Alkoholsucht

Streetworker: Von Trinkerszene geht keine Gefahr aus

Die Trinkerszene trifft sich regelmäßig vorm Alten Rathaus und gegenüber vom Netto im Hoch10-Geschäftshaus. Doch auch der neue Unterstand auf dem Festplatz an der Horster Straße wird gut angenommen, erklärte Streetworker Wolfgang Roth im Sozialausschuss.

Die Trinkerszene trifft sich regelmäßig vorm Alten Rathaus und gegenüber vom Netto im Hoch10-Geschäftshaus. Doch auch der neue Unterstand auf dem Festplatz an der Horster Straße wird gut angenommen, erklärte Streetworker Wolfgang Roth im Sozialausschuss.

Foto: Joachim Kleine-Büning / FUNKE Foto Services

Gladbeck.  Über die Trinkerszene in Gladbeck wird viel diskutiert. Im Fachausschuss ging es jetzt aber um die Menschen, ihre Probleme - und Hilfsangebote.

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Seitdem die Trinkerszene sich vor dem Netto im Hoch10-Geschäftshaus und an der alten Kastanie vorm Alten Rathaus aufhält, ist sie verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Doch was sind das für Menschen? Welche Probleme haben sie? Sind sie vielleicht auch noch obdachlos? Was hat sie in die Alkoholsucht getrieben?

Man darf die Trinkerszene nicht nur unter ordnungspolitischen Aspekten betrachten

Diesen Fragen wollte jetzt die Ratsfraktion Die Linke nachgehen und hatte beantragt, die „Situation der Alkoholiker-Szene“ auf die Tagesordnung vom Sozialausschuss zu setzen.

„In letzter Zeit wurde die Trinkerszene immer nur aus ordnungspolitischer Sicht betrachtet und als Problem angesehen. Doch es geht doch auch um die Menschen, das darf man nicht vergessen“, begründete Rüdiger Jurkosek in der Sozialausschusssitzung Dienstagabend das Ansinnen der Linken.

Zur Beantwortung der Fragen waren zwei Experten eingeladen: Annette Frerick arbeitet bei der Wohnungslosenhilfe der Caritas. Und Wolfgang Roth ist seit Mai im Auftrag der Stadtverwaltung als Streetworker unterwegs, um den Kontakt zur Trinkerszene zu halten. Roth war lange Jahre in der Drogenberatung in Gladbeck tätig. Einige der Alkoholkranken kennt er noch aus der Zeit. Und er findet ehrliche Worte: „Die Leute wissen, dass sie nicht überall willkommen sind. Es ist eigentlich auch keine feste Gruppe, sondern es sind Leute, die sich treffen, weil sie keine Lust haben, alleine zu trinken.“

„Viele erfreuen sich nicht gerade bester Gesundheit“

Die Menschen seien zwischen 16 und 68 Jahre alt. „Viele, das kann man sich ja vorstellen, erfreuen sich nicht gerade bester Gesundheit“, so Roth. Hauptsächlich bestehe die Runde aus Männern, Frauen seien deutlich in der Unterzahl. Drei aus der Szene machten aktuell eine Therapie. „Es gibt aber auch die Leute, die nicht mehr therapierbar sind, und die einfach in Ruhe gelassen werden wollen. Fragt man die, wie man ihnen helfen kann, kommt als Antwort ,mit ‘nem Kasten Bier’.“

Einen Punkt stellte Roth klar heraus: In der Gruppe gehe es mit steigendem Alkoholpegel auch schon mal lauter und aggressiver zu, aber eine Gefahr für Passanten gehe von den Leuten nicht aus. „Wenn, geraten die höchstens untereinander aneinander.“ Aktuell bestehe die Szene aus maximal 15 Trinkern, darunter ein bis zwei Frauen, die regelmäßig dabei seien, und zwei weiteren, die „ab und zu dazustoßen“. Der Unterstand auf dem Festplatz, der im September fertig geworden ist, sei von den Menschen dankbar angenommen worden. „Das heißt aber nicht, dass sie sich jetzt nur noch dort aufhalten wollen“, betonte der Streetworker ebenfalls.

Natürlich sind nicht alle aus der Trinkerszene obdachlos

Annette Frerick leitet die Wohnungslosenhilfe der Gladbecker Caritas. Auch sie kennt viele Leute aus der Trinkerszene. „Aber natürlich sind die nicht alle obdachlos“, betont sie. Vier Leute ohne Wohnung aus diesem Kreis sind ihr aktuell bekannt. Eine Frau, erzählt Frerick, kommt immer wieder bei Bekannten unter. Das Beratungsangebot der Caritas nutzten momentan über 140 Leute.

Die Mitglieder des Ausschusses bedankten sich bei Roth und Frerick für den umfassenden Blick in die Trinkerszene, der die Menschen in den Fokus gerückt habe – und einmal nicht die Probleme, die die Szene in der Öffentlichkeit verursache. „Viele Menschen“, erklärte Michael Dahmen (CDU), „schauen allerdings nicht mit so einer professionellen Distanziertheit wie wir hier gerade im Ausschuss auf die Szene. Und deshalb gibt es eben auch Ängste und Vorbehalte, die man nicht außer Acht lassen darf.“ Direkt danach befragt, erklärte dann auch die junge Vertreterin des Jugendrates, die an der Ausschusssitzung teilnahm: „Ja, ich habe Angst und ich wechsel auch die Straßenseite, wenn ich die Leute sehe!“ Annette Frerick reagierte spontan – und lud die Mitglieder vom Jugendrat zu einer der nächsten Frühstücksrunden ein, die die Wohnungslosenhilfe einmal wöchentlich für sozial benachteiligte Menschen anbietet.

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