Europa-Serie

So unterschiedlich blicken zwei Generationen auf Europa

Hans Nimphius und Melis Bilici blicken in einem Generationen-Gespräch mit der WAZ auf Europa.

Hans Nimphius und Melis Bilici blicken in einem Generationen-Gespräch mit der WAZ auf Europa.

Foto: Oliver Mengedoht / FUNKE Foto Services

Gladbeck.   Melis Bilici (22) und Hans Nimphius (75) haben mit der EU unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Ein Gespräch über Sicherheit, Freiheit, Werte.

Hans Nimphius (75), stellvertretender Vorsitzender des Seniorenbeirats, und Melis Bilici (22), aktives Mitglied des Jugendrats, gehören unterschiedlichen Generationen an. In Hinblick auf Europa hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Menge getan, so dass Menschen unterschiedlichen Alters ganz andere Erfahrungen gesammelt haben.

Gab es früher etwa noch Landesgrenzen, ist es für die Jugend heute selbstverständlich, innerhalb der EU dorthin reisen zu können, wohin sie möchten. Wie unterschiedlich Hans Nimphius und Melis Bilici auf Europa blicken, haben sie im WAZ-Interview erzählt.

Was bedeutet Europa für Sie und wie ist es, in Europa zu leben?

Melis Bilici: Das erste, was mir in den Kopf kommt, wenn ich an Europa denke, ist Wohlstand. Ich fühle mich wohl in Europa. Auch mit dem Luxus, reisen zu können, wohin ich möchte, ohne dabei Probleme etwa mit der Währung zu haben. Auch das Erasmus-Programm, das es für Studenten gibt, ist ein Riesending für mich und alle anderen Studenten. Denn für meine Zukunft bietet mir das Programm sehr viel. Da bin ich dankbar, dass es sowas gibt. Bisher habe ich noch nicht daran teilgenommen. Es ist ja auch eine Mutsache, in einem anderen Land ein Semester zu verbringen. Aber ich möchte mich da heran tasten.

Hans Nimphius: Für mich bedeutet Europa Freiheit. Dass ich mich bewegen kann, ohne Grenzen passieren zu müssen. Ich habe ja noch mitgemacht, dass ich, wenn ich nach Holland gefahren bin, im kilometerlangen Stau stand. Wenn man sich einen schönen Tag an der Küste machen wollte, musste man mindestens eine Stunde in Emmerich warten. Dann hat Europa für mich auch hinsichtlich der Sicherheit eine große Bedeutung. Bei allen Unterschieden, die wir in den Nationen haben, gibt es dieses Verständnis dafür, kriegerische Auseinandersetzungen aus Europa rauszuhalten. Das ist ein Gewinn für Europa. Ich komme aus einer Zeit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, da ging es darum, dass die Wirtschaft profitierte, weil Zölle wegfielen. Daher verbinde ich mit Europa auch sozialen Aufstieg und soziale Sicherheit.

Immer wieder ist die Rede davon, dass Europa in Gefahr ist. Bei der Wahl wird ein starker Rechtsruck befürchtet. Sehen Sie Europa in Gefahr?

Bilici: Ein bisschen tatsächlich. Ich habe Angst, dass diese Parteien größer, dass sie stärker werden.

Nimphius: Die Nationalisten, die immer stärker werden, partizipieren auch von dem Ruf, dass die EU sehr bürokratisch ist. Es muss passieren, dass die Politiker in Straßburg auch etwas umsetzen können. Europa muss eine Lebendigkeit erfahren. Wo nicht jeder zustimmen muss, sondern wo es Mehrheiten geben muss, um bestimmt Gesetze durchzusetzen. Es gibt Länder, die sind erstmal gegen alles, solange sie Geld bekommen. Schwierig wird es, wenn es aber darum geht, Werte anzuerkennen, zum Beispiel mit den Flüchtlingen. Polen, Ungarn weigern sich, Flüchtlinge aufzunehmen. Sie weigern sich nicht, Geld anzunehmen. Sie weigern sich aber, das zu tun, wofür die EU auch eingetreten ist, nämlich das Thema Sicherheit auch für diejenigen, die nicht aus Europa kommen. Nationalismus lässt sich nur einhalten, wenn man auch ein gerechtes Europa schaffen kann.

Fühlen Sie sich als Europäer und sind Sie stolz, Europäer zu sein?

Bilici: Stolz bin ich definitiv. Wenn ich in der Welt unterwegs bin und sage, dass ich aus Europa komme, ist das ein Status. Ich identifiziere mich mit Europa. Ich bin hier geboren und mit den Sitten und Bräuchen aufgewachsen. Das ist ein Teil von mir, und ich fühle mich als ein Teil davon. Europäerin zu sein, das hat für mich auch etwas mit Vielfalt zu tun.

Nimphius: Ich bin gerne Deutscher, weil ich in Europa leben darf. Denn dieses Europa ist ein Europa der gemeinschaftlichen Kultur mit allen gemeinschaftlichen Facetten, die es gibt. Europa ist, was wir gemeinsam in der Unterschiedlichkeit einbringen können. An Europa erfreut mich das lebendige Anderssein der Kulturen. Und trotzdem leben wir in einem großen christlichen Kulturkreis. Da kann es aber nicht sein, dass in Europa – auch in Deutschland – Frauen immer noch schlechter gestellt sind als Männer und außerhalb von Tarifverträgen schlechter bezahlt werden. Diskriminierung aller Art muss verboten werden.

Welche Wünsche haben Sie beide noch die Europäische Union betreffend?

Bilici: Mein Herzenswunsch ist, dass durchgewunken wird, dass Jugendliche ab 16 Jahren wählen dürfen. Politik soll der Jugend immer näher gebracht werden, aber wie soll das funktionieren, wenn ihre Stimme nicht gehört wird? Wenn sie mitbestimmen dürfen, werden sie für die Themen sensibilisiert. Ich bin sehr spät mit Politik in Verbindung gekommen, erst durch den Jugendrat. Auch, weil es in der Schule nie so kommuniziert wurde.

Nimphius: Die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre finde ich auch sinnvoll. Es gibt aber noch viel mehr zu tun. Die Verbesserung der Lebensqualität, gemeinsamer Arbeitsbedingungen und der sozialen Bedingungen, das muss für Europa angepasst werden und kann nicht den einzelnen Nationalstaaten überlassen werden. Und etwa beim Kampf gegen den Klimawandel und bei der Digitalisierung muss Europa wegweisend auch für andere Länder werden.

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