula Eurich (87) beim Schneiden der Ligusterhecke.

Foto: Hubertus Heuel

Hagen.   Die Arbeit auf ihrer Parzelle ist für Ursula Eurich mehr als Pflichterfüllung. Die Hagenerin ist 87, schneidet aber immer noch selbst die Hecke.

„Warten Sie mal einen Moment“, sagt Ursula Eurich (87) und verschwindet in dem Schuppen neben der Laube. Aus dem winzigen Gebäude dringt ein Kramen und Rumpeln nach draußen, dann erscheint sie wieder im Freien. In den Händen eine Heckenschere. Und tatsächlich rückt sie damit der Ligusterhecke zu Leibe, stutzt Triebe und bringt die grüne Einfriedung, die ihre Parzelle schützt und gleichzeitig Einblick in den Garten gewährt, in Form. „Wenn man einen Garten hat, dann muss man immer zur Stelle sein, sonst wächst einem alles über den Kopf“, sagt die Seniorin.

Trotz ihres fortgeschrittenen Alters erledigt sie die Gartenarbeit komplett selbst, vom Schneiden der Hecke bis zum Gemüseziehen, vom Umsorgen der Blumen bis zur Obsternte. Denn wie für so viele Gärtner ist der Garten für Ursula Eurich mehr als ein lieb gewonnenes Hobby, mehr als stoische Pflichterfüllung und mehr als eine Huldigung an die Natur. Der Garten ist Lebensinhalt, er gibt Ursula Eurich Halt und Sinn. „Als mein Mann vor 26 Jahren verstarb, kam ich immer hierher“, sagt sie: „Bei der Gartenarbeit bin ich allmählich über den Schmerz hinweggekommen.“

Immer viel Gemüse gezogen

Das Grundstück im Kleingartenverein Ischeland ist 400 Quadratmeter groß, Ursula Eurich hat es von ihrem Vater übernommen, bewirtschaftet es seit 49 Jahren und nennt es ihr zweites Zuhause. Drei Kinder hat sie groß gezogen, sie haben in dem Garten getobt und gespielt. Der Familie war es denn auch geschuldet, dass sie immer sehr viel Gemüse gezogen hat, dem Alter ist es geschuldet, dass sie sich inzwischen auf wenige Sorten beschränkt, darunter Kohlrabi, Zucchini und Kopfsalat. Bis heute kann sie nichts wegwerfen, eine Reminiszenz an das Leben, in dem sie groß geworden ist und das in unserer Überflussgesellschaft seltsam überholt und doch legitim erscheint: „Ich kenne ja noch die schlechten Zeiten, in denen wir nicht genug zu essen hatten.“

Seit einiger Zeit ist sie mit Günter Heinze zusammen, der ebenfalls allein lebte, nachdem seine Frau vor neun Jahren gestorben war. Sie lernten sich beim Tanzen im Vereinshaus kennen, er gab seinen Garten auf und kam zu ihr. Immerzu strahle sie und beklage sich nie, sagt er und strahlt auch: „Da habe ich einen guten Fang gemacht.“ Gemeinsam sind sie stolz auf den großen Feigenbaum, der immer mehr Platz beansprucht, obwohl sie ihn schon stark zurückgeschnitten hat. Er trägt zahlreiche Blüten, wirft die Früchte aber gern vor der Reife ab. Jetzt hoffen sie, dass es in diesem Jahr etwas wird mit der Ernte und die Feigen einmal so groß werden wie jene in Australien, die sie bei einem Verwandtenbesuch gesehen haben: „Dann mache ich Marmelade aus ihnen“, sagt Ursula Eurich.

