Interview

Roland: Ohne die Kohle gäbe es keine Stadt Gladbeck

Über einen Kalender der Schüler der Lambertischule – eine von zahlreichen Ideen aus vielen Teilen der Bevölkerung zum 100-Jährigen der Stadt – freut sich Bürgermeister Ulrich Roland (SPD).

Über einen Kalender der Schüler der Lambertischule – eine von zahlreichen Ideen aus vielen Teilen der Bevölkerung zum 100-Jährigen der Stadt – freut sich Bürgermeister Ulrich Roland (SPD).

Foto: Lutz von Staegmann / Funke Foto Services

Gladbeck.  Bürgermeister Ulrich Roland bekennt sich zur Bergbau-Vergangenheit der Stadt. Vor genau 100 Jahren wurden Gladbeck die Stadtrechte verliehen.

Seit Jahresanfang schon wird gefeiert – am Sonntag, 21. Juli, ist der eigentliche Stadtgeburtstag: Gladbeck wird 100 Jahre alt! Die WAZ sprach mit Bürgermeister Ulrich Roland (65, SPD) anlässlich des Jubiläums über Gladbecks Vergangenheit, über die aktuelle Situation in der Stadt und über die Herausforderungen, die vor der Kommune liegen.

Herr Roland, welche Bedeutung hat der 21. Juli 1919 für Sie als Bürgermeister?

Bürgermeister Ulrich Roland: Dieser Tag ist historisch, er war für die Stadt ganz wichtig. Immerhin markiert er den Beginn der kommunalen Selbstverwaltung. Allerdings ist das Datum nicht so im Bewusstsein der Menschen verankert. Schließlich war es damals zunächst einmal nur ein Verwaltungsakt. Aber ein längst überfälliger: Denn Gladbeck war 1919 schon sehr städtisch und zählte deutlich mehr als 50.000 Einwohner.

Sie benutzen bei der Rückbetrachtung gern das Bild der drei Türme: Erst war der Kirchturm, dann kam der Förderturm und schließlich der Rathausturm. War die offizielle Stadtwerdung so gesehen das Ausrufezeichen einer Entwicklung, die rund 50 Jahre zuvor mit dem Start der Kohleförderung begann?

Ja, die Verleihung der Stadtrechte war die formale Vollendung einer Stadtentwicklung, die lange Zeit zuvor begann und zunächst maßgeblich von den Zechen voran getrieben wurde. Ohne die Kohle keine Stadt – keine Frage. 1871, als die erste Probebohrung am Rande des Dorfes stattfand, zählte Gladbeck gerade mal 2700 Einwohner. Ohne die Kohle wären wir alle nicht hier. Durch die Erlangung der Stadtrechte konnten die Stadtoberen allerdings anders auftreten und entwickelten mehr Selbstbewusstsein – gegenüber dem preußischen Staat, aber auch gegenüber den Zechenbaronen. Michael Jovy, unser erster Oberbürgermeister, stand den Bergherren nun auf Augenhöhe gegenüber und konnte erreichen, dass der Bergbau seinen Anteil daran leistete, dass die Menschen, die für die Zechenbarone die Kohle aus der Erde holten, ein besseres Leben in der Stadt führen konnten.

War der Bergbau, der 100 Jahre in Gladbeck aktiv war, am Ende zu dominierend?

Schwer zu sagen. Die Stadtentwicklung fand in den ersten Jahrzehnten unter enormem Zeitdruck statt, was viele vor eine Herausforderung stellte. Man hatte damals aber noch viele Flächen, die auch der Bergbau gern in Anspruch nahm. Gladbeck hat aber auch profitiert. In den 20er Jahren war die Stadt dank des Bergbaus sogar recht wohlhabend, viele Entwicklungen wurden da erst möglich, man denke nur an Wittringen mit den Sport- und Erholungsstätten. Oder die Gartenstadt-Siedlung Schultendorf, die wegweisend war und von der Gladbeck noch heute profitiert. Der Bergbau hat aber auch, keine Frage, Lasten, Altlasten hinterlassen, die gesellschaftliche Herausforderungen darstellten und darstellen. Beim Strukturwandel haben wir eine gute Wegstrecke hingelegt, wir sind aber noch nicht am Ziel. Das wird noch Jahrzehnte dauern. Das ist eine Daueraufgabe für die Stadtgesellschaft.

Welchen Schaden richtete die Zeit des Nationalsozialismus’ an?

Er legte sich ab 1933 wie ein brauner Schleier über die Stadt. Es hörte das auf, was 1919 begonnen wurde: die Chance, dass sich die Stadt selbst verwalten konnte. Es hielt wieder die Obrigkeitsstruktur Einzug, der braune Oberbürgermeister Hackenberg war ein Befehlsempfänger, der nur ausführte, was an anderer Stelle entschieden wurde. Es fand keine Stadtentwicklung, kein selbstbestimmtes kommunales Leben mehr statt. Am Ende war Gladbeck zu 60 Prozent zerstört. Es war eine dramatisch-desaströse Zeit, eine verlorene Zeit, in der die Stadt massiv gelitten hat.

Welche Weichenstellungen waren nach dem Krieg wegweisend, welche weniger hilfreich?

Über alles gesehen, ist es gut gelaufen in der Stadt. Man sollte Respekt haben vor den Entscheidungen der ehemaligen Stadtväter. Naturgemäß würde man heute einige Dinge anders entscheiden, etwa beim Beschluss, die alte Kaiser-Wilhelm-Badeanstalt abzureißen oder die Postallee umzubauen und den Mittelstreifen zu beseitigen. In den 60er und 70er Jahren hatte man bei der Stadtplanung nicht gesehen, dass der Bergbau endet und es strukturell einen Bruch geben wird. Es wurde immer noch eine Großstadt mit über 100.000 Einwohnern geplant. Rentfort-Nord zum Beispiel oder Butendorf, wo wir heute dabei sind, teilweise Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Stichworte sind Schwechater Straße 38, Möbelhaus Tacke oder das Hochhaus Steinstraße. Insgesamt aber hat Gladbeck Glück gehabt mit seiner Stadtplanung.

Welche Bedeutung hat das Nikolaus-Urteil von 1975 für Gladbeck?

Glabotki war dramatisch, aber letztlich nur eine Fußnote in der Stadtgeschichte. Es war eine Phase, in der sich eine enorme Solidarität entwickelte und die Menschen in der Stadt auf unnachahmliche Art zusammengeführt wurden. Zum Glück wurde die Entscheidung korrigiert, die Selbstständigkeit gerettet. Wir leben gut damit, und ich glaube, auch Bottrop, mit dem wir gut befreundet sind, sieht das heute so.

In welchem Zustand befindet sich Gladbeck im Jubiläumsjahr?

Bei objektiver Betrachtung in einem guten. Das bildet sich aber im Lebensalltag der Stadtgesellschaft so nicht immer ab. Manche äußern immer wieder Unzufriedenheit. Das aber ist kein spezielles Gladbecker Phänomen, sondern allerorten zu beobachten. Viele Dinge laufen richtig gut, aber einige Menschen sehen das anders. Ich habe das Gefühl, das Verhältnis zwischen eigenem Engagement und Lust an Kritik ist nicht mehr in der Waage.

Vor welchen Herausforderungen steht die Stadtgesellschaft in den nächsten Jahren?

Die größte Herausforderung wird die Integration sein, aus der Vielfalt der Nationen und Religionen eine Gesellschaft zu formen, die sagt: Wir sind Gladbeck. Und die sich dann darauf verständigen, wie man miteinander umgeht und welche Regeln gelten und eingehalten werden. Regeln schärfen das Bewusstsein einer Gesellschaft, das dürfte im übrigen in allen Kulturkreisen so sein. Eine weitere Herausforderung wird es sein, im Rat handlungsfähig zu bleiben. Das dürfte bei einer weiteren Zersplitterung des Rates mit Kleinstparteien – heute haben wir schon elf – immer schwerer werden. Es wird ständig komplizierter, Mehrheiten zu finden. Das stärkt die Demokratie nicht. Wir dürfen sie nicht überfordern.

Wie lange werden Sie die Stadtpolitik noch als Bürgermeister begleiten?

Ich mache das gern, kenne aber auch mein Lebensalter. Der Entscheidungsprozess über diese Fragestellung läuft.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben