Praktikum

Samy ist ein ganz besonderer Praktikant im Seniorenheim

Samy El-Omari (21) ist stark sehbehindert. Bei den Bewohnern des Eduard-Michelis-Hauses ist der Praktikant sehr beliebt.

Samy El-Omari (21) ist stark sehbehindert. Bei den Bewohnern des Eduard-Michelis-Hauses ist der Praktikant sehr beliebt.

Foto: Lutz von Staegmann / Funke Foto Services

Gladbeck.  Samy El-Omari leidet an einer seltenen Augenerkrankung. Seine Arbeit als Praktikant im Eduard-Michelis-Haus empfinden alle als Bereicherung.

„Wir sind ganz traurig, weil er geht“, sagt Ursula Oswald, Bewohnerin im Seniorenzentrum Eduard-Michelis-Haus. Einrichtungsleiterin Mechtild Eckholt drückt es so aus: „Das Jahr mit ihm war eine Bereicherung für uns alle.“ Und der, dem diese Zuneigung gilt, könnte den Menschen im Haus wohl kein schöneres Kompliment machen: „Sie haben mir meine Würde zurückgegeben.“

Samy El-Omari, als Sohn eines Arabers und einer Türkin in Gladbeck geboren, beendet am Donnerstag sein Praktikum im Eduard-Michelis-Haus. Ein Jahr hat er sich in einer Wohngruppe um acht Frauen und zwei Männer gekümmert, hat ihnen bei den Mahlzeiten geholfen, mit ihnen Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt, ist mit ihnen spazieren gegangen . . . Nichts Besonderes also eigentlich – wäre da nicht Samys Behinderung. Der 21-Jährige hat vor sechs Jahren eine schlimme Diagnose bekommen. Er leidet an LHON (Lebersche Hereditäre Optikus-Neuropathie), eine seltene Augenerkrankung, die bisher als unheilbar gilt. Noch sieht der junge Mann schemenhaft, in wenigen Jahren wird er sehr wahrscheinlich erblindet sein.

Viel Unterstützung von Freunden und der Familie

„Es war ein Schock, als ich das erfuhr“, sagt Samy. „Mein Leben hat sich mit einem Schlag verändert. Auch heute gibt es noch Phasen, in denen ich traurig bin, aber wenn man sich Ziele setzt, eine Perspektive sieht, eine Familie, Freunde und Menschen wie hier an seiner Seite hat, geht es immer wieder.“

So zuversichtlich war er lange Zeit nicht, denn es gab auch Menschen, die ihm Steine in den Weg gelegt haben. Bei der Arbeitsagentur zum Beispiel: Als Samy mit dem mittleren Schulabschluss mit Qualifikation von der Hauptschule zur Johannes-Kessels-Akademie wechselte, um dort das Fachabitur im Sozial- und Gesundheitswesen zu machen, war seine Erkrankung schon so weit fortgeschritten, dass er ein spezielles Laptop mit Sprach- und Vergrößerungsprogramm gebraucht hätte, um Klausuren und Berichte zu schreiben. Bewilligt wurde es ihm nicht, weil er nicht mehr schulpflichtig war. Und mehr noch. „Der Sachbearbeiter hat gefragt, warum ich in meiner Lage überhaupt Abitur machen und studieren wolle, ich solle doch besser in einer Werkstatt Besen binden.“ Oder Mitarbeiter in einer anderen Senioreneinrichtung, in der er ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert hat: „Sie haben mir Vorwürfe gemacht, weil ich zum Beispiel nicht schnell genug war, bei manchen Sachen Hilfe brauchte, und sie haben hinter meinem Rücken über mich geredet.“

Das 11. Schuljahr musste der junge Mann wiederholen

Das fehlende Laptop hatte zur Folge, dass Samy das 11. Schuljahr an der Kessels-Akademie – ein Praktikumsjahr mit zwei Schultagen pro Woche – wiederholen musste. „Ich habe im Unterricht nur rumgesessen und konnte kaum etwas machen.“ Der Förderverein der Schule hat ihm schließlich den Computer finanziert, im zweiten Anlauf hat der 21-Jährige das 11. Schuljahr jetzt geschafft. Das Praktikum in einer Behindertenwerkstatt konnte er allerdings nicht wiederholen, auch dort arbeitete er „nicht schnell und effizient genug“.

Was er als menschliche Enttäuschungen empfunden hat, erwies sich letztendlich als sein Glück: „Eine bessere Einrichtung als das Eduard-Michelis-Haus hätte ich für mein Praktikum nicht finden können.“ Denn das Team, die Bewohner, die Angehörigen – alle haben ihn unterstützt. „Als Samy sich bei uns beworben hat, haben wir uns schon überlegt, ob das klappen könnte“, gibt Bruder Jörg zu. Der Pater aus dem Redemptoristenorden arbeitet im Michelis-Haus als Betreuungsassistent und Seelsorger und hat den Praktikanten unter seine Fittiche genommen.

Alle haben von dem Praktikum profitiert

Es hat geklappt – und wie. „Alle haben profitiert“, sagt Bruder Jörg. Samy, weil er sich geschätzt und anerkannt fühlt, die Senioren, weil sie auf einmal das Gefühl bekamen, wieder gebraucht zu werden. Samy: „Nicht ich konnte ihnen morgens aus der Zeitung vorlesen, sie haben mir vorgelesen, wenn wir durch den Garten gegangen sind, haben sie mir erzählt, was dort blüht, wenn ich Wasser neben ein Glas geschüttet habe, haben sie mich darauf aufmerksam gemacht.“ Mechtild Eckholt: „Es war toll für unsere Bewohner zu erleben, dass sie einem jungen Menschen helfen können. Das hat ihr Selbstwertgefühl enorm gesteigert.“

Und so ist es auch Samy ergangen: „Mein Selbstbewusstsein war nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre nicht besonders ausgeprägt. Das hat sich in dem Jahr hier geändert. Ich habe viel Zuspruch und Lob bekommen, scheue mich nicht mehr, um Hilfe zu bitten, wenn etwas nicht klappt, und ich weiß jetzt wieder, dass ich etwas leisten kann.“ Nach den vielen Enttäuschungen zuvor sei er schon kurz davor gewesen, „alle meine Pläne über den Haufen zu werfen und irgendeinen Hilfsarbeiterjob anzunehmen“. Jetzt fühle er sich wieder stark genug, die Schule zu beenden und dann Sozialarbeit zu studieren. „Ohne dieses Praktikum wäre mein Leben wahrscheinlich völlig anders verlaufen.“

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