100(0) Jahre Gladbeck (7)

1873: Das Abenteuer Kohle beginnt in Gladbeck

Die Kumpel der Schachtanlage Moltke 1/2, Revier 3a, stellen sich 1903 stolz zum Gruppenfoto auf.

Die Kumpel der Schachtanlage Moltke 1/2, Revier 3a, stellen sich 1903 stolz zum Gruppenfoto auf.

Foto: Archiv Heinrich Körner

Gladbeck.  Das „Schwarze Gold“ veränderte in kürzester Zeit das Leben im verschlafenen Dorf Gladbeck. Schlag auf Schlag entstanden vier weitere Pütts.

Gladbeck war noch ein verschlafenes Nest, als die „Gründerzeit“ Einzug hielt: Am 3. Oktober 1873 begannen die Abteufarbeiten für das Bergwerk „Rieckchen“ draußen vor den Toren des Dorfes. Es war der Start in eine neue Epoche. Die Gladbecker feierten das Ereignis – ohne zu ahnen, was auf sie und ihr dörfliches Leben zukommen würde.

Erste Probebohrungen wagten mutige Unternehmer in der Region noch während des deutsch-französischen Krieges 1870/71. In Gladbeck kurz danach: Im November 1871 stieß der erste bei einer Bohrung 350 Meter nordwestlich der Dorfkirche (Ecke Postallee/Mittelstraße) in 338,72 Meter Teufe auf einen Steinkohlenflöz. Es dauerte aber noch einmal zwei Jahre, bis der erste Spatenstich für Gladbecks erstes Bergwerk erfolgte – durch einen Bergmann namens Lindemann.

800 Meter südlich der Dorfkirche wurde der erste Pütt errichtet

Als Standort des Pütts, zu seiner Zeit der nördlichste des Ruhrgebietes, hatte die Bergwerksgesellschaft das Gelände des Bauern Schulte-Rentrop in Butendorf ausgeguckt, dem sie 25 Morgen für 75 000 Mark abkaufte: Der genaue Schachtansatzpunkt lag 800 Meter südlich der Dorfkirche und 200 Meter westlich des an der Landstraße gelegenen Bauernhofes. Der nahe gelegene Wittringer Mühlenbach erlaubte eine leichte Ableitung der Abwässer, die Landstraße eine An- und Abfuhr der Materialien (die Horster Straße gab es noch nicht).

Rund 80 Männer umfasste die Belegschaft in den Jahren der Abteufarbeiten. Die länger dauerten als gedacht – wegen der in großer Tiefe liegenden Kohle, wegen Wassereinbruchs und wegen zwischenzeitlichen Kapitalmangels. Erst im Januar 1876 erreichten die Pioniere die Kohleschicht. Am 22. Oktober 1877 erblickte die erste Kohle des Bergwerks Rieckchen (ab 1879 „Graf Moltke“) das Gladbecker Licht. Die Bevölkerung jubelte: Der Zwiebelturm von St. Lamberti war beflaggt, Böllerschüsse krachten.

Bevor die Eisenbahn kam, wurden die Kohlen per Pferdefuhrwerk abtransportiert

Schon zur Förderaufnahme waren Tagesanlagen auf dem Feld entstanden: ein Kesselhaus, ein Malakowturm, Fördermaschine, Kaue und Verwaltungsgebäude. So veränderte sich in Gladbeck auch rein optisch das Leben. 1879 erhielt der Pütt den herbeigesehnten Eisenbahnanschluss. Bis dahin hatte der Fuhrunternehmer Bischoff den Abtransport mit Pferdefuhrwerken erledigt. Mit dem Eisenbahnanschluss wuchs die Förderung rapide: Schon 1881 wurde die Grenze von 100.000 Tonnen überschritten.

1884 entschloss sich der Grubenvorstand, einen zweiten Schacht abzuteufen, der vier Jahre später die Förderung aufnahm. Arbeiter aus ganz Europa kamen zu der Zeit auch nach Gladbeck. 1889 kam eine Kokerei mit 50 Öfen dazu. Zu diesem Zeitpunkt waren 1326 Kumpel auf der Zeche angelegt. Rechnet man Frauen und Kinder dazu, war in jenem Jahr bereits Gladbecks Urbevölkerung (2776 im Jahr vor dem ersten Abteufen) in der Minderheit.

