COURAGE

Gladbecker Bündnis für Courage seit zehn Jahren gegen Rechts

Der 61-jährige Roger Kreft ist beim Bündnis für Courage Gladbeck ein Mann der ersten Stunde.

Der 61-jährige Roger Kreft ist beim Bündnis für Courage Gladbeck ein Mann der ersten Stunde.

Foto: Lutz von Staegmann

GLADBECK:   Roger Kreft blickt als Sprecher des Gladbecker Bündnisses für Courageauf die Anfänge der Gruppe gegen Rechts zurück und blickt in die Zukunft.

Sie arbeiten viel im Stillen, organisieren Projekte gegen Rechts, planen Veranstaltungen und arbeiten mit der Jugend zusammen. Aber wenn die Mitstreiter des Bündnisses für Courage in die Öffentlichkeit treten, lassen ihre Aktionen aufhorchen – und das seit mittlerweile zehn Jahren. Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz mit herausragenden Gastbeiträgen, Stolperstein-Verlegung und Erinnerungsstätte für Euthanasieopfer unter den Nationalsozialisten, dies sind einige Verdienste des Bündnisses, die es sich in einem Jahrzehnt erworben hat.

„Wir planen keine Feier zu unserem runden Geburtstag“, sagt Courage-Sprecher Roger Kreft. Für die WAZ lässt der 61-Jährige die Entwicklung dieser Gruppe, die sich das Engagement für Toleranz und den Kampf gegen Rechts auf die Fahne geschrieben hat, Revue passieren. Kreft zieht eine Bilanz der vergangenen Jahre und blickt in die Zukunft. Um das Fazit vorweg zu nehmen: „Die zehn Jahre waren sehr intensiv und erfolgreich!“

Aus welcher Situation heraus ist das Bündnis für Courage entstanden?

Das Bündnis wurde im Juli 2007 gegründet. Anlass waren die Ereignisse in Gladbeck, als Nazi-Strukturen sich bemerkbar machten: Es wurden unter anderem Flyer mit rechtsextremen Inhalt verteilt, Graffiti gesprüht, entsprechende Aufkleber an Laternenpfosten geklebt. Die Freien Nationalisten waren von 2007 bis 2009 sehr aktiv. Als 150 Neonazis am 5. Juli 2008 vor dem Rathaus aufzogen, konnte das Bündnis mehr als 1000 Gegendemonstranten mobilisieren.

Sie sind ein Mann der ersten Stunde, wer engagierte sich in der Anfangszeit beim Bündnis für Courage?

Beim ersten Treffen gehörten zum Beispiel auch Gewerkschafter und Pfarrerin Reile Hildebrandt-Junge-Wentrup zur Kerngruppe. Auch Vertreter der Parteien waren dabei, gerade als wir gegen die Nazis aktiv wurden. Am Anfang waren wir 15 bis 30 Leute.

Und wie sieht’s aktuell aus?

Wir sind ein lockerer Zusammenschluss von Menschen und haben keinen Vorsitzenden. Zu unseren Treffen kommt ein Stamm von zehn bis 15 Leuten: Da gibt’s die Pastorin ebenso wie den Studienrat, den Ingenieur oder Juristen. Die Parteien – egal welcher Couleur – sind sporadisch vertreten. Aber sie erhalten ebenso unsere Einladungen wie beispielsweise auch die Kirchengemeinden. Bundesweit führt das Bündnis mehr als 300 E-Mail-Adressen. Ich bin froh, dass auch wieder Jugendliche ab 16 Jahren dabei sind, bei dieser Altersgruppe hatten wir mal eine Durststrecke.

Das heißt, die Bündnis-Arbeit, also der Kampf gegen Rechtsextremismus, ist längst noch nicht getan . . .

Das stimmt. Wir müssen auf die Straße gehen und über die AfD aufklären. Die Ergebnisse dieser Partei waren bei der jüngsten Wahl erschreckend, auch in Gladbeck. Ich bin darüber geschockt: Wo sind die Reaktionen auf diese Entwicklung? Gerade arbeite ich an einer Analyse der Wahl. Ich bin froh, dass auch Jugendliche gegen die AfD dabei sind. Wir haben nicht nur in Gladbeck, sondern auch in anderen Städten demonstriert.

Sie können also nicht sagen, dass unter jungen Leuten ein Desinteresse am politischen Geschehen besteht?

Nein, ich kann nicht bestätigen, dass Jugendliche politikverdrossen sind. Ich bleibe dabei: Wir haben interessierte und aufgeweckte junge Leute. Das sieht man auch bei der Stolpersteinaktion, in die ja Schulen eingebunden sind. Man muss Jugendlichen nur etwas zutrauen.

Doch nicht nur die Akzeptanz der AfD hierzulande treibt Sie um . . .

Wir müssen gucken: Was tut sich in Europa. Da gibt’s einen Rechtsruck in Ungarn, Holland, Frankreich und anderswo – überall brodelt es.

Welches Projekt hat Courage als nächstes ins Auge gefasst?

Wir würden zukünftig gerne einmal jährlich an die Euthanasieopfer erinnern. Darüber wollen wir schnellstens Gespräche mit der Stadtverwaltung führen.

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