Prozess

Mutter spricht nach Tod ihres Babys von Erinnerungslücken

Sie soll ihren drei Monate alten Sohn getötet haben: Amalia B. (r.) im Gespräch mit ihrem Verteidiger Bernhard Scholz.

Sie soll ihren drei Monate alten Sohn getötet haben: Amalia B. (r.) im Gespräch mit ihrem Verteidiger Bernhard Scholz.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen/Gelsenkirchen  Eine Mutter aus Gelsenkirchen ist nach dem Tod ihres Babys angeklagt. Die Frau war zur Tatzeit alkoholisiert und spricht von Erinnerungslücken.

Justizwachtmeister führen die 35-Jährige am Freitagmorgen in den Schwurgerichtssaal. Klein und zierlich ist Amalia B., macht einen gepflegten Eindruck. Doch sie ist die Frau, die laut Anklage am 7. Januar in Gelsenkirchen-Heßler ihren Sohn durch “massive Gewalteinwirkung auf den Kopf“ getötet haben soll. Drei Monate alt wurde Iustin Fabia. Seine Mutter muss sich jetzt wegen Totschlags vor dem Essener Schwurgericht verantworten.

Amalia B. beruft sich am Freitag auf Erinnerungslücken und lässt ihren Verteidiger Bernhard Scholz eine Erklärung abgeben. Für Nachfragen des Gerichtes stehe sie nicht zur Verfügung, sagt Scholz. Was ihr Gefühlsleben angeht, auch darüber gibt der Anwalt Auskunft: „Sie ist bestürzt über den Verlust ihres Sohnes und kann sich den Vorwurf nicht erklären. Das liegt auch daran, dass sie damals erheblich Alkohol konsumiert hatte und nur Erinnerungslücken hat.“ Mehrere Blutproben hatte die Polizei ihr nach der Festnahme abnehmen lassen, sie zeigten zwischen 2,44 und 2,77 Promille Alkohol im Blut. Volltrunken, ein Wert, den nur Alkoholiker erreichen.

Iustin Fabian als Wunschkind bezeichnet

Bestürzt sei die Mandantin auch, erzählt der Verteidiger, weil Iustin Fabian ein Wunschkind gewesen sei. Sie habe in der Vergangenheit mehrere Abtreibungen gemacht, zuletzt aber über Jahre versucht, mit ihrem Mann ein Kind zu bekommen. Am 4. Oktober 2018 kam Iustin zur Welt.

Erst im August waren seine Eltern aus ihrer rumänischen Heimat nach Deutschland gezogen, einen Monat zuvor hatten sie in Rumänien geheiratet. Der Mann hatte in Deutschland eine Arbeitsstelle. Als er sie nach kurzer Zeit verloren habe, sei dem Paar auch die Wohnung gekündigt worden. So seien sie als Untermieter bei einem Bekannten eingezogen, der in der Grothusstraße in Gelsenkirchen lebte.

Am Telefon heftiger Streit mit dem Mann

Laut Anklage hatte Amalia B. am Tattag heftigen Streit mit ihrem Mann. Er hielt sich in Passau auf, und sie beschwerte sich telefonisch, dass sie einkaufen wolle, das Kind dabei aber störe. Reichlich soll sie danach schon tagsüber dem Alkohol zugesprochen haben. Anwalt Scholz: „Harter und klarer Alkohol.“

Wann genau dem Kind am 7. Januar was passiert ist, darüber gibt es keine Angaben in der Anklage. Es heißt lediglich, dass die 35-Jährige „zu einem unbekannten Zeitpunkt mit einer nicht mehr aufklärbaren massiven Gewalteinwirkung“ Iustin verletzt habe.

Nachbarin fiel das verletzte Kind auf

Mehr Details gibt es zu den Besuchen, die Amalia B. gegen 18.30 Uhr in der Wohnung empfangen hat. Nachbarn sind es. Einer der Frauen sei aufgefallen, dass das Kind Blutergüsse und Kratzer hatte. „Hast Du ihn auf den Boden geworfen?“, soll sie gefragt haben. Amalia B. soll knapp geantwortet haben: „Das bleibt ein Geheimnis.“ Noch prüft die Staatsanwaltschaft, ob gegen die Besucherinnen ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet wird, ob sie das Ausmaß der Verletzungen überhaupt erkennen konnten.

Eine Stunde nach dem Besuch der Nachbarn soll Amalia B. auf Facebook einen Kommentar über ihren Sohn geschrieben haben: „Ich gebe ihn ab. Sein Vater ist ein Arschloch und widerlich.“ Anschließend kommt es zu Telefonaten mit der Polizei wegen angeblicher Gewalttätigkeiten ihres Mannes. Nachher bestreitet sie, angerufen zu haben.

Reanimation des Babys bleibt ohne Erfolg

Erst gegen 21.45 Uhr wird die Feuerwehr alarmiert. Sie beginnt sofort damit, den Säugling zu reanimieren. Vergeblich. Eine Stunde später stirbt er im Marienhospital.

In der Erklärung ihres Anwaltes ist viel von Erinnerungslücken die Rede. Auch davon, dass das Kind viel geschrien habe und sie „überfordert, müde und erschöpft“ gewesen sei.

Andeutungen nennen die Nachbarn als Täter

Aber es tauchen auch Andeutungen auf, dass nicht sie verantwortlich für den Tod des Babys sei, sondern die Nachbarn. Zwei hätten ihr nämlich am Tattag im Bad die Haare geschnitten. Als das Kind im Nebenraum schrie, sei eine der Frauen zu ihm gegangen. Als Amalia B. den Jungen später gesehen habe, so der Anwalt, sei sein Zustand ihr sofort aufgefallen. Sie habe mit seiner Reanimation begonnen und nach dem Notarzt verlangt. Danach hat wohl wieder die Erinnerung ausgesetzt. Konkreter wird der Anwalt nicht.

Weit kommt das Schwurgericht am Freitag nicht. Der Vater des toten Babys, der sich dem Prozess als Nebenkläger angeschlossen hat, sollte eigentlich als Zeuge vernommen werden, ist aber nicht da. Jetzt soll er 200 Euro Ordnungsgeld zahlen. Und das Gericht hat schon angekündigt, zu den bisher geplanten zehn Verhandlungstagen noch vier weitere anzuhängen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben