WAZ-Serie: 100 Jahre VHS

Traum wird wahr: Nach 21 Jahren Schulabschluss nachgeholt

VHS-Leiter Holger Gruner begrüßte die Abschlussklassen vor der Zeugnisübergabe an der Rolandstraße in Gelsenkirchen.

VHS-Leiter Holger Gruner begrüßte die Abschlussklassen vor der Zeugnisübergabe an der Rolandstraße in Gelsenkirchen.

Foto: Olaf Ziegler / Funke Foto Services GmbH

Gelsenkirchen.  Die Gelsenkirchenerin Jessica Wendland hat nach 21 Jahren ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. 44 weitere Schüler erhielten ihre VHS-Zeugnisse.

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Als sie im Alter von 15 Jahren mit ihrem ersten Sohn schwanger war, brach Jessica Wendland von einem Tag auf den anderen die Schule ab. Heute ist sie 36 und hält lächelnd ihr Abschlusszeugnis in die WAZ-Kamera: Die

Mutter von inzwischen fünf Kindern hat sich nach 21 Jahren einen großen Traum erfüllt und ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. „Mit einem Notendurchschnitt von 1,2 – ich hatte meinen Kindern schließlich etwas zu beweisen“, sagt sie lachend.

Der große Schritt zurück zur Schule

Vor einem knappen Jahr hat sie den großen Schritt gewagt und sich an der VHS Gelsenkirchen für den Kurs „Hauptschulabschluss nach Klasse 9“ eingeschrieben. „Das war ein lange gehegter Wunsch von mir, ich wollte unbedingt endlich einen Schulabschluss haben, weil ich gerne als Medizinisch Technische Assistentin (MTA) arbeiten möchte, und dafür braucht man ja eine Ausbildung“, betont die 36-Jährige. „Ich wollte das eigentlich schon viel eher machen, aber mein jüngstes Kind ist gerade erst fünf Jahre alt und ich habe auch erst jetzt einen Mann, der mir den Rücken frei hält, damit ich täglich zur Schule gehen kann“, erklärt sie. Die festen Unterrichtszeiten, jeweils montags bis freitags von 8.15 bis 11.30 Uhr, werden an der VHS streng kontrolliert und sind wahrscheinlich auch der Grund, warum viele „Nachholer“ ihr Ziel nicht im ersten Anlauf schaffen.

Viele Schüler brechen zwischendurch ab

„Wir sind mit 34 in der Klasse gestartet, bis zum Abschluss haben aber nur Acht durchgehalten“, so fasst es Jessica Wendland zusammen, die jetzt sogar noch weitermachen will: „Ab dem nächsten Semester mache ich den Kurs für die Fachoberschulreife“, erzählt sie. Den hat Patrycja Podobinska (20) gerade erfolgreich hier an der VHS absolviert. „Ich bin vor vier Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen, und weil das Schulsystem in meiner Heimat ganz anders ist, war es gar nicht so leicht, hier ins Bildungssystem einzusteigen“, berichtet die Gelsenkirchenerin. „An der Realschule gab es keinen Platz für mich, auch weil meine Deutschkenntnisse nicht so gut waren. Deshalb war ich sehr froh über das Angebot der VHS“, sagt die 20-Jährige und zeigt stolz ihr Zeugnis. Mit einem Notenschnitt von 2,5 kann sie nun am Eduard-

Spranger-Berufskolleg die Handelsschule besuchen. „Ich möchte gern Steuerberaterin werden, in Mathe bin ich nämlich besonders gut“, erklärt sie und zeigt lachend ihre Eins auf dem Zeugnis.

Musik als Wahlpflichtfach

Mit den beiden Schülerinnen konnten sich jetzt zum Ende des Semesters noch 43 weitere Lernende verschiedener Altersstufen über ihr Zeugnis freuen – sie wurden im VHS-Schulgebäude an der Rolandstraße 3 im Rahmen einer Feierstunde überreicht. Mitschüler musizierten dazu - am Akkordeon, an der Heimorgel und sogar am Kontrabass. „Wir sind eine der wenigen Schulen, an denen Musik ein Wahlpflichtfach ist“, erklärt Elena Albertovykaya, die bei der Volkshochschule den Bereich „Grundbildung und Schulabschlüsse“ verantwortet. „Seit über 30 Jahren bieten wir hier Schulabbrechern die Chance, ihren Abschluss nachzuholen“, sagt sie dann. Und dabei wird nicht nur dröge auf den Abschluss hin gepaukt. „Hier wird auch fürs Leben gelernt, wir unternehmen auch gemeinsame Exkursionen und machen Stadtrundgänge bei denen es viel zu entdecken gibt“, fügt Jutta Idelmann, die an der VHS unter anderem Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, hinzu. „Für mich als Dozentin ist es schön, zu sehen, welche Fortschritte die Schüler oft schon nach wenigen Wochen bei uns machen“, betont sie zum Abschied.

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