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Der Gladbecker Loren-Atlas - Grubenwagen sind Erinnerungen

Gladbeck.   Der Loren-Atlas zeigt, wo noch Kohlenwagen in der Stadt stehen. Viele verbinden mit den Loren besondere Erinnerungen – nicht nur an den Bergbau.

Auch wenn Kohle im Ruhrgebiet offiziell ab Jahresende nicht mehr gefördert wird, und mit Prosper Haniel in Bottrop die letzte Zeche schließt – der Bergbau hinterlässt Spuren in der Region. An vielen Stellen in Gladbeck sind diese in Form von Kohlenwagen sichtbar. Die Wagen dienten unter Tage als Transportmittel für Kohle. Ihre finale Fahrt haben einige dieser Loren in Vorgärten, Kleingartenanlagen oder vor Seniorenheime angetreten.

Denn oftmals sind die Grubenwagen auch Erinnerungen. Nicht nur an die Bergbau-Ära – sondern auch etwa an den verstorbenen Vater, Mann oder Freund, der unter Tage malochte. So auch für WAZ-Leser Hans Orzepowski, Brigitte Kafka oder Joachim Praetsch. Sie sind drei von vielen Gladbeckern, die sich auf unseren Aufruf gemeldet haben, uns Standorte von Loren in der Stadt zu nennen. Sie haben mit uns ihre Erinnerungen geteilt. Denn manche Menschen in der Region verbinden mit den Kohlewagen ein Stück Familiengeschichte.

Aber nicht nur in privaten Gärten, sondern auch an öffentlichen Orten wie etwa dem Festplatz oder am Bürgerhaus Ost stehen die Grubenwagen. In unserem Loren-Atlas wollen wir einen Überblick über die einzelnen Standorte geben – und die Geschichten dazu erzählen.

Lore ist eine Erinnerung an den Vater

Hans Orzepowski war Bergmann, 17 Jahre auf Mathias Stinnes. Mit dem Zechensterben hörte er auf, wurde Hausmeister an der Anne-Frank-Realschule – drei Monate vor Schließung von Mathias Stinnes. Der Bergbau, der hat ihn jedoch sein Leben lang begleitet. Bis heute steht vor seinem Haus eine Lore, im Wintergarten hängen alte Grubenlampen und Meterlatten – und natürlich steht dort auch eine Figur der heiligen Barbara.

Die Stücke hält der 77-Jährige in Ehren – sie sind nicht nur Erinnerungen an die Bergbau-Ära, sondern auch an seinen Vater. „Jedes Jahr habe ich ihm zum Geburtstag oder zu Weihnachten eines der Stücke geschenkt“, sagt Orzepowski. Ein enges Verhältnis hatte der Gladbecker zu seinem Vater, der 1992 starb. Seit 1967 ziert den Vorgarten des Elternhauses in Brauck, in dem Hans Orzepowski heute lebt, ein Grubenwagen. „Mein Vater hatte ihn in einem Graben entdeckt und den Besitzer gefragt, ob er ihn haben dürfte.“

Durfte er. Und so befreite er ihn von Dreck und Rost und strich ihn an. Einen Bergmann malte er auf. „Die Lore hat noch innenliegende Griffe. Das heißt, dass sie etwa von 1930 ist.“ In der Lore liegen heute schwarze Brocken: schwarz angemalte Steine, keine Kohle. „Die wäre verwittert und zusammengefallen. Und von weitem fällt der Unterschied ja auch gar nicht auf“, so Orzepowski.

Verstorbener Mann besorgte den Kohlenwagen

Wenn Brigitte Kafka nach Hause kommt, ist das erste, was sie sieht, die Lore vor ihrem Haus an der Gartenstraße. Ihr Mann, zuletzt Betriebsführer auf Hugo, hatte sie besorgt. In den 80er Jahren muss das gewesen sein, schätzt die 78-Jährige. „Auf jeden Fall hat mein Mann noch gearbeitet.“ 53 Jahre war Brigitte Kafka mit ihrem Peter verheiratet, vor zweieinhalb Jahren starb er. „Die Lore ist auch eine Erinnerung an meinen Mann.“ Alles was mit dem Bergbau zusammenhing, hatte er geliebt. Eine schmiedeeiserne Heilige Barbara hatte Peter Kafka zu seinem Abschied geschenkt bekommen, sie hängt noch immer auf der Terrasse. „Gut, dass mein Mann das Bergbau-Aus nicht mehr miterlebt. Er hätte sehr darunter gelitten.“

Lange ein Auge auf eine Lore geworfen

So lange hatte Joachim Praetsch schon ein Auge auf die Lore im Garten seines Kumpels geworfen. Aber: „Er wollte sie einfach nicht abgeben“, sagt der 59-Jährige, der selbst als Bergmann auf Nordstern, Consol oder Unser Fritz malochte und seit neun Jahren im Vorruhestand ist. „Beim Abschied hatte ich schon Tränen in den Augen“, erinnert er sich.

Schließlich konnte sich sein Kumpel doch noch überwinden und überließ Praetsch den alten Kohlenwagen, der einst auf Zeche Hugo eingesetzt war. „Das war eine große Freundschaftsgeste.“ Gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Tochter Julia (Bild) brachte er den Wagen von der Almastraße bis zur Vehrenbergstraße. „Das war ein Kampf, wir haben so geschwitzt.“ Heute ist die Lore nicht nur eine Erinnerung an die Bergbau-Zeit, sondern auch an Joachim Praetschs Kumpel. Er ist inzwischen gestorben.

Zwei Loren im Kleingarten aufgebaut

Gleich zwei Loren hat Gerhard Verleger in der Kleingartenanlage „Am Nattbach“ aufgestellt. Viele Jahre hatte er dort einen Garten, sein Sohn noch heute. „Achtzig Prozent Bergleute gibt es sicher hier, Loren gehören zum Ruhrgebiet nun mal dazu, und daher sollten auch hier welche stehen“, sagt Verleger, der selbst im Lebensmittelgeschäft tätig war.

Also besorgte der 79-Jährige zwei Loren über private Kontakte. Mit Hängern schafften die Hobbygärtner sie her. Am Eingang zur Anlage steht seitdem einer der 1-Tonnen-Wagen, der andere auf dem Hauptweg, gleich hinter dem Vereinsheim. Diesen schmückt eine Figur der Schutzpatronin der Bergleute: die Heilige Barbara. „Die stammt von einem inzwischen verstorbenen Gartenkumpel“, erzählt Gerhard Verleger, der die Figur gut am Wagen befestigte. „So kann sie niemand stehlen.“ Bunte Blumen wachsen in dem Wagen, der auf echten Schienen steht. Die Kleingärtner bepflanzen und pflegen die beiden Förderwagen. Bei einer der Loren flexten sie 20 Zentimeter des Randes ab, um die Bepflanzung sichtbar zu machen, die sonst im Wagen verschwunden wäre.

Eine Lore für eine ganze Hausgemeinschaft

Dieses Loren-Bild hat uns WAZ-Leserin Susanne Brüning geschickt. Auf dem Hof ihres Wohnhauses befindet sich auch das Gelände der Garten- und Landschaftsbau-Firma Gibas. „Das Foto zeigt die Lore, die der Firmeninhaber vor etwa 15 Jahren gerettet hat. Sie stand damals in Brauck vor einem Haus und sollte entsorgt werden“, schreibt Brüning der Redaktion.

Seitdem ist die Lore auch Heimat für einen Schalke-Maulwurf und einen ebenso blau-weißen Zwerg der Hausgemeinschaft. „Wir mögen unsere Lore und sind stolz auf die Bergbau-Vergangenheit der Stadt Gladbeck“, so Brüning.

„Glück auf Bürgerhaus Gladbeck Ost“

Die gelbe Schrift auf der Lore am Bürgerhaus Ost leuchtet noch immer: „Glück auf Bürgerhaus Gladbeck Ost“. Obwohl der Kohlenwagen von Gestrüpp umwachsen ist und Efeu an der schwarzen Lore empor rankt. Henri Zoetbrood, ehemaliger Hausmeister am Bürgerhaus Ost, hat den Schriftzug vor etwa zehn Jahren aufgemalt.

Der heute 81-Jährige war früher selbst im Bergbau tätig, unter anderem auf Fürst Leopold in Dorsten und auf Scholven. Den Wagen hatte ihm ein Knappschaftsältester der Zeche Hugo gebracht, noch bevor das Bergwerk schloss.

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