Um 1900 zählte „Graf Moltke“ zu den modernsten Zechen im Ruhrgebiet

Zur Jahrhundertwende zählte die Zeche Graf Moltke, die knapp 25 Jahre der einzige Pütt in Gladbeck war und die noch ländliche Idylle maßgeblich beeinflusste, zu den modernsten Bergwerken und entwickelte neue Pläne: Ganz in der Nähe sollte ein zweites Bergwerk als Großschachtanlage und Verbundzeche entstehen: Moltke 3/4. Im Mai 1900 begann auf der Schwelle zwischen Butendorf und Brauck – etwa 1,5 Kilometer südwestlich vom alten Pütt – das Abteufen des dritten Moltke-Schachtes. Am 1. April 1902 begann die Förderung, die Zeche lange als Musterbergwerk. Mehr und mehr wurde die gesamte Moltke-Förderung dorthin verlagert. Schon im Juni 1902 begann man nur 47 Meter von Schacht 3 entfernt mit dem Abteufen von Schacht 4. 1904 kam eine Kokerei mit 80 Öfen dazu. 1906 wurden über 1,1 Mio t Kohle gefördert. Die Belegschaft (mit 1/2) hatte die 3000er Marke überschritten.

Es ging Schlag auf Schlag: Im August 1900 begannen in Rentfort auch die Abteufarbeiten der Möllerschächte durch den Unternehmer August Thyssen, schon 1901 nahm die Zeche den Betrieb auf. Thyssen verkauft das Bergwerk (das mit den Rheinbaben-Schächten eine Doppelschachtanlage bildete) schnell an den preußischen Staat. Verwaltet wurde sie fortan von der Königlichen Preußischen Berginspektion 2, die ihre Sitz am Bernskamp (heute Musikschule) hatte. Von Anfang an lief das Bergwerk gut: 1913 waren 7137 Männer auf den beiden Zechen angelegt, sie förderten über 1,8 Mio t Kohle.

1902 erweckte Stinnes 3/4 das Leben in Brauck, 1908 „Potsdam“ das in Zweckel

1902 wagte sich die Unternehmerfamilie Stinnes aus Essen auf das unwirtliche, sumpfige Terrain in Brauck, durch das nur einige wenige Furten verliefen: Das Abteufen der Zeche Mathias Stinnes 3/4 veränderte nachhaltig das Leben in dem spärlich besiedelten Teil des Kirchspiels Gladbeck. Die Braucker Schächte wurden als Doppelschachtanlage gebaut und untertägig mit Karnap (Stinnes 1/2) verbunden. 1905 wurde von gut 400 Kumpeln die erste Kohle in Brauck gehoben. 1910 kam eine Kokerei mit 65 Öfen dazu. Mehr als 1400 Bergleute förderten da schon mehr als 500 000 Tonnen.

Auch im grünen und gänzlich ländlichen Zweckel wurden die Bergbaupioniere fündig: 1908 begann das Abteufen der Zeche Zweckel, die zunächst „Potsdam“ hieß, auf einem Feld des Hofes Mertmann, nur wenige Wochen später folgte das Niederbringen von Schach 2. Für 1911 ist die erste Förderung registriert. 1912 holten 448 Kumpel bereits 21 571 t Kohle aus der Grube, die von Anfang an eine Staatszeche war und unter Leitung der „Berginspektion 5“ mit dem repräsentativen Verwaltungsgebäude an der Feldhauser Straße stand. 1921 machten 2327 Kumpel 364 000 Tonnen Kohle.

Innerhalb kürzester Zeit war aus dem kleinen Dorf eine florierende Industrieregion geworden, die enorme Anforderung an die Gemeinde und ihre Menschen stellte und die ländliche Idylle nachhaltig veränderte.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben