Modellhaus NRW

Haus Reichstein: Gelsenkirchener Sanierungsfall als Vorbild

Schmuckes Schloss: Architekt Ulrich Piel im Haus Reichstein an der Bochumer Straße in Gelsenkirchen. Die Haussanierung wird mit Städtebaumitteln gefördert, das Gebäude auf zehn Jahre zum Modellprojekt für Stadt und Land.

Schmuckes Schloss: Architekt Ulrich Piel im Haus Reichstein an der Bochumer Straße in Gelsenkirchen. Die Haussanierung wird mit Städtebaumitteln gefördert, das Gebäude auf zehn Jahre zum Modellprojekt für Stadt und Land.

Foto: Joachim Kleine-Büning / Funke Foto Services GmbH

Gelsenkirchen-Ückendorf.   Schwamm und Pilzbefall sind eigentlich bauliche Katastrophen. Im Haus Reichstein in Gelsenkirchen dienen sie als Beispiel für gute Sanierung.

Ein paar Stahlstützen und frisches Holzwerk halten das, was mal war und beugen weiterem Verfall vor: Feuchtigkeit, Kälte und Hitze im Wechsel haben in Verbindung mit Zeit, Holzwurm und Pilzsporen ganze Arbeit geleistet: Von alten Balken blieb ein modriger Rest, das Holz ist zerbröselt, zerfasert, braunschwarz und feucht. „Das wird am Ende so weich wie Moos“, sagt Gordon Galert. „Stellenweise ist das schon grenzwertig“, ergänzt Ulrich Piel. Die beiden Architekten vom Gelsenkirchener Büro Piel Galert begleiten die Altbausanierung.

Anschauungsmaterial für Bauherren

Als Konstruktionsteil haben die alten Holzverbindungen ausgedient, als Anschauungsmaterial nicht. Im Haus Reichstein in Ückendorf zeigen sie auf, wie beispielsweise Hausschwamm wirkt. Und was Bauleute, die angetreten sind, das schwer angeranzte Gebäude – mit Städtebaufördermitteln – zur NRW-Vorzeigeimmobilie für die Bestandssanierung zu machen, dagegen tun können.

Das Haus Reichstein, Bochumer Straße 114, Baujahr 1902, ehemalige Kneipe und durchaus gediegenes Wohnhaus mit schmucker Fassade, wird wiederbelebt. Das Gebäude in Ückendorf ist ein schwieriger Patient, aber steht eben auch beispielhaft dafür, was rundum in diversen Häusern passiert, um dem Viertel neuen Auftrieb zu geben. Dazu sind Stadterneuerungsgesellschaft SEG, städtische Planer und Architekten angetreten.

Bautagebuch und Internetauftritt

Haus Reichstein ist ein Haus mit eigener Internetadresse, mit Bautagebuch, mit Veranstaltungsprogramm. Und mit viel Arbeit, die dokumentiert wird, auch um Hauseigentümern über einen Zeitraum von zehn Jahren zu zeigen, was man mit vermeintlich hoffnungslosen Fällen machen, wie eine Sanierung erfolgen kann.

Ausgemauerte Fachwerk-Innenwände

In einem Video mit Handwerkern wird beispielsweise gezeigt, wie Zimmerleute und Dachdecker vorgehen, um Schäden zu beheben. „Wir informieren auf verständliche Weise, was wir hier machen“, sagt Matthias Krentzek, der für das Haus Reichstein so etwas wie der PR-Mann ist. Zudem werden im Haus jeweils an den Baustand angepasst Räume geschaffen, in dem für Besucher einzelne Renovierungsschritte dokumentiert werden. Beispielsweise der Bodenaufbau, die Erneuerung der Gauben oder die künftige Gestaltung der ausgemauerten Fachwerk-Innenwände. „Aktuell haben wir die teils freigelegt, um das statische System erkennen zu können“, sagt Architekt Galert.

Es gibt keine Baupläne mehr

Vom Haus gibt es keine Baupläne mehr. Sanierung ist hier erstmal mit Grundlagenforschung verbunden.

Etage für Etage geht es aufwärts. Vorbei an diversen Schadenstellen. „Das Haus hat leer gestanden. In der Zeit ist ziemlich viel Wasser reingelaufen. Dazu keine Heizung. Das ist ideales Besiedlungsbild für allerlei Holzschädlinge“, sagt Piel. Doch Besserung ist in Sicht, dem Pilz geht es an die Nahrungsgrundlage: „Wir haben ihm erstmal Zugluft verpasst. das mag er nicht. Die befallenen Bereiche werden dann biozidfrei behandelt, dann gibt er auf.“ Bei der Sanierung, so die Architekten, werde man „substanzschonend vorgehen. Wir entsorgen die alten Balken nicht komplett“. Doch noch werde es „ein paar Wochen brauchen, bis der letzte Pfeiler gesetzt wird“.

Balkon für die Fassade zum Innenhof

Im nächsten Schritt werden dann wieder Fenster eingepasst. „Wir lassen jetzt richtige Holzfenster bauen wie sie früher waren“, sagt Piel. Im zweiten Schritt wird ausgebaut. Das Haus bekommt nach hinten raus Balkone vorgestellt. Die großzügige Hoffläche wurde bereits von Anbauten und Kegelbahn befreit. Hier soll ein ruhiger, begrünter Innenhof entstehen.

Die Deckenhöhen im Haus Reichstein sind enorm, die Etagenzuschnitte recht großzügig. Zwischen-Doppeltüren, Stuckelemente und Holzzierwerk erinnern daran, dass das hier mal eine bessere Wohnadresse war. Noch ist der Zugang zum Vorzeige-Modellprojekt begrenzt. Maximal 40 Besucher dürfen (mit Bauhelm!) ins Gebäude, bevorzugt in die alte Stehbierhalle, die bereits auch Veranstaltungsort ist. „Für Fachvorträge“, stellt Krentzek fest, sei das eine ideale Anzahl. Mehrere hat es zuletzt gegeben – naheliegenderweise zum Holzschutz. Aber auch zur Bier-Geschichte, Verkostung inklusive.

Gutachter sieht Altbau-Isolierung kritisch

Joachim Cloppenburg, Sachverständiger für Holz- und Bautenschutz, hielt seinen Vortrag für Bauherren, Handwerker und Architekten. Seine Themen: Weiß- und Braunfäule, Holzbockbefall oder Holzwurmfraß und was man dagegen macht (und warum man Altbau-Isolierung kritisch sehen sollte). Seit 1989 ist Cloppenburg als Gutachter tätig, fertigt im Schnitt 200 Gutachten pro Jahr. „Das heißt, ich habe so einiges gesehen in meinem Leben“, sagt er. Auch im Haus Reichstein ist seine Expertise als Sachverständiger gefragt. Dabei geht er durchaus pragmatisch vor. Die Hauptbotschaft: Auch Hausschwamm ist in den Griff zu kriegen, Pilze sind kein Riesenfiasko. Sein Credo: „Befallenes Holz raus, neues rein. Trocken halten. Pilze kommen mit Wasser und dementsprechend gehen sie auch ohne Wasser. In trockenem Holz wächst kein Pilz.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben