Ausstellung

Als in Gladbeck noch Kumpel Kohle ans Tageslicht holten...

Pflegedienstleiterin Manuela Wienert, Organisator Walter Hüßhoff vom Bergmanns- und Geschichtsverein Zeche Graf Moltke 1/4 und Caritas-Mitarbeiterin Gabriele Holtkamp-Buchholz (v.l.) stellten die Foto-Ausstellung „100 Jahre Leben und Arbeiten in Gladbeck" im Johannes-van-Acken-Haus vor.

Pflegedienstleiterin Manuela Wienert, Organisator Walter Hüßhoff vom Bergmanns- und Geschichtsverein Zeche Graf Moltke 1/4 und Caritas-Mitarbeiterin Gabriele Holtkamp-Buchholz (v.l.) stellten die Foto-Ausstellung „100 Jahre Leben und Arbeiten in Gladbeck" im Johannes-van-Acken-Haus vor.

Foto: Lutz von Staegmann / FUNKE Foto Services

Gladbeck.  Eine Ausstellung im Johannes-van-Acken-Haus beleuchtet „Leben und Arbeiten“ in Gladbecks Vergangenheit. Gut 60 Foto erzählen Lokalhistorie.

„100 Jahre Leben und Arbeiten in Gladbeck“, erzählt in gut 60 Schwarz-Weiß-Fotografien – und zwar mit Licht- und Schattenseiten. Auf den Spuren der Vergangenheit können Besucher des Johannes-van-Acken-Hauses demnächst bis zum 31. Dezember im Johannes-van-Acken-Haus wandeln.

Der Bergmanns- und Geschichtsverein Zeche Graf Moltke 1/4 trägt mit dieser Schau zum Jubiläumsprogramm Gladbecks bei. Walter Hüßhoff hat die Exponate ausgewählt. Der Vereinsgründer erzählt: „Zum Teil stammen die Bilder aus dem Stadtarchiv. Ein Teil kommt aus meinem Privatbesitz.“

Dem 70-Jährigen ist es wieder gelungen – nach einer Foto-Ausstellung im Johannes-Rau-Haus – in dem Caritas-Haus unbekanntes Material zu präsentieren. Klar, dass in einer Ruhrgebietsstadt wie Gladbeck der Bergbau die zentrale Rolle spielte. Hüßhoff war selbst Bergmann, Schlosser auf der hiesigen Anlage Graf Moltke und nach deren Schließung in Buer „auf Hugo“. Er möchte mit Vorurteilen aufräumen, die die Hochphase des „schwarzen Goldes“ glorifizieren: „Ich habe als Kind noch gehungert.“ Und die vielbeschworene Solidarität? Schlichtweg ein Muss, um unter und über Tage zu überleben.

Grubenpferde, die niemals das Tageslicht erblickten; Vereinsleben; abgekämpfte Männer in drangvoller Enge im Bauch der Erde – weiße Zähne blitzen in rußgeschwärzten Gesichtern; das Ende des Bergbaus; Verteilung von Care-Paketen, die Arbeit bei Rockwool: Hüßhoff dokumentiert viele Seiten, blendet Negatives nicht aus.

Das älteste Bild in der Ausstellung wurde im Jahre 1884 aufgenommen

Das älteste Bild wurde anno 1884 geschossen. Kumpel posierten für den Fotografen. Ausgemergelte Gestalten in zerschlissener Kleidung, an den Füßen Holzschuhe. „Es gab ja kein Leder“, so Hüßhoff. Die Jüngsten in der großen Gruppe mögen vielleicht „zwölf, 13, 14 Jahre alt sein“. Der Gladbecker weiß: „Gebadet wurde in einem zehn mal acht Meter großen, überdachten Becken.“

Hygiene war in der Vergangenheit ein großes Problem

Das Wasser sei nicht regelmäßig gewechselt worden: „Die Männer hatten Parasiten am ganzen Körper. Das Bergarbeiterleben war nicht glorreich.“ Das Hallenbad-Bild, auf dem Männer – noch auf dem Trockenen – Gymnastik am Beckenrand betreiben, entstand erst im Jahr 1928.

Der Blick in die gute Stube einer Familie lässt erahnen, dass die meisten nicht auf Rosen gebettet waren: Drei, vielleicht sogar vier Generationen drängen sich um einen Tisch und rupfen gemeinschaftlich ein Huhn. Die Feder wurden sorgsam gesammelt – für ein Kopfkissen. Antonia Gemein, Sprecherin des Caritasverbandes Gladbeck: „Nachhaltigkeit war also schon damals ein Thema.“

Frauen mussten im Ersten Weltkrieg die Männer über Tage ersetzen

Bemerkenswert findet Gabriele Holtkamp-Buchholz, die für die Netzwerkarbeit im Verband zuständig ist, die Aufnahme von Frauen, die um 1916 als Bergarbeiterinnen über Tage auf Möller im Einsatz waren. „Sie mussten die Männer ersetzen, die Soldaten im ersten Weltkrieg waren“, erläutert Hüßhoff.

Wahrscheinlich werden bei einigen Betrachtern Erinnerungen hochkommen. Manuela Wienert stammt selbst aus einer Bergarbeiterfamilie: Vater, Opa, Schwager, mehrere Onkel, ein Sohn hat auf Prosper gelernt. Die Pflegedienstleiterin im Johannes-van-Acken-Haus freut sich, dass die Ausstellung ausgerechnet in der Caritas-Einrichtung gezeigt wird: Schließlich leben einige ehemalige Bergmänner unter diesem Dach. Und erlebte Geschichte bedeutet ja auch ein Stück Heimat...

Walter Hüßhoff plant schon eine weitere Foto-Ausstellung. Sie soll im Jahr 1945 ansetzen und im kommenden Jahr zu sehen sein. Die aktuelle Präsentation im Johannes-van-Acken-Haus, Rentforter Straße 30, wird am Sonntag, 27. Oktober, um 11 Uhr eröffnet.

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