Leben auf der Straße

Obdachlos: 15 Menschen machen in Gelsenkirchen „Platte“

Informationsaustausch am Arzt Mobil, einer der Akteure in Gelsenkirchen, die sich um Wohnungs- und Obdachlose kümmern: Die Streetworkerinnen Georgina Radons und Jennifer Ruhnau (v.r.) unterhalten sich mit der Ärztin Maria Behling, die Obdachlose und Drogenabhängige betreut und behandelt.

Informationsaustausch am Arzt Mobil, einer der Akteure in Gelsenkirchen, die sich um Wohnungs- und Obdachlose kümmern: Die Streetworkerinnen Georgina Radons und Jennifer Ruhnau (v.r.) unterhalten sich mit der Ärztin Maria Behling, die Obdachlose und Drogenabhängige betreut und behandelt.

Foto: Lutz von Staegmann / Funke Foto Services

Gelsenkirchen.  15 Personen in Gelsenkirchen haben kein Zuhause, fast 300 sind wohnungslos. Die städtische Sozialdezernent will Hilfsangebote enger vernetzen.

Offizielle Statistiken über die Zahl der Obdach- und Wohnungslosen gibt es nicht, schon gar nicht ein einheitliches Erfassungssystem. Nach jüngsten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) waren 2017 rund 650.000 Menschen ohne Wohnung, ohne den Einbezug anerkannt Geflüchteter sind es der BAG zufolge 275.000.

Ein Thema, dass auch Gelsenkirchens Sozialdezernenten Luidger Wolterhoff umtreibt. Er sagt: „Jeder Wohnungslose ist einer zuviel.“ Er möchte daher das lokale Hilfssystem verfeinern. Eine erste Bestandsaufnahme im Sozialausschuss diente als Grundlage für die angestrebte Diskussion über alle Parteigrenzen hinweg.

Weil es keine belastbaren Zahlen für Wohnungslosigkeit gibt, hat die Stadt in diesem Bereich tätige Fachkräfte befragt. „Heraus kam“, so Wolterhoff, „dass in Gelsenkirchen etwa zehn bis 15 Menschen ohne weitgehend jegliche Unterkunft sind und rund um die Uhr im öffentlichen Raum leben.“

100 Plätze in Gelsenkirchener Notunterkünften

Als wohnungslos werden Menschen bezeichnet, die über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen. Sie übernachten beispielsweise in einer Notunterkunft, einer stationären Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Einige kommen auch bei Freunden oder Bekannten unter. „Wohnungslose schämen sich oft für ihre Situation und bemühen sich, nicht als wohnungslos erkannt zu werden. Deswegen fällt Wohnungslosigkeit in der Gesellschaft kaum auf“, so Wolterhoff. Ein Grund, warum das Thema so schwer in Zahlen zu erfassen ist.

Menschen ohne festen Wohnsitz

Obdachlos hingegen sind Menschen, die keinen festen Wohnsitz und keine Unterkunft haben. Sie übernachten manchmal in leerstehenden Häusern, oft im öffentlichen Raum wie beispielsweise in Parks, Gärten oder U-Bahnstationen. „Sie machen dann Platte, wie es umgangssprachlich heißt“, so der Sozialdezernent.

Das Handlungsfeld Wohnungslosigkeit umfasst aber auch jene, die vom Verlust ihrer Bleibe bedroht sind, was dem Thema eine andere Dimension verleiht. Wolterhoff: „Zum 30. Juni 2018 waren 120 Personen kommunal und ordnungsrechtlichuntergebracht und 173 Menschen wurden durch freie Träger der Wohnungsnotfallhilfe betreut oder untergebracht.“ Und der zentralen Fachstelle für Wohnungsnotfälle (ZFW) der Stadt seien 2018 insgesamt 765 Räumungsklagen übermittelt worden. „Wir haben 417 Räumungstermine sozialarbeiterisch begleitet. In 131 Fällen wurden die Mietschulden übernommen.“ Damit nimmt Gelsenkirchen unter den 53. Kreisen und Städten landesweit Rang 46 ein.

Oft flüchten Betroffene wieder in ihr altes Leben

Was die Übersicht über Personen ohne ein Zuhause so kniffelig macht, ist, dass „diese Menschen überdurchschnittlich oft von psycho-sozialen Problemlagen betroffen sind“, sagt Wolterhoff. Schwere Schicksalsschläge, Krankheiten und Sucht würfen sie aus der Bahn und ins Abseits der öffentlichen Wahrnehmung und des Lebens. „Scham, Angst, Scheu oder auch die ungewohnte Enge, wieder in vier Wänden zu leben, macht es außerordentlich schwer, mit ihnen in Kontakt zu treten und Hilfen auf den Weg zu bringen.“ Oft flüchten Betroffene wieder in ihr altes Leben. Ein Beleg dafür ist die Tatsache, „dass die gut 100 Plätze in den Notunterkünften bis dato nie ausgelastet waren.“

Obdachlose sind oft Wind und Wetter ausgesetzt

Speziell für Obdachlose kommt hinzu, dass sie Wind und Wetter ausgesetzt sind und ärztliche Versorgung nur rudimentär in Anspruch nehmen. Ohne Rückzugsraum fehlt ihnen eine Grundlage zum Erhalt ihrer Gesundheit. Wolterhoffs Schlussfolgerung: „Unsere Anstrengungen zur Vermeidung und Beendigung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit dürfen nicht nur auf die Sicherung und Bereitstellung von Wohnraum gerichtet sein, sondern müssen auch immer Angebote zur gesundheitlichen Versorgung, insbesondere psycho-soziale Angebote beinhalten.“ Daher die Maßgabe, Stadt, Träger der freien Wohlfahrtspflege und Unterstützer aus der Bürgerschaft enger zu vernetzen.

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