Wenn alles blüht und wächst

Die Feige hat sich als ebenso winterhart erwiesen wie das kräftig blühende Olivenbäumchen, wie die Kirsche, die Mirabelle, der Pfirsich, die Haselnuss und der Pflaumenbaum. „Ist das nicht wunderbar, wenn alles blüht und wächst und man später auch noch ernten kann“, sagt Heinze. Obwohl der Sommer 2018 seine Spuren hinterlassen hat, die Erbsen sind nicht aufgegangen und im Boden sei immer noch zu wenig Wasser. „Wenn man beim Graben in tiefere Schichten gelangt, ist es zu trocken.“ Die Aroniabeeren wollen die beiden zu Saft verarbeiten, darauf schwören immer mehr Kleingärtner in Hagen wegen der Blutdruck senkenden Wirkung.

Der Klimawandel und das Artensterben sind ein Dauerthema bei den Kleingärtnern. Zwischen Ursula Eurich und Günter Heinze ist es deswegen fast zu einem kleinen Disput gekommen, als er dem Ungeziefer an den Obstbäumen mit der chemischen Keule beikommen wollte. „Nein, ich will kein Gift“, erhob Ursula Eurich Einspruch, und seitdem greift er auf einen Brennesselgemisch zurück, das hilft zumindest gegen die Läuse. „Mein Beitrag zum Naturschutz sind die Insektenhotels“, verweist Günter Heinze auf die Nisthilfen für Schlupfwespen und Mauerbienen, die allerdings manchmal vom Specht geplündert werden.

Für jedermann zugänglich

Ursula Eurich ist derweil wieder zu ihrer Ligusterhecke zurückgekehrt, die sie selbst dann nicht zur Sichtschutzwand emporwachsen lassen würde, wenn die Statuten des Kleingartenvereins das gestatteten. Doch es ist ohnehin verboten, denn Kleingärten sind Bestandteil des städtischen Grünflächensystems und für jedermann öffentlich zugänglich. „Ich freue mich immer wenn Leute an der Hecke stehen bleiben und einen Blick in meinen Garten werfen.“

Der Garten ist ihr Jungbrunnnen, auch mit 87 Jahren. Bisweilen verspürt sie dieses Reißen im Rücken, und die Hüften schmerzen, Ursula Eurich hat natürlich auch davon gehört, dass eine OP heutzutage meist eine Standardbehandlung ist, aber solange es geht, will sie um diesen Eingriff herumkommen. „Und der Garten hält mich jung, bei der Arbeit komme ich über die Schmerzen hinweg.“

>>Unser Mai-Gärtner Herbert Kotowski<<

Eigentlich sei der Juni die ungünstigste Jahreszeit für einen Urlaub, sagt Kleingärtner Herbert Kotowski vom KGV am Stennesufer: „Aber seit 35 Jahren fahren wir eine Woche weg, wenn meine Frau Walli Geburtstag hat. Und das wollen wir auch diesmal nicht ändern.“ Seit unserem letzten Besuch im Mai sind Buschbohnen, Mangold und Zucchini prächtig gewachsen. Auch die Stangenbohnen beginnen zu klettern. „Sie werden bis zu drei Meter hoch, in sechs Wochen wollen wir sie ernten“, sagt Walli Kotowski.

Überall auf dem Grundstück hat sich die Jungfer im Grünen mit ihren zarten, unaufdringlichen, violettblauen Blüten ausgesät – die Blume mit dem poetischen Namen entfaltet ihre schlichte Schönheit erst beim zweiten Hinsehen. Aus dem kleinen Rasendreieck vor dem Apfelbaum, das Kotowski bewusst nicht mäht, ragen Margeriten und Kornblumen hervor. Wie all die durstigen Pflanzen die einwöchige Abwesenheit der Kotowskis überstehen? „Wir gießen sowieso nur einmal pro Woche“, sagt der Gärtner: „Dann aber bis zu 20 Liter auf den Quadratmeter.“ Pflanzen seien nämlich nicht dumm, ihre Wurzeln suchten sich das Wasser, das sich tief unten im Boden sammele.

Herbert Kotowski ist eben der Philosoph unter den Gärtnern in Hagen.

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