Kommentar

Kind ertrunken: Vorverurteilung der Eltern ist widerlich

Steffen Gaux, Leiter der WAZ-Redaktion Gelsenkirchen.  

Steffen Gaux, Leiter der WAZ-Redaktion Gelsenkirchen.  

Foto: Kai Kitschenberg / FFS

Gelsenkirchen.  Wer hat Schuld am Tod eines Zweijährigen im Gelsenkirchener Sport-Paradies? Einige Menschen meinen, die Antwort zu kennen. Ein Kommentar.

Es ist eine Tragödie, die diese Stadt zu Beginn der Woche erschüttert hat. Erneut – zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres – ist in einem Gelsenkirchener Schwimmbad ein kleines Kind ums Leben gekommen. Was für ein schreckliches Ereignis, das nun in erster Linie die Eltern und die Mitarbeiter im Sport-Paradies verarbeiten müssen.

Niemand hat das Recht, hier Spekulationen anzustellen

Wie genau es zu dem Drama gekommen ist, wird zurzeit ermittelt. Noch sind etliche Fragen offen. Um diese zu beantworten, sollten sich Polizei und Staatsanwaltschaft vielleicht einmal mit einigen Facebook-Nutzern und WAZ-Leserbrief-Schreibern unterhalten. Hier scheinen sehr viele ganz genau zu wissen, wie es zu dem Unglück gekommen ist. Ich zitiere: „Ein Ballerspiel auf dem Handy wird wohl wichtiger gewesen sein, als ein Kleinkind zu beaufsichtigen.“ Auch wenn der Absender diesem Satz ein „Ich will hier mal spekulieren“ voran setzte: Welches Recht hat ein vollkommen Unbeteiligter, derartige Spekulationen anzustellen? Gar keins!

Auf Facebook wird größtenteils nicht spekuliert, hier werden die Anschuldigungen quasi als Fakten am Fließband rausgehauen. Was denn da zu klären sei, fragt einer. Die Sache sei doch klar: Die Eltern sind schuld; die Eltern haben ihre Aufsichtspflicht verletzt; Eltern dürfen ein zweijähriges Kind nicht eine Sekunde aus den Augen lassen; die Mutter hat weggeschaut.

Für viele ist klar: Die Eltern sind schuld

Vorverurteilungen ohne Ende! Der Social-Media-Pranger läuft zur Höchstform auf. Die versammelte Facebook-Gemeinde hat ihr Urteil gesprochen – ohne Ermittlungen, ohne Verfahren. Die Eltern sind schuld. Klar. Wer sonst? Was genau im Schwimmbad passiert ist, warum der Kleine alleine im Wasser war, oder warum er ins Wasser gefallen ist? Egal. Die Eltern sind schuld. Dass etwas passiert ist, das die Eltern abgelenkt hat und das vielleicht auch jeden anderen abgelenkt hätte: Unvorstellbar. Scheinbar ist es deshalb auch völlig müßig, über die Sicherheit in Schwimmbädern zu reden.

Folgt man diesem Muster, müsste auch niemand über die Sicherheit im Straßenverkehr sprechen. Wenn ein Kind von einem Auto erfasst wird und stirbt, wer trägt dann die Schuld? Die Eltern, die ihre Aufsichtspflicht verletzt haben? In diesem Fall würde jeder erst über den Autofahrer sprechen und über die Frage, wie man jene Stelle verkehrssicherer machen kann. Nicht überall, wo ein Kind ums Leben kommt, sind eben gleich die Eltern schuld.

Schuldig wird man nur von einem Gericht gesprochen

Um es klar zu sagen: Natürlich kann es sein, dass die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Wenn es so war, werden die Ermittlungen das ergeben. Schuld sind die Eltern aber erst dann, wenn sie von einem Gericht schuldig gesprochen wurden. Und nicht, wenn Facebook-Nutzer der Meinung sind, dass sie schuldig sind. Diese Vorverurteilungen sind einfach nur widerlich.

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