Religion

Solidaritäts-Grüße für die jüdische Gemeinde Gelsenkirchen

Judith Neuwald-Tasbach (hinten) zeigt den Gästen im Innenhof der Neuen Synagoge in Gelsenkirchen den für das Laubhüttenfest errichteten und geschmückten Holzpavillon.

Judith Neuwald-Tasbach (hinten) zeigt den Gästen im Innenhof der Neuen Synagoge in Gelsenkirchen den für das Laubhüttenfest errichteten und geschmückten Holzpavillon.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Altstadt.  Beim Laubhüttenfest herrscht an der Synagoge in der Gelsenkirchener Altstadt Nervosität. Der Anschlag in Halle verstört viele Menschen nachhaltig.

Ein paar Kerzen stehen auf Tabletts, ein paar Rosen liegen an der Mauer der Neuen Synagoge. Wie immer ist ein Streifenwagen in Sichtweite geparkt, der Motor läuft. „Wir sind hier wie üblich“, meint der Fahrer, „24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.“ Zunächst nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht der Anschlag im sächsischen Halle auf die dortige Synagoge, bei der zwei Menschen starben. Beim Eintritt in das Gebäude wird eine ungewöhnliche Unruhe, große, abstrakte Nervosität spürbar.

Es ist Laubhüttenfest, „Sukkot“, aber nach dem Anschlag fällt ein Schatten auf das Fest. Immerhin geschah der Anschlag zu Jom Kippur, dem Versöhnungsfest. Die Kontrollen am schleusenartigen Eingang sind strenger als gewöhnlich, wer nicht gleich erkannt wird, nicht persönlich bekannt ist, muss warten, verständlich.

Viele Besucher beim „Sukkot“ als Zeichen der Solidarität

Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzender der jüdischen Ortsgemeinde, lächelt bei der Begrüßung im Foyer. „Auch das ist eine Form der Solidarität, dass sich gerade heute so viele Besucher angemeldet haben.“ Die Gäste werden in den Saal gebeten, sollen etwas über den Hintergrund des Festes erfahren.

Die Gemeinschaft ist uns besonders wichtig, und gerade heute wollen wir sie pflegen“, betont sie, „wir fühlen uns hier gut geschützt. Das ist beruhigend für unsere Mitglieder, dass sie sicher sind, dass ihnen nicht so etwas Furchtbares geschieht wie in Halle.“

Im Innenhof ist ein Pavillon aufgebaut, stellvertretend für die Laubhütte nach alttestamentarischem Vorbild. Neuwald-Tasbach beschreibt, gerade heute würden die Juden intensiv leben, es sei wichtig, die Religion in Deutschland auszuüben, dass es weitergehe trotz aller Verzweiflung, die die Menschen jetzt spürten.

„Wir haben eine unglaubliche Menge von Rückmeldungen bekommen seit dem Anschlag in Halle“, schildert sie, und unterstreicht: „Was da passiert ist, das stellt nicht die Mehrheit der Menschen, nicht ihre Haltung dar. Die Mehrheit der Menschen will einfach friedlich zusammenleben. Und die Zeichen der Solidarität und des Mitgefühls in unserer Stadt haben uns doch sehr aufgerichtet.“ Die vielen Nachrichten sollen in den nächsten Tagen am Schwarzen Brett der Synagoge aufgehängt werden.

Begegnung beim Essen in der Laubhütte

Die freundliche Begrüßung entspannt die Atmosphäre, aber als das Stichwort „Gottesdienst“ fällt, fragt ein Besucher doch vorsichtig, ob die Gäste denn überhaupt teilnehmen könnten und dürften. „Sie sind bei uns, sie sind willkommen“, heißt es unmissverständlich, geradezu selbstverständlich dürfen sie. Für die Besucher gibt es Übersetzungen der hebräischen Gebete, „die kennen Sie aber sowieso aus dem Alten Testament, und der Rabbiner sagt die Seiten an und erklärt alles“, erfahren sie noch.

Auch nach dem Gottesdienst währt die Gemeinschaft weiter, alle sind zur Begegnung in der Laubhütte im Hof eingeladen, es gibt Schnittchen, Salat, ein Nudelgericht, Brot, Wein und Wasser. Das Laubhüttenfest bezieht sich auf den Auszug der Israeliten aus Ägypten, den Exodus, bei dem sie der Überlieferung nach in unfertigen Hütten ohne Dach übernachteten.

„Uns ist es wichtig, diese Tradition nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch weiterzugeben“, erläutert die Vorsitzende. „Aber heute übernachten nicht mehr so viele wirklich in der Laubhütte“, setzt sie lächelnd dazu. Auch, dass die Palmzweige und die Myrrhe für den Schmuck zum Festtag gerade noch vor Beginn des Gottesdienstes angeliefert werden, zeigt vielleicht: Es ist nicht alles anders. Und das Laubhüttenfest wird begangen wie vor tausenden von Jahren.

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