Buntes Gladbeck

Aytekin Merdivan (51) fühlt sich in Gladbeck zu Hause

Aytekin und Nurcihan Merdivan, hier in ihrem Geschäft an der Rentforter Straße, fühlen sich in Gladbeck zu Hause. Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Aytekin und Nurcihan Merdivan, hier in ihrem Geschäft an der Rentforter Straße, fühlen sich in Gladbeck zu Hause. Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Foto: Olaf Fuhrmann / Funke Foto Services GmbH

Gladbeck.  Aytekin Merdivan kam als Elfjähriger aus der Türkei nach Deutschland. In seinem eigenen Geschäft in Gladbeck bestickt und bedruckt er Textilien.

An seine Ankunft in Gladbeck erinnert sich Aytekin Merdivan noch gut, obwohl sie schon 40 Jahre zurückliegt. „Ich fühlte mich wie in einer anderen Welt“, sagt der 51-Jährige. Spannend sei es gewesen, all das Neue kennenzulernen, und schön, wieder bei seinen Eltern und Geschwistern zu sein.

„Meine Großeltern in der Türkei wollten mich nicht gehen lassen“

Aytekin Merdivan stammt aus einem Dorf in der Provinz Zonguldak an der türkischen Schwarzmeerküste. Als er drei oder vier Jahre alt war, beschloss sein Vater, seine Schneiderwerkstatt aufzugeben und sein Glück in Deutschland zu suchen. Seine Frau und die drei Söhne ließ er zurück. Er wollte ja nicht lange in dem fremden Land bleiben. In Hamburg heuerte Salih Merdivan als Seemann an, zwei Jahre später fand er Arbeit in einer Näherei in Gelsenkirchen und holte seine Familie nach – bis auf Aytekin. „Meine Großeltern wollten mich nicht gehen lassen.“ Erst als seine Oma starb, machte auch er sich auf den Weg nach Deutschland, nach Gladbeck zu seiner Familie. Seinen jüngsten Bruder, der in Deutschland geboren wurde, sah er zum ersten Mal.

Der damals Elfjährige kannte kein deutsches Wort. Aber: „In der Hauptschule Mitte-Ost habe ich die Sprache schnell gelernt.“ Und dann war da noch die deutsche Nachbarschaft, die es dem Jungen leicht machte, sich an alles Neue zu gewöhnen: „Ich bin hier freundlich und liebevoll aufgenommen worden, bin mit dem Nachbarkindern aufgewachsen, habe mich von Anfang an willkommen gefühlt und mich schnell integriert.“

Vater Salih Merdivan eröffnete eine Änderungsschneiderei in Gladbeck

Nach einer Ausbildung bei der damals noch Deutschen Bundesbahn und ein paar Jahren Arbeit im Güterbahnhof Duisburg wechselte Aytekin Merdivan in den väterlichen Betrieb. Salih Merdivan, den in Gladbeck alle Charly nennen, hatte 1982 eine Änderungsschneiderei an der Friedenstraße eröffnet, war ein paar Jahre später damit zur Rentforter Straße umgezogen. Als zweites Standbein eröffneten Vater und Sohn gemeinsam eine Boutique, die aber nicht allzu lange Bestand hatte.

Aytekin Merdivan und seine Frau Nurcihan kennen sich schon seit ihrer Kindheit

Aytekin Merdivan hatte zwischenzeitlich in der Türkei geheiratet. Seine Nurcihan kannte er schon seit der Kindheit. Sie wohnten im selben Dorf. „Mein Großvater hatte sie schon früh für mich ausgesucht“, sagt der 51-Jährige – und lächelt seine Frau an. Die beiden haben zwei erwachsene Töchter, Yasemin und Yesim, und sind inzwischen auch zweifache Großeltern.

2001 übernahmen Aytekin und seine Frau den väterlichen Betrieb. Sie trennten sich von der Änderungsschneiderei, besticken und bedrucken stattdessen Textilien, in erster Linie Berufsbekleidung – ein Geschäft, das über Jahre florierte. „Wir hatten Großaufträge von namhaften Unternehmen und vielen Sportvereinen. Eine unserer Töchter und eine Schwägerin waren mit im Geschäft, und wir haben sogar noch eine Aushilfskraft beschäftigt“, erinnert sich Aytekin Merdivan ein bisschen wehmütig an die besten Jahre zwischen 2005 und 2010, als er teure Strickmaschinen und Transferpressen anschaffen konnte und musste. http://funke-cms.abendblatt.de:8080/webservice/thumbnail/article/216462993

Die werden seit ein paar Jahren deutlich weniger benutzt. Großaufträge gibt es nur noch selten. Die Konkurrenz im Internet ist zu groß. Heute kommen eher Privatleute, viele Stammkunden, die Babystrampler oder T-Shirts für besondere Anlässe bedrucken oder besticken lassen wollen. Das Ehepaar braucht keine Mitarbeiter mehr, hat die Öffnungszeiten des Geschäfts reduziert. Unterkriegen lassen sich Aytekin und Nurcihan Merdivan trotzdem nicht. „Wenn es nicht mehr reicht, müssen wir eben etwas anderes dazu nehmen. Uns fällt schon was ein.“

Nach Möglichkeit besuchen sie einmal im Jahr Verwandte in der Türkei. Und dort bekommen für die beiden auch kulturelle und religiöse Bräuche wie der Fastenmonat Ramadan oder das Opferfest wieder mehr Bedeutung als in ihrer neuen Heimat. Ob er sich eher als Türke oder als Deutscher fühlt, kann Aytekin Merdivan nicht eindeutig beantworten. „Ich bin gespalten, auch deshalb, weil ich in Deutschland immer noch von vielen als Ausländer gesehen werde und in der Türkei als Deutsch-Türke.“ Klar aber ist für beide, wo sie sich heimisch fühlen: „Wir sind hier verwurzelt. Wir haben Kinder, Enkel, Freunde und Arbeit in Gladbeck. Hier sind wir zu Hause.“

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