Kirche und Arbeit

Von Hugo bis ZF: Sozialpfarrer Heisig bezieht klar Position

Aus- und aufräumen ist angesagt: Dieter Heisig, 34 Jahre lang Industrie- und Sozialpfarrer in Gelsenkirchen, verabschiedet sich in diesen Tagen in den Ruhestand.

Aus- und aufräumen ist angesagt: Dieter Heisig, 34 Jahre lang Industrie- und Sozialpfarrer in Gelsenkirchen, verabschiedet sich in diesen Tagen in den Ruhestand.

Foto: Heinrich Jung / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  34 Jahre lang war Dieter Heisig der Industrie- und Sozialpfarrer im evangelischen Kirchenkreis. Nun geht er in den Ruhestand – und zieht Bilanz.

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Als die Botschaft die Runde erst in der Belegschaft und umgehend in der Stadt machte, dass der Werksstandort des Automobilzulieferers ZF in Schalke-Nord geschlossen werden soll, war er im Mai 2018 einer der ersten, die Solidarität und Anteilnahme zeigten, die das Gespräch vor Ort suchten, Position bezogen. Dieter Heisig sprach am Werkstor zu den Beschäftigten, machte Mut, fand auch deutliche Worte der Kritik am Kurs des Konzerns, der damals noch den Standort zu schließen gedachte. Heisig ist Pfarrer. 34. Jahre lang stand er für das ISPA, für das Industrie- und Sozialpfarramt im Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen-Wattenscheid. Jetzt verbringt er seine letzten Tage im Amt. Offiziell verabschiedet wurde er schon. Aktuell räumt Heisig sein Büro im Haus der Kirche aus, sichtet, sortiert. Dann ist Schluss. Zeit für den Ruhestand. „65 Jahre und acht Monate stehen dann für mich auf der Liste.“

Kämpfe gegen Arbeitsplatzabbau und Jobverlust in Gelsenkirchen

Der Auftritt am ZF-Werkstor war somit auch ein Teil seines Jobs. Aber auch Herzenssache, reiht sich ein in die lange Reihe der Kämpfe gegen Arbeitsplatzabbau und Jobverlust. Eintreten für Menschen, denen nicht nur ihr Werk, ihre Stelle, sondern auch die Existenz und der Glauben an Gerechtigkeit und Zukunft verloren gingen, ist Teil seiner Passion und seines Selbstverständnisses als Pfarrer. Besondere Gottesdienste inklusive: „Ein paar Paletten mit einem Gabelstapler aufeinander geschichtet, und schon habe ich meine Kanzel“, sagt Heisig, der oft an ungewöhnlichen Orten gepredigt hat. In diesem Fall auf der blockierten Berliner Brücke beim Widerstand der Belegschaft von Thyssen Draht.

Massenentlassungen am Schalker Verein

Heisigs seelsorgerische und gesellschaftliche Tätigkeit ist letztlich eine Folge des Strukturwandels, der diese Region so massiv durchgeschüttelt hat wie keine andere. Sie prägen auch die Erinnerungen des Pfarrers: Die Massenentlassungen am Schalker Verein, später die drohende und dann viel später vollzogene Schließung des Vaillant-Werks in Erle, der Protest vor Küppersbusch an einem Heiligmorgen, die Nächte der Mahnwachen 2016 vor dem Wellpappe-Standort. Die Demos gegen Zechenschließungen, die lange und letztlich vergebliche 33 Tage währende Kirchenbesetzung der Hugo-Kumpel 1997 und schließlich die Kundgebung vor der Apostelkirche mit mehr als 4000 Menschen. So mittendrin, meint Heisig im Rückblick, müsse Kirche eigentlich immer sein. „Sie war zum Treffpunkt geworden“.

Heisig war stets an der Seite der Protestierenden, oft in engem Kontakt mit Betriebsräten. Klar, erinnert er sich, habe er da schon mal gehört, „,wat will denn der Pope hier’“, sagt Heisig, aber das war eher die Ausnahme. Sein Credo: „Wir müssen den Hintern hochkriegen und auf die Leute zugehen. Das war für mich immer die Normalsituation. Die Erwartungen“, die mit seinem Einmischen verbunden waren, seien oft ganz „unterschiedlich gewesen. Das reichte von der kurzen Begleitung über intensive Gespräche bis zur Rede, die ich halten sollte.“

Ein paar Euro-Paletten werden zur Kanzel

Dass vieles vergeblich war, dass am Ende oft doch nur das Firmen-Aus blieb, bewegt ihn, trifft ihn aber nicht in seinem Grundverständnis als Seelsorger: „Das hat viel mit meinem Glauben zu tun“, sagt der Pfarrer. „Ich habe keine Betriebsschließung verhindern können, aber ich vertraue darauf, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich zur Wehr setzen. Und ich vertraue darauf, dass ich immer wieder ein Stück weit Hilfe leisten kann.“ Für die Kirche und ihn sei es „wichtig, nah bei den Menschen zu sein. Ans Aufgeben habe ich nie gedacht. Im Gegenteil. Man bekommt auch sehr viel von den Leuten zurück.“

In Münster ist Dieter Heisig geboren und groß geworden, in Münster, Marburg und Heidelberg hat er studiert, Theologie natürlich, aber auch Soziologie. „Es zeichnete sich früh ab, in welches Segment mein Interesse geht“, sagt Heisig, für den Jesus’-Sabbatspruch in abgewandelter Form als Leitspruch gilt: „Die Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Wirtschaft.“ Doch leider stehe der einzelne Mensch oft „vor der großen Ökonomie und weiß einfach nicht weiter“.

Etliche Initiativen mit angestoßen

„Links verortet“ fühlt sich Heisig. „Ich mache parteiliche Arbeit, aber nicht im Sinne von parteipolitisch. Mein Anspruch ist stets, auf der Seite der Schwächeren zu stehen.“ Das Industrie- und Sozialpfarramt, einst im Ruhrgebiet in etlichen Kirchenkreisen etabliert, versteht Heisig „ein Stück weit als gesellschaftliche und politische Diakonie“. Vergleichbare Pfarr-Stellen sind landesweit rar geworden, auch die in Gelsenkirchen wird sich, einen entsprechenden Synodenbeschluss vorausgesetzt, wandeln. Das Kirchenparlament wird am 25. November entscheiden, ob und wie es weiter geht mit der Stelle, die dann als Pfarramt für gesellschaftliche Verantwortung der Kirche besetzt werden könnte. „Irgendwie“, findet Heisig, knüpfe das ja an seine Arbeit an, beschäftigt habe ihn zunehmend ja auch „alles, was mit sozialen Fragen zusammen hängt“.

Gemeindepfarrer in Bulmke-Hüllen

1981 bis 1985 war Heisig Gemeindepfarrer in Bulmke, dann übernahm er das Industrie- und Sozialpfarramt. Etliche Initiativen hat Heisig seither mit angestoßen: Den Emscher-Lippe-Tauschring, die Beratungsstelle für Erwerbslose beispielsweise. „Es ist schön, dass alles weiterläuft“, bilanziert er. Berührungsängste hat er im kirchlichen Alltag nie gekannt, findet es völlig normal, wenn zum 1. Mai im Demozug hinter dem Kreuz der Arbeitslosigkeit die Internationale und „Großer Gott wir loben dich“ erklingen. „Klar“, sagt Heisig, bestünden da Gegensätze, „aber es hindert nicht, sich gemeinsam einzusetzen. Das hat mich immer gereizt.“